Studie: "Energiekosten-Kollaps" bei unsanierten Häusern erwartet

Die hohen Gaspreise könnten zu einem "Energiekosten-Kollaps" bei energetisch schlechten, ungedämmten Häusern führen. In einer Wohnung mit hohem Verbrauch dürften die Kosten auf rund 5.600 Euro steigen, rechnet eine neue Studie vor. Schuld seien die Politik und ihre Förderstrategie.

Eine neue Studie des Forschungsinstituts für Wärmeschutz (FIW) München im Auftrag des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG) hat berechnet, welche konkreten Kostensteigerungen private Wohnhaushalte zu erwarten haben, wenn sie Gas als Energieträger nutzen.

Jan Peter Hinrichs, Geschäftsführer des BuVEG, geht davon aus, dass sich Bewohner von energetisch schlechten, ungedämmten Häusern auf Preissteigerungen von 150 Prozent einstellen müssen. Die Studie zeige, dass in einem Einfamilienhaus mit einem jährlichen Betrag von zirka 12.000 Euro gerechnet werden muss. In einer Wohnung mit hohem Gasverbrauch könnten die Kosten demnach auf rund 5.600 Euro steigen. Große Teile der Bevölkerung stünden vor einem "Energiekosten-Kollaps", erwartet Hinrichs.

Energiekosten: Gas-Umlage belastet zusätzlich

Studienautor Andreas H. Holm, Professor für Bauphysik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München und Institutsleiter des FIW, sieht die Ursachen für die außergewöhnlich hohen Gaskosten für die Verbraucher nicht alleine als Folge des Krieges in der Ukraine: "Die Gebäude in Deutschland verbrauchen zu viel Energie. Das sind die Konsequenzen einer Politik und Förderstrategie, die sich zu wenig auf die Verbrauchsreduzierung im Gebäudebestand konzentriert", ist Holm überzeugt.

Neben der reinen Steigerung der Energiepreise kommt außerdem die am 15.8.2022 beschlossene Gas-Umlage von 2,419 Cent pro Kilowattstunde zusätzlich als finanzielle Belastung hinzu.

Der Studie zufolge wird in etwa der Hälfte der Bestandsgebäude in Deutschland Gas zum Heizen und für Warmwasser genutzt – dabei gehören rund 30 Prozent der Wohnhäuser zu den schlechtesten Effizienzklassen "G" und "H", die mehr als 50 Prozent des Energiegesamtverbrauchs im Gebäudesektor ausmachen. Die Sanierungsquote an der Gebäudehülle stagniert demnach seit Jahren bei unter ein Prozent.

FIW-BuVEG-Studie "Auswirkung der aktuellen Preissteigerung auf die Energiekosten privater Haushalte"

Energetische Gebäudesanierung rechnet sich schnell

Energieeffizientes Sanieren kommt dem Klima zugute, ist wirtschaftlich gerechtfertigt und amortisiert sich vor allem angesichts der steigenden Energiepreise schnell, war die Quintessenz einer anderen Studie von FIW und BuVEG unter dem Titel "Auswirkung der aktuellen Preissteigerung auf die Wirtschaftlichkeit energetischen Modernisierungsmaßnahmen". Darin hieß es, dass sich die Maßnahmen innerhalb weniger Jahre lohnen – vorausgesetzt die staatlichen Förderungen werden verstetigt.

Die zentralen Erkenntnisse der Studie:

  1. Wenn die Sanierungsquote auf zwei Prozent gesteigert wird, kann der Gasverbrauch des Gebäudesektors in Deutschland bis 2030 um 40 Prozent sinken. Gleichzeitig sinken die Treibhausgasemissionen um bis zu 87 Prozent.
  2. Ab spätestens 2030 sind die Betriebs- und Instandhaltungskosten unsanierter Gebäude höher als bei sanierten Gebäuden, bei denen die Investitionskosten bereits enthalten sind. Die Differenz der Energiekosten von sanierten zu unsanierten Häusern beläuft sich dann auf mehr als das Doppelte, Tendenz massiv steigend.

"Wenn wir nicht handeln, laufen wir außerdem ungebremst in das Problem der Energiearmut in unserer Gesellschaft hinein", erklärte BuVEG-Geschäftsführer Hinrichs vor rund einem halben Jahr. "Viele Menschen werden sich ein warmes Zuhause nicht mehr leisten können. Wir müssen die Wärme im Gebäude halten."

DZ Bank: Sanierungstempo steigern – ohne die Wirtschaftlichkeit zu vergessen

Doch nicht nur ist die Sanierung des riesigen Bestands mühsam, auch neue Wohntrends machen viele Fortschritte zunichte – so lautet die These der Studie "Immobilien: Der Klimawandel als Herkulesaufgabe" der DZ Bank.

Die direkten Treibhausgas (CO2)-Emissionen des Gebäudebestands stagnieren dem Institut zufolge seit 2014 bei rund 120 Millionen Tonnen pro Jahr. Ein Grund dafür sei, dass die Deutschen im Durchschnitt auf immer mehr Platz wohnen, was sich ungünstig auf den Energieverbrauch und auf die Emissionen auswirke. Die wachsende Zahl an Singlehaushalten und der seit Corona verstärkte Wunsch nach großen Wohnungen – auch mit Blick auf Homeoffice – dürften das Flächenwachstum weiter vorantreiben, schreiben die Autoren.

Schlecht für die Klimabilanz sei auch die große Zahl "alter" Immobilien in Deutschland. Der Großteil der 20 Millionen Wohngebäude mit knapp 43 Millionen Wohnungen brauche viel Energie, oft noch aus Öl und Gas. Die bei neuen Häusern beliebten Wärmepumpen spielten im Bestand bisher kaum eine Rolle.

"Das Sanierungstempo muss steigen, ohne Mieter und Eigentümer zu überfordern", schlussfolgert die DZ Bank in der Studie. Um den Spagat zwischen Klimaschutz und bezahlbarem Wohnen zu schaffen, seien eine bessere Effizienz und die Koordination von Maßnahmen nötig – niedrige Zinsen, Förderdarlehen und Zuschüsse etwa zum Dämmen könnten helfen.


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Schlagworte zum Thema:  Wohnungsbau, Klimaschutz