Wie der Gebäuderessourcenpass das Bauen verändern könnte
Die Bau- und Wohnungswirtschaft steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits müssen etliche bezahlbare Wohnungen geschaffen werden, andererseits steigen die Anforderungen an Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit kontinuierlich. Während sich die Diskussion lange vor allem auf die Energieeffizienz im Betrieb konzentrierte, rücken zunehmend die grauen Emissionen, also die CO2-Belastungen aus Herstellung, Transport, Einbau und Rückbau von Baustoffen, in den Fokus.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf Gebäude. Sie werden nicht länger nur als Nutzungsobjekte verstanden, sondern als langfristige Materiallager, deren Ressourcen möglichst dauerhaft im Kreislauf gehalten werden sollen. Hier könnte der Gebäuderessourcenpass (GRP) künftig eine zentrale Rolle für das zirkuläre Bauen spielen.
Digitaler Gebäuderessourcenpass: Zirkuläres Bauen im Wohnungsbau
Ein Beispiel liefert der Projektentwickler Sustina AG aus Münster mit dem Projekt "Deilegrund" in Essen (Nordrhein-Westfalen). Das Vorhaben ist Teil eines Pilotprojekts des Landes Nordrhein-Westdalen (NRW) zur Erprobung des digitalen Gebäuderessourcenpasses im geförderten Wohnungsbau. Ziel ist es, den Ressourcenpass nicht nur als Dokumentationswerkzeug zu testen, sondern als aktives Steuerungsinstrument innerhalb der Planung und Umsetzung einzusetzen.
Zu Beginn der Planung stand der Anspruch im Raum, die drei Gebäude als Ressourcenspeicher zu verstehen und Materialien so einzusetzen, dass sie später möglichst sortenrein rückgebaut und wiederverwendet werden können. "Damit verbunden ist ein grundlegender Perspektivwechsel: Nicht allein die Nutzungsphase eines Gebäudes entscheidet über dessen Nachhaltigkeit, sondern der gesamte Lebenszyklus – von der Rohstoffgewinnung über die Bauphase bis hin zum späteren Rückbau", erklärt Sebastian Sehr, Architekt und Vorstand bei Sustina.
Das Projekt verbindet mehrere Zielsetzungen: CO2-Reduktion, ressourcenschonende Konstruktionen, wirtschaftlich tragfähigen Wohnungsbau und eine integrale Planung aller Beteiligten. Diese Kombination war mitentscheidend dafür, dass "Deilegrund" als Pilotvorhaben für den Gebäuderessourcenpass ausgewählt wurde. Die Projektgröße sowie die Vielzahl beteiligter Gewerke und Förderstrukturen ermöglichen eine realitätsnahe Erprobung der Prozesse und des tatsächlichen Mehraufwands.
Der Gebäuderessourcenpass als Planungsinstrument im Bauprozess
Der Gebäuderessourcenpass dokumentiert systematisch, welche Materialien in einem Gebäude verbaut werden und wie diese später rückgebaut oder wiederverwendet werden können. Anders als klassische Gebäudedokumentationen soll er nicht erst am Ende des Bauprozesses entstehen, sondern in frühen Planungsphasen eingesetzt und über den Projektverlauf hinweg gepflegt werden.
Transparenz über Materialmenge, Konstruktion und Wiederverwertung
Im Projekt "Deilegrund" kommen in frühen Planungsphasen zunächst Optimierungs- und Variantenwerkzeuge von Sustina zum Einsatz. Die ermöglichen eine vereinfachte Bewertung von CO2-Bilanz, Zirkularität und Lebenszykluskosten im Entwurfsprozess. Ab der Ausführungsplanung wird der Gebäuderessourcenpass genutzt und vom Planungsstand "as planned" bis zum errichteten Gebäude "as built" kontinuierlich fortgeschrieben.
Dadurch entsteht eine belastbare Transparenz über Materialmengen, Konstruktionen und Wiederverwertungsoptionen. In der praktischen Umsetzung kommen derzeit vor allem etablierte LCA- und BIM-basierte Ansätze zum Einsatz. Ergänzt werden diese durch vereinfachte Modelle und Excel-basierte Variantenstudien, die später in spezialisierte Plattformen wie Madaster überführt werden.
