Bauboom und Rohstoffknappheit: Das Recycling-Haus kommt

In Zeiten von Bauboom und Rohstoffknappheit entdecken Architekten das Thema Recycling. In Hannover ensteht derzeit ein Recycling-Haus mit Pilotcharakter. Auch Immobiliengesellschaften erkennen, dass die größte Ressource im Gebäudebestand steckt. Digitale Lösungen helfen, Bauteile wiederzuverwenden.

Deutschlands Verbrauch an mineralischen Ressourcen liegt zu 85 Prozent im Bausektor. Gleichzeitig verursacht die Branche 58 Prozent des gesamten deutschen Abfallaufkommens. Die Verknappung von Stahl, Erdöl und Wasser wird durch verschwenderisches Bauen beschleunigt.

Im Gebäudebetrieb ist die Trendwende beim Energieverbrauch längst erfolgt. Dagegen wird der enorme Energie- und Ressourcenverbrauch, der zur Herstellung der Gebäude und Bauteile notwendig ist, bisher kaum berücksichtigt. Es kommen vor allem erdölbasierte Dämmstoffe zum Einsatz, die mit Putz und Wand zu unlösbaren Verbindungen verklebt werden. Am Ende des Nutzungszyklus müssen sie dann als Sondermüll entsorgt werden.

Systemfehler im Bauwesen und Gebäudebestand als gigantisches Materiallager

Es gebe teilweise einen Widerspruch zwischen den Zielen der Energieeinsparverordnung (EnEV) und den Resultaten, die aus ihren Vorgaben entstehen, kritisiert Nils Nolting, Architekt und Gründungspartner von Cityförster Architecture + Urbanism. Nach Maßgabe der EnEV müsse die Verbrauchsenergie von Gebäuden immer geringer werden, während gleichzeitig das Bauen hierdurch immer materialintensiver und komplexer werde. Das sei ein Systemfehler im Bauwesen.

"Die EnEV berücksichtigt den Energieaufwand, der zur Herstellung der Bauteile erforderlich ist – die sogenannte Graue Energie – überhaupt nicht." Nils Nolting, Architekt und Gründungspartner von Cityförster Architecture + Urbanism

Folglich werden Gebäude mit zwar geringem Verbrauch im Betrieb realisiert, deren Energieverbrauch über den gesamten Lebenszyklus mitunter aber sogar deutlich höher ist als bei nicht EnEV-gerechten, ressourcensparend erstellten Gebäuden.

Doch es zeichnet sich allmählich ein Umdenken im Bauen ab: Zunehmend wird der Gebäudebestand als gigantisches Materiallager oder "urbane Mine" verstanden. Das Bundesumweltamt ermittelte 2010, dass der gesamte Gebäudebestand zusammen mit den Infrastrukturen ein bedeutendes menschengemachtes Rohstofflager mit 28 Milliarden Tonnen Material bildet. Dieses könnte nach Nutzungsende wieder dem Recycling und damit auch dem Bau neuer Gebäude zugeführt werden.

Verschiedene Arten des Recyclings werden beim Bau eines Wohnhauses in Hannover getestet

Ein flächendeckendes Recycling des gesamten Immobilienbestandes klingt zwar noch nach einer Zukunftsvision. Der Ansatz wird jedoch in Prototypen und kleinen experimentellen Häusern bereits getestet. Derzeit entsteht beispielsweise auf dem Kronsberg in Hannover ein Recycling-Haus mit Pilotcharakter, entworfen und umgesetzt von Cityförster Architecture + Urbanism. Das Familienunternehmen Gundlach Bau und Immobilien GmbH & Co. KG aus Hannover hatte 2015 einen Wettbewerb zur Entwicklung des experimentellen Wohnhauses ausgelobt, aus dem Cityförster als Sieger hervorging.

Gundlach testet in diesem Projekt zusammen mit den Architekten verschiedene Arten des Recyclings. Cityförster setzte einerseits auf recycelbare Bauteile wie den Rohbau aus leimfrei zusammengesetzten Massivholzelementen. Andererseits verwendeten die Architekten recycelte Materialien, etwa ein Fundament aus Recyclingbeton oder eine Fassadendämmung aus Jutesäcken. Auch gebrauchte Bauteile kommen zum Einsatz. Ein Großteil davon entstammt aus einem Altgebäude: Das ehemalige "Haus der Jugend" wurde zeitgleich saniert und zu einem Wohnprojekt umgenutzt. Durch den Umbau wurde die Fassade obsolet, die erst vor zehn Jahren gebaut worden war. Die neuwertigen Fensterelemente wurden demontiert und im Recycling-Haus verbaut. Auch die Fassadenpaneele kommen, neu zugeschnitten und lackiert, zum Einsatz, während die stählernen Auflagerkonsolen der Fenster jetzt als Treppenstufen dienen.

Recycling-Haus Hannover Innenraum
Innenraum des Recycling-Hauses in Hannover mit gebrauchten Türen aus einer alten Scheune.

BIM ermöglicht eine Bestandsaufnahme möglicher Bauteile

Der Energieverbrauch zur Herstellung von Bauteilen wie Fenster, Türen, Betonfertigteile oder Fassadenelemente ist sehr hoch, eine Weiternutzung daher sinnvoll. Das erfordert ein Umdenken in der Planung. Im Vordergrund der Konstruktion muss die Rückbaubarkeit der Gebäude stehen: Das Recycling der verwendeten Materialien wird in der Planung bereits mitgedacht. Die eingesetzten Produkte müssen ökologisch unbedenklich, sortenrein trennbar und kreislauffähig sein. So können im Zuge von Sanierungs- oder Abrissarbeiten künftig alte Gebäude demontiert und zu neuen zusammengesetzt werden.

Eine gute Dokumentation und Datenlage zu in Gebäuden verbauten Materialien und Bauteilen ist zentral für einen recyclinggerechten Planungs- und Bauansatz. Chancen bietet hier vor allem das Building Information Modeling (BIM). Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts "Buildings as Material Banks" erarbeiten 15 europäische Unternehmen sowie Institute und Universitäten einen elektronischen Materialpass für Neu- und Umbauten. Sie entwickeln dafür eine BIM-fähige Systematik und Datenbank. Die Digitalisierung ermöglicht es, den eigenen Gebäudebestand und damit das eigene Bauteillager mit wichtigen Informationen zu Alter, Dämmwerten, Abmessungen, bauaufsichtlichen Zulassungen und Schadstoffbelastung zu erfassen und in welchem Gebäude sie seit wann verbaut sind. Diese Daten dienen im Rahmen von Sanierungs- und Nutzungszyklen als Planungsgrundlage.


Der vollständige Artikel erschien im Magazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 04/2019.


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Schlagworte zum Thema:  Wohnungsbau, Recycling