"Wir sind fünf nach zwölf"
Heike Gündling, Managing Partner & Founder der Add Real GmbH, Nilas Möllenkamp, Co-Founder von Aight RE, und Prof. Dr. Christian Schlicht, Co-Founder von Real Gain, ordnen im Interview den KI-Wandel in der Immobilienwirtschaft ein.
Und die die Branchenexperten machen im Gespräch deutlich, warum Daten und Prozesse wichtiger sind als reine KI-Modelle.
Vom Datenchaos zur KI-Fähigkeit
Frau Gündling, viele Unternehmen wollen KI einsetzen – aber wie viele kommen mit wirklich aufgeräumten Daten zu Ihnen?
Heike Gündling: Die meisten kommen genau mit diesem Problem: Die Daten sind nicht aufgeräumt. Und das Entscheidende ist – die meisten fragen noch nicht einmal, ob ihre Daten KI-tauglich sind. Stattdessen fragen sie: Welche Software soll ich kaufen? Das ist die komplett falsche Frage.
Die richtige lautet: Bin ich überhaupt KI-fähig? Welche Voraussetzungen muss ich auf der Datenseite schaffen? Und auch die eigene Organisationsstruktur muss KI-fähig gemacht werden. Was das Versäumnis kostet? Es sind Opportunitätskosten. Wer das jetzt nicht angeht, verliert das Zeitfenster.
Wenn die Frage also nicht "welche Software?" lautet, sondern "wie baue ich KI-Fähigkeit auf?" – dann stellt sich, Herr Möllenkamp, die Frage nach dem Ob ebenso wie nach dem Wie. Was macht das konkret anders?
Nilas Möllenkamp: KI gibt uns heute die Möglichkeit, unstrukturierte Daten zu nutzen und in strukturierte zu überführen. Das verändert alles. Was die etablierten Anbieter betrifft: Ich glaube nicht, dass sie die großen Profiteure dieser Entwicklung sein werden.
Was ich heute für zwanzigtausend Euro pro Jahr kaufe, kann ich mir als Unternehmen in zwei Tagen selbst bauen – nicht als perfektes Universaltool, aber perfekt für meine eigenen Anforderungen. Man muss also ernsthaft abwägen: Baue ich mir etwas Individuelles, das hundert Prozent meiner Anforderungen erfüllt – oder kaufe ich ein Standardprodukt, von dem ich vierzig Prozent nutze?
Das Argument "selbst bauen statt kaufen" setzt freilich voraus, dass generische KI-Technologie tatsächlich immobilienwirtschaftliche Spezifika abbilden kann. Herr Schlicht, wie weit trägt generische KI hier wirklich?
Prof. Dr. Christian Schlicht: Genau das ist der Grund, warum wir Real Gain gegründet haben – einen Marktplatz für agentische Tools in der Immobilienwirtschaft.
Wir haben zwei zentrale Herausforderungen in der Branche: mangelnde KI-Kompetenz und den demografischen Wandel. Die Babyboomer-Generation geht in Rente und nimmt enormes Fachwissen mit. Unsere Antwort: immobilienspezifisches Wissen kuratieren und als KI-Agenten bereitstellen.
Beleihungswertgutachten, die früher sehr zeitaufwendig waren, erstellt heute ein KI-Agent. Ebenso die Buy-Side-Due-Diligence. Das müssen die Kolleginnen und Kollegen aus der klassischen Beratung natürlich nicht gerne hören – aber es ist die Realität.
KI-Agenten verändern die Immobilienberatung
Frau Gündling, wenn KI-Agenten klassische Beratungsleistungen übernehmen – wo lohnt sich KI im Asset und Property Management wirklich, und wo bleibt es ein teures Experiment?
Gündling: KI lohnt sich überall dort, wo Prozesse stark informations- und dokumentenintensiv sind: Betriebskostenabrechnungen, Reporting, Research, Analysen – klar lohnenswert. Was das Wettbewerbsbild betrifft: Heute können auch wenige, innovative Akteure mit einer Handvoll Mitarbeitender die großen Fondsmanager herausfordern.
Das ist der Entmonopolisierungseffekt – und er ist real. Aber dieses Zeitfenster schließt sich. Der Markt wird sich wie eine Hantel entwickeln: auf der einen Seite sehr große, leistungsfähige Plattformen, auf der anderen sehr viele kleine, kompetente Nischenanbieter. Der Druck trifft vor allem die Mitte – alles, was durchschnittlich aufgestellt ist und keine klare Positionierung hat.