Die Erfahrungen zeigen allerdings auch, dass der Prozess derzeit noch mit erheblichem Abstimmungsaufwand verbunden ist. Insbesondere in frühen Planungsphasen müssen viele Informationen parallel aufgebaut, abgestimmt und modellbasiert aufbereitet werden. Dennoch wird deutlich, dass sich dieser Aufwand im weiteren Projektverlauf zunehmend auszahlt, weil eine stabile und konsistente Datenbasis entsteht.
Der zirkuläre Ansatz: Rückbau von Gebäuden sortenrein und schadlos
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt ist die enorme Bedeutung früher Planungsentscheidungen. Bereits die Wahl bestimmter Konstruktionen oder Materialien
beeinflusst maßgeblich, wie gut ein Gebäude später rückgebaut oder wiederverwertet werden kann. Der Gebäuderessourcenpass macht diese Zusammenhänge sichtbar.
Dadurch wird deutlich, dass Zirkularität nur funktionieren kann, wenn von Architektur über Tragwerksplanung bis hin zu technischen Fachplanungen alle Beteiligten frühzeitig integriert zusammenarbeiten. Gerade diese integrale Planung stellt viele Projekte heute noch vor organisatorische Herausforderungen.
Standardisierte Schnittstellen oder einheitliche Datenstrukturen
Häufig fehlen standardisierte Schnittstellen oder einheitliche Datenstrukturen. Auch die Modellierungsgrade in frühen Leistungsphasen reichen oft noch nicht aus, um sämtliche Anforderungen eines Ressourcenpasses vollständig abzubilden. "Deilegrund" zeigt, dass die notwendigen Prozesse grundsätzlich bereits heute praktikabel umsetzbar sind.
Besonders sichtbar wird der zirkuläre Ansatz in den konstruktiven Details des Projekts. Ziel ist es, Bauteile möglichst sortenrein und schadlos demontieren zu können. So werden beispielsweise Balkone als reine Stahlkonstruktionen ausgeführt und einfach an das Tragwerk angehängt ohne Isokorb-Systeme oder komplexe Abdichtungen. Auch Fenster im Erdgeschoss wurden so geplant, dass sie ohne irreversible Verklebungen oder Beschädigungen rückgebaut werden können. Bodenbeläge werden ohne Verklebung eingesetzt, um eine spätere Wiederverwendung zu erleichtern.
Zirkuläres Bauen lebt weniger von spektakulären Einzeltechnologien als von konsequenten planerischen Entscheidungen und konstruktiver Einfachheit.
Recycling-Baustoffe im Wohnungsbau: Potenzial und Praxiserfahrungen
Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt im Einsatz von Recyclingbaustoffen und sekundären Materialien. Verwendet werden unter anderem wiederverwendete Klinker aus dem Rückbau des Bestandsgebäudes sowie CO2-reduzierter beziehungsweise recycelter Beton. Darüber hinaus werden biogene Materialien wie Stroh und Kalamitätsholz als mögliche Alternative geprüft.
Mit sogenannten B-Waren erfolgte ein pragmatischer Umgang. Unternehmen wurde die Möglichkeit eingeräumt, Materialien mit rein optischen Mängeln einzusetzen, sofern deren technische Eigenschaften uneingeschränkt erfüllt sind. Dadurch lassen sich Ressourcen sinnvoll nutzen, die im konventionellen Bauprozess häufig aussortiert werden.
Planung und sichere Lieferketten
Allerdings zeigt die Praxis auch die Grenzen des derzeitigen Marktes. Die Verfügbarkeit geeigneter Recyclingmaterialien ist regional unterschiedlich und häufig von zusätzlichen Abstimmungs- und Logistikaufwänden abhängig. Besonders qualitätsgesicherte Recyclingprodukte erfordern eine frühzeitige Planung und sichere Lieferketten.
