Führungsspiel – die Kolumne zur Fußball-WM

Warum Sportler wie auch Unternehmen einen Testlauf brauchen


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Der Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 steht kurz bevor. Manuel Gulde war 16 Jahre lang Profifußballer. In seiner WM-Kolumne blickt er nicht nur auf Spiele und Ergebnisse, sondern auf das, was Führungskräfte aus dem Profifußball über Teams, Druck, Rollen und Zusammenarbeit mitnehmen können. Den Auftakt macht die letzte Generalprobe vor der WM: USA gegen Deutschland in Chicago.

Chicago, vergangenen Samstagabend. Letzter Test der deutschen Nationalmannschaft vor der WM. Nach zwei Minuten fällt das 1:0. Besser kann so eine Generalprobe nicht beginnen. Und dann verändert sich das Spiel. Ab der zwanzigsten Minute werden die USA besser, die deutsche Abstimmung in der Defensive ist nicht optimal, zur Pause steht es 1:1. Nach dem Wechsel wird die deutsche Mannschaft stabiler, kontrolliert das Spiel, gewinnt 2:1.

Zwei Lesarten eines Testlaufs – und die interessantere Frage

Wenige Tage vor dem ersten WM-Spiel kann man diesen Abend auf zwei Arten lesen. Zum einen als Warnsignal: Da wackelt etwas, kurz bevor es ernst wird. Zum anderen als gelungenen Test: Die Mannschaft hatte Probleme und hat noch im selben Spiel einen Weg gefunden, mit diesen umzugehen. Beides klingt plausibel. Und wer Probeläufe, Pilotprojekte oder Testphasen in Unternehmen kennt, kennt vermutlich auch beide Lesarten.

Interessanter ist jedoch eine dritte Frage, die kaum jemand stellt: Was hat dieser Abend eigentlich tatsächlich gezeigt – und was konnte er gar nicht liefern?

Ich habe nie ein großes Turnier gespielt. Aber ich habe 16 Jahre lang Bundesliga-Saisonvorbereitungen erlebt, und die Logik ist dieselbe. Über Wochen versucht man, die Dinge zu etablieren, die später tragen sollen: Prinzipien im Spiel mit und gegen den Ball, Abläufe, Hierarchien, Vertrauen, Rollen, körperliche Fitness. 

Das meiste davon entsteht nicht durch eine gute Ansprache, sondern durch Wiederholung. Dieselben Auslöser, dieselben Forderungen des Trainers, so lange, bis niemand mehr darüber nachdenken muss. Das letzte Testspiel ist dann keine Prüfung mehr. Es ist ein Durchlauf dessen, was in den vergangenen Wochen erarbeitet wurde – mit der Mannschaft, die das Turnier oder die Saison bestreiten soll.

Du spielst die Abläufe noch einmal durch, gewöhnst dich an die Umgebung und Bedingungen, versuchst zu zeigen, was der Trainer sehen will. Und du beantwortest dir nebenbei eine sehr private Frage: Wie fühlt sich der eigene Körper an, jetzt, kurz bevor es losgeht? Auch das ist eine Erkenntnis dieses Spiels, über die selten gesprochen wird. Und dabei weißt du die ganze Zeit etwas, das du nicht abstellen kannst: Es ist nur ein Test.

Druck lässt sich nicht simulieren – und der Kopf weiß das

Das ist der Punkt, den man von außen unterschätzt: Druck lässt sich nicht simulieren. Nicht, weil die Kulisse fehlt oder der Gegner nicht genug investiert, sondern weil der eigene Kopf die Wahrheit kennt. Ein Fehler in diesem Spiel kostet nichts. Fast nichts. Du kannst dir vornehmen, die Partie ernst zu nehmen wie ein Endspiel. Dein Unterbewusstsein spielt nicht mit. Es weiß, dass am Montag keine Tabelle erscheint und kein Fehler Punkte fürs Weiterkommen kostet.

Doch auch im Test gibt es ein Risiko, nur ein nicht so deutliches: den Zweifel des Trainers. Wer seinen Platz sicher hat, probiert und geht Risiken ein. Wer um ihn kämpft, spielt auch den Test anders. Der eine ist vorsichtiger, sichert ab. Der andere ist aggressiver, will sich unbedingt zeigen. Derselbe Test ist nicht für alle derselbe Test. Wer Testläufe in Organisationen beobachtet, wird dieses Muster wiedererkennen: Wer seinen Platz sicher weiß, testet. Wer um ihn kämpft, verwaltet – und verzerrt damit genau das Bild, das der Test eigentlich liefern soll.