Diese Verschiebung betrifft nicht nur Marktstrukturen, sondern auch Entscheidungsprozesse selbst. Herr Schlicht, welche Entscheidungen können KI-Agenten heute bereits besser treffen als ein erfahrener menschlicher Analyst?
Prof. Dr. Schlicht: Die Anlagenerfassung – eindeutig. Wer seine technischen Anlagen im Portfolio nicht im Blick hat, riskiert ernsthafte Probleme: bei behördlichen Anforderungen ebenso wie beim ESG-Reporting. Die KI-gestützte Erfassung über Bilderkennung, Typenschilder und Anlagendokumentation ist heute deutlich leistungsfähiger als klassische Technical Due Diligences. Gleichzeitig: Der Mensch muss die Kontrolle behalten. Human in the Loop bleibt essenziell. Aber wir müssen uns sehr schnell bereit machen – und da sind wir bereits fünf nach zwölf.
Wenn KI-Modelle aber für alle verfügbar sind – ist KI dann nicht einfach ein weiteres Commodity-Tool, das niemandem einen echten Vorsprung bringt?
Gündling: Als reines Modell – ja, das ist zunächst ein Commodity. Entscheidend ist aber, was man daraus macht. Der Wettbewerbsvorteil entsteht durch proprietäre Daten und das, was der Mensch einbringt: Feedback, Korrektive, Erfahrungswerte. Unternehmen müssen jetzt daran arbeiten, aus diesem Commodity etwas Singuläres zu entwickeln.
Die Modelle werden alle paar Monate besser – aber entscheidend ist, was ich damit tue und wie ich meine Prozesse und Daten verbessere. Das erfordert Hirnschmalz – das lässt sich nicht delegieren.
Der KI-Vorsprung der Immobilienbranche entsteht jetzt
Herr Schlicht, was kommt in den nächsten zwölf Monaten auf die Branche zu – und was wird unterschätzt?
Prof. Dr. Schlicht: KI-Agenten werden sich weiter etablieren – und man muss kein Entwickler sein, um davon zu profitieren. Drei No-Code- und Low-Code-Wege stehen heute offen: Wissensbasen aufbauen, Prompts entwickeln, agentische Workflows bauen. Wer wartet, bis der ERP-Hersteller ein KI-Feature einbaut, macht sich abhängig.
Die eigene Business-Logik muss jetzt selbst umgesetzt werden. Meine Prognose: Noch dieses Jahr KI-Agenten – und nächstes Jahr beginnt die Verbindung mit der physischen Welt, wenn KI direkt mit dem Gebäude interagiert.
Eine letzte Frage an alle drei: Was sollte ein Immobilienunternehmen heute sofort tun, um in zwei Jahren nicht abgehängt zu sein?
Möllenkamp: Ganz pragmatisch: ein konkretes Large Language Model - egal welches - einführen und die Mitarbeiter schulen. Damit kann jede und jeder sofort effizienter arbeiten. Das ist der einfachste und direkteste Einstieg.
Gündling: Raus aus den vielen Parallel-Piloten. Nehmen Sie einen Prozess, bei dem Sie täglich bluten, denken Sie ihn von A bis Z durch und setzen Sie ihn konsequent auf KI-Basis um. Dabei sehen Sie sofort, wo Daten fehlen, wo Prozesse unsauber sind – und wo Schulungsbedarf besteht. Und ein klares Warnsignal: Artikel 4 der EU-KI-Verordnung schreibt Kompetenznachweise vor. Wer auf Fristverlängerungen spekuliert, geht echte Haftungsrisiken ein.
Prof. Dr. Schlicht: Halten Sie jeder und jedem Mitarbeitenden ein Mikrofon unter die Nase, transkribieren Sie das Gespräch, verschriftlichen Sie Prozesse und Wissen – und überführen Sie das in agentische Workflows. Das Besteck liegt auf dem Tisch, das Essen ist angerichtet. Jetzt müssen wir anfangen zu essen.
Das redaktionell bearbeitete Gespräch wurde im Rahmen der Real Estate Arena 2026 aufgezeichnet.
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