Das bedeutet in diesem Projekt konkret: Während auf Recyclingklinker aus dem eigenen Rückbau zurückgegriffen werden konnte, hängt beim Recyclingbeton die Verfügbarkeit maßgeblich von den umliegenden Zementwerken ab. Die Verfügbarkeit ist Teil des Design-Prozesses. Aus dem früheren "form follows function" wird "form follows availability".
Zudem müssen neben der Umweltverträglichkeit Recycling-Baustoffe die gleichen technischen Anforderungen erfüllen wie Primärbaustoffe. Was vom Rückbau bis zur endgültigen Wiederverwendung mit Aufwand für Prüfung und Lagerung verbunden sein kann.
CO2-Reduktion über den Lebenszyklus eines Gebäudes
Die CO2-Bilanz des Projekts wird auf Basis einer Lebenszyklusanalyse nach EN 15978 ermittelt. Dabei werden Herstellung, Nutzung und Rückbau des Gebäudes ganzheitlich betrachtet. Grundlage bilden etablierte Systeme wie DGNB und QNG, um sowohl betriebliche als auch graue Emissionen abzubilden.
Die größten Hebel zur CO2-Reduktion liegen dabei eindeutig in der Materialwahl und Konstruktion. Holz-Hybridbauweisen, Recyclingmaterialien sowie insgesamt materialeffiziente Konstruktionen tragen wesentlich dazu bei, die Emissionen zu reduzieren.
Gleichzeitig wird deutlich, dass die größte Wirkung nicht durch einzelne Maßnahmen entsteht, sondern durch das Zusammenspiel vieler Entscheidungen. Genau hier liegt die Stärke des Gebäuderessourcenpasses: Er schafft Transparenz und ermöglicht es, ökologische Auswirkungen bereits während der Planung systematisch zu bewerten.
Gebäuderessourcenpass: Was Regulierung und Branche jetzt brauchen
"Unsere Erfahrungen aus 'Deilegrund' zeigen, dass der Gebäuderessourcenpass grundsätzlich das Potenzial besitzt, sich zu einem wichtigen Standardinstrument der Bau- und Wohnungswirtschaft zu entwickeln.
Damit das gelingt, sind jedoch weitere Schritte erforderlich", so Architekt Sehr: "Zum einen braucht es regulatorische Rahmenbedingungen. Förderprogramme oder verpflichtende Nachweise im Baugenehmigungsprozess, die dazu beitragen, den Ressourcenpass breiter zu etablieren – ähnlich wie es beim Energieausweis gelungen ist. Zum anderen fehlen bislang vielfach einheitliche Datenstandards, Kostenkennwerte und kompatible Schnittstellen zwischen BIM-Modellen, Materialdatenbanken und Zertifizierungssystemen."
Auch die unterschiedlichen Zirkularitätsindizes verschiedener Plattformen müssten stärker harmonisiert werden. Mindestens ebenso wichtig sei ein kultureller Wandel innerhalb der Branche. Zirkuläres Bauen dürfe nicht länger als zusätzlicher Aufwand verstanden werden, so Sehr weiter, sondern müsse selbstverständlicher Bestandteil guter Planung werden. "Ich plädiere dafür, Abfall als Designfehler zu verstehen."
Mehrwert für die Wohnungswirtschaft
Das Projekt "Deilegrund" zeigt, dass dieser Wandel möglich ist. Auch im geförderten Wohnungsbau. Entscheidend ist dabei weniger die Perfektion einzelner Lösungen als die Bereitschaft, Planungsprozesse neu zu denken, Materialkreisläufe frühzeitig mitzudenken und Gebäude konsequent als langfristige Ressourcenbanken zu verstehen.
Gerade für die Wohnungswirtschaft könnte darin künftig ein erheblicher Mehrwert liegen: ökologisch, wirtschaftlich und langfristig auch strategisch. Denn die Fähigkeit, Ressourcen intelligent zu nutzen und Materialien dauerhaft im Kreislauf zu halten, dürfte zu einem zentralen Qualitätsmerkmal zukünftiger Gebäude werden.
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