Grüne Wende am Bau: Alte Gebäude, neue Chancen?

Der Stadtplaner Daniel Fuhrhop sorgte 2015 mit einer Streitschrift gegen Abriss und Neubau für Aufsehen. Es sei ökologisch sinnvoller, Altbauten kreativ umzunutzen, so die These. Jetzt fordern weitere Architekten ein radikales Umdenken: Gebäude würden oft zu früh abgerissen.

Die Zahlen rund um CO2-Ausstoß und Energieverbrauch in der Baubranche seien alarmierend, schreiben Experten des auf Büroimmobilien und Arbeitswelten spezialisierten Beratungs- und Architekturunternehmens CSMM. Nicht nur ein Großteil der Emissionen (30 Prozent) und des Energieverbrauchs (40 Prozent), sondern knapp zwei Drittel (60 Prozent) des Abfallaufkommens in Deutschland entfielen auf den Gebäudesektor.

Deshalb ergebe es Sinn, zunächst den Bestandserhalt mitsamt Sanierung zu prüfen. Die Architekten fordern ein radikales Umdenken und ressourcenschonendes Bauen im Bestand.

"In der Baupraxis geben Gebäudeplaner leider noch viel zu oft dem Abriss beziehungsweise Ersatzneubau den Vorzug vor dem ökologisch viel sinnvolleren Bestandserhalt mitsamt Sanierung", sagt Timo Brehme, geschäftsführender Gesellschafter bei CSMM. Er sieht gerade hier enorme Potenziale für ressourcenschonende Einsparungen und Klimaschutz. Häufig fehle es an Aufklärung "in Sachen Baurecht, Brandschutz und Wirtschaftlichkeit", ergänzt CSMM-Partner Reiner Nowak: "Es braucht mehr, damit Eigentümer und Projektentwickler nachhaltiger zwischen Abriss und Sanierung entscheiden können."

Abriss ohne Aufklärung: Hindernisse für das Bauen im Bestand

Auch Kostenaspekte und ungeklärte Fragen nach der Wirtschaftlichkeit bewegen Entwickler, sich oft schneller für Abriss und Neubau zu entscheiden, wie eine Umfrage der "Architects for Future" von Dezember 2020 zeigt, auf die CMMS hinweist. Fast ein Viertel (24 Prozent) der dort befragten Architekten verweisen auf eine fehlende Sachkenntnis bei den Bauherren (24 Prozent) – 13 Prozent sehen das fehlende Wissen bei den Fachplanern.

Das betrifft unter anderem die Unkenntnis von gesetzlichen Vorgaben und Förderprinzipien, was dann zu einer möglichen Fehlentscheidung für einen Abriss beitrage. Auch fehle es einigen Bauträgern und Planern an der nötigen Zusatzausbildung und Sachkenntnis, um beispielsweise Schadstoffe oder Bauschäden im Bestand zu erkennen und Antworten auf die Probleme finden zu können. "Aufklärung tut deshalb Not", so Brehme.

Auch Architects for Future fordert für einen nachhaltigen Wandel in der Baubranche mehr Aufklärung über den Wert des Gebäudebestandes und dessen klimaschutztechnische Potenziale. 21 Prozent der Umfrageteilnehmer sprechen sich für eine "Umbauordnung" aus, mit der gesetzlich verbindliche Anforderungen für das Bauen im Bestand festgeschrieben werden.

Klimaneutralität ist für den Gebäudebestand bis 2035 unerlässlich, wie eine Studie des Umweltbundesamtes bekräftigt. Ein Ziel, das für die Immobilienbranche laut CMMS-Partner Nowak sowohl aus technischer als auch ökonomischer Sicht grundsätzlich möglich ist, wenn neben einer stark verbesserten Gebäudeeffizienz das Potenzial der Sanierung und Revitalisierung von Bestandsbauten genutzt wird: "Deshalb fordern wir, dass jeder Abriss wirklich kritisch hinterfragt wird."

Klimaschutz: Recyclebare Baustoffe im Umbau

Der Architekt und Blogger Daniel Fuhrhop hatte 2015 mit seinem Buch "Verbietet das Bauen!" die Architekten-Debatte womöglich angeheizt. "Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen", lautet eine These. Seitdem habe sich einiges bewegt, schreibt der Bund Deutscher Architekten (BDA): Die Erkenntnis, dass der Gebäudesektor zu den größten CO2-Emittenden gehört, führe zu einem Umdenken.

In seinem Positionspapier "Das Haus der Erde" spricht sich der BDA für einen ökologischen Wandel im Planen und Bauen aus und fordert, dass Stadtplaner und Architekten zunehmend ohne Neubau auskommen sollten. "Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss", heißt es in dem Papier, das auf dem BDA-Tag 2019 in Halle/Saale beschlossen worden ist und das Anfang 2021 um klimapolitische Forderungen ergänzt wurde. Die "graue Energie", die vom Material über den Transport bis hin zur Konstruktion in Bestandsgebäuden stecke, müsse ein wichtiger Maßstab zur energetischen Bewertung im Planungsprozess werden.

Wer Gebäude saniert und qualifiziert, könne bereits eingesetzte Rohstoffe und Materialien noch einmal nutzen und dabei bezahlbaren Wohn- und Arbeitsraum erhalten. Die Architekten plädieren dafür, dass alle zum Bauen benötigten Materialien vollständig wiederverwendbar oder kompostierbar sein müssen. Zum architektonischen Entwurf gehöre es demnach unter anderem, Rezyklate im Neu- und Umbau mit einem gestalterischen Anspruch einzusetzen und zu erreichen, dass ganze Bauteile später selbst wieder zur Ressource werden. Verbunden ist damit ein ökologischer Anspruch an die Materialien und deren Verwendung.


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Schlagworte zum Thema:  Neubau, Wohnungsbau, Umnutzung