Warum ein Testlauf trotzdem wichtig ist

Wenn ein letzter Test also keinen Druck erzeugen kann – wozu ist er dann gut? Er sortiert. Ein letzter Test baut nichts mehr auf, entwickelt nichts Neues. Was über Wochen nicht etabliert wurde, entsteht nicht neu in neunzig Minuten. Aber er zeigt, welche Art von Problem du noch hast. Abstimmungsprobleme in der Defensive, beispielsweise, sind Feinjustierung: ein Abstand, ein Auslöser, ein Kommando. Daran lässt sich in einer Woche arbeiten.

Und genau dafür ist diese letzte Woche bis zum ersten Spiel da: Erkenntnisse aufarbeiten, gegensteuern, feinjustieren. Fehlende Prinzipien, unklare Rollen, kein Vertrauen: Das ist Fundament. Das holt keine Woche der Welt zurück. Die eigentliche Aussage eines Tests liegt nicht im Ergebnis. Sie liegt in dem, was er sichtbar macht: Probleme, Optimierungspotenziale – und genauso die Dinge, die schon sehr gut funktionieren. Auch das ist extrem wertvoll und nicht zu unterschätzen.

Das Spiel in Chicago hat noch etwas Zweites gezeigt: Die Mannschaft hat im Spiel einen Umgang mit Problemen gefunden, Korrekturen vorgenommen. Eine erste Hälfte, die verschiedene, durchwachsene Phasen hat, ist erst einmal nur eine Information. Eine zweite Hälfte, die stabiler wird, beruht auf einer Fähigkeit, die man sich in den Wochen zuvor erarbeitet hat. Und diese Fähigkeit – hinschauen, ansprechen, ändern, während das Spiel läuft – entsteht nicht an dem Abend, an dem man sie braucht. Sie ist selbst Fundament. Ein Team, das zur Pause drei Dinge anpasst und danach sicherer steht, hat das vorher intensiv trainiert und gelernt. Nicht alles muss von Beginn an funktionieren. Aber ein Team muss wissen, wie es sich verbessern und aus Fehlern lernen kann.

Generalprobe im Unternehmen: dieselbe Logik

Unternehmen haben ihre eigenen Generalproben. Der Probelauf vor dem Launch. Der Test vor dem Audit. Das Pilotprojekt vor dem Rollout. Und oft passiert dort dasselbe wie rund um so ein Länderspiel: Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf den Termin für die Generalprobe, als würde sich dort etwas entscheiden. Läuft der Test unrund, ist die Reaktion Nervosität, eventuell Hektik oder gar Panik – oder Kosmetik, damit es im Bericht an die Geschäftsführung besser aussieht.

Dabei ist Reibung genau das, wofür es den Test gibt. Die Frage danach ist nicht: War es gut? Die Frage ist: Welche Kategorie Problem haben wir gesehen – justierbar in der Zeit, die bleibt, oder Fundament, das längst hätte stehen müssen? Dieselbe Aufmerksamkeit gehört den Dingen, die bereits gut laufen. Auch das ist eine Erkenntnis des Tests – und eine, die Zuversicht und Selbstvertrauen gibt.

Und eine weitere Frage, eher etwas im Hintergrund, aber ebenfalls sehr aufschlussreich: Hat sich das Team selbst korrigiert, während der Probelauf lief oder musste jemand von außen eingreifen? Selbstkorrektur ist eine der Fähigkeiten, die man im Ernstfall am dringendsten braucht und am wenigsten kurzfristig aufbauen kann. Wer erst im Ernstfall erfährt, dass sein Team das nicht kann, erfährt es zum teuersten Zeitpunkt.

Ressourcen schaffen für den Moment des Drucks

Was ein Test dagegen nicht beantworten kann, in keinem Stadion und in keinem Unternehmen: wie Teams reagieren, wenn es wirklich zählt. Diese Auskunft gibt erst der Ernstfall – und er gibt sie ohne Vorwarnung. Genau deshalb gehört alles andere in die Zeit davor. Wer in der Vorbereitung Prinzipien eingefordert hat, Abläufe, Klarheit über Rollen, der hat Ressourcen geschaffen, die dem Druck entgegenwirken können.

In Chicago wurde an diesem Abend fast alles getestet, was sich testen lässt: die Abläufe, die Mannschaft für den Auftakt, die Bedingungen, das Gefühl für den eigenen Körper. Der Moment der Wahrheit kommt dann am 14. Juni gegen Curaçao.

 

Über den Autor: Manuel Gulde war 16 Jahre lang im Profifußball aktiv, unter anderem beim SC Freiburg, dem Karlsruher SC und der TSG Hoffenheim. In seiner Kolumne zur Fußball-WM 2026 verknüpft er Turniermomente mit Themen wie Druck, Teamdynamik und Vertrauen – und zeigt, was Unternehmen vom Profisport mitnehmen können.

 

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