In der sechsten Minute fiel das 1:0, Nmecha nach einem Doppelpass mit Wirtz. Für einen Augenblick war alles so, wie es sein sollte: Deutschland gegen Curaçao, WM-Auftakt, der haushohe Favorit geht früh in Führung gegen einen Gegner, der zum ersten Mal überhaupt bei einer Weltmeisterschaft dabei ist. Es sah aus, als nähme der Abend den erwartbaren Lauf.
Fünfzehn Minuten später stand es 1:1.
Am Ende gewann Deutschland 7:1. Auf dem Papier ein klarer Sieg. Aufschlussreicher als das Endergebnis waren jedoch die Minuten zwischen dem frühen Führungstor und dem Ausgleich: jene Phase, in der eine Mannschaft, die am Ende sieben Tore schießt, gegen einen Debütanten das 1:1 kassiert. Diesen Moment muss man nicht auf dem Platz erlebt haben, um ihn zu kennen.
Der frühe Treffer ist trügerisch
Ein 1:0 entscheidet nichts. Es ist ein Vorsprung, nicht das Endergebnis. Trotzdem macht ein frühes 1:0 gegen einen klar unterlegenen Gegner etwas mit dir – unterbewusst und deshalb oft unbemerkt. Es fühlt sich sicher an. Es läuft ja, wie du es erwartet hast. Und genau in diesem winzigen Nachlassen, das niemand auf der Tribüne sieht und das du hinterher selbst kaum benennen kannst, beginnt das eigentliche Risiko.
Nicht die Qualität von Curaçao war gefährlich. Gefährlich war, dass Deutschland für ein paar Minuten sein eigenes Niveau verließ, ein bisschen unsauberer, eine Spur lässiger. Der Ausgleich fiel nach einem unglücklich abgefälschten Schuss, da war auch Pech dabei. Aber er fiel in der Phase, in der die Mannschaft nicht ganz bei sich war. Das ist kein Zufall.
Ein Gegner, der nichts zu verlieren hat, wartet nicht auf den eigenen Glanzmoment. Er wartet darauf, dass du dein Niveau verlässt: einen Fehler, eine unsaubere Aktion, einen Moment ohne Klarheit.
Als Favorit zu gewinnen ist kein Selbstläufer
Ich habe oft auf der Favoritenseite gestanden, auch in Pokalspielen gegen klar schwächer eingeschätzte Gegner. Von außen wirkt das wie die bequeme Rolle. In Wirklichkeit ist sie es nicht. Das Schwere ist nicht der Gegner. Das Schwere ist, in einem Spiel, das leicht aussieht, dieselbe Konzentration zu halten wie in jedem anderen.
Natürlich hat man als Favorit, als das stärkere Team, das Potenzial, im Verlauf des Spiels eine Schippe drauf zu legen. Steht es 1:1 in der 75. Minute, sind die Ressourcen in der Theorie bei einem Favoriten noch größer als bei einem Underdog. Aber das Momentum, das Adrenalin spielt dann oftmals in die Hände des eigentlich unterlegenen Teams. Das heißt: Als Favorit kannst du dich gegen Ende eines Spiels nochmals aufbäumen, den Siegtreffer erzielen und Glück haben. Aber darauf verlassen kannst du dich nicht.
Beeinflussen kannst du aber die Haltung davor: Ich war vor diesen Favorit-Underdog-Spielen so konzentriert wie immer, habe mich auf meine Stärken und die der Mannschaft verlassen und bin an meine Leistungsgrenze gegangen. So war die Wahrscheinlichkeit am höchsten, solche Spiele zu gewinnen. Disziplin zeigt sich darin, dass nichts Besonderes nötig wird, obwohl die Lage dazu verführt, zu viel zu tun oder zu wenig. Disziplin heißt, sich an das zu halten, was man sich vorgenommen hat.
Der Favorit scheitert selten am Gegner, sondern an sich selbst
Gegen einen Außenseiter bringst du dich auf zwei Arten aus dem Spiel. Die eine ist das "Erzwingenwollen”: drücken, das Tempo anziehen, etwas tun, damit endlich etwas passiert und du dir die Führung (zurück-)holst. Was du damit aber erreichst, ist, dem Underdog genau das Spiel zu ermöglichen, das er braucht. Die andere Art, dich aus dem Spiel zu bringen, ist das Nachlassen: ein halbes Prozent weniger, weil es sich leicht anfühlt und alles ja nach Plan läuft. Das wirkt auf den ersten Blick wie das Gegenteil von “Erzwingenwollen”. Es ist jedoch derselbe Fehler. Du bist undiszipliniert, verlässt dein eigenes Niveau, weichst von deinem Plan ab, einmal nach oben, einmal nach unten.
Wie das ausgeht, wenn niemand gegensteuert, war am selben WM-Wochenende zu sehen. Die Schweiz führte gegen Außenseiter Katar, dominierte nach Belieben, vergab Chance um Chance und nahm den Fuß vom Gas. In der fünften Minute der Nachspielzeit kassierte die Schweiz schließlich doch noch den Ausgleich, Katars allererster WM-Punkt und die erste große Überraschung des Turniers. Der haushohe Favorit verlor zwei Punkte, nicht weil Katar groß aufspielte, sondern weil er sein Niveau nicht bis zum Ende hielt.
Deutschland war in Houston derselben Gefahr ausgesetzt und reagierte anders. Bemerkenswert war nicht, dass die Mannschaft nach dem 1:1 mehr wollte, sondern wie sie zurück auf ihr Niveau fand. Curaçao hatte mit einer Formation überrascht, die es noch nie zuvor gespielt hatte, und Deutschland brauchte einen Moment, um sich darauf einzustellen. In der Trinkpause, kurz nach dem Ausgleich zum 1:1, erklärte der Bundestrainer Julian Nagelsmann die Anpassung auf der Taktiktafel. Kein Aufpeitschen, sondern eine nüchterne Korrektur: die Abwehr neu ordnen, das Zentrum schließen. Eine inhaltliche Anweisung, kein Appell an den Willen. Danach war Deutschland wieder strukturierter, klarer, ging noch vor der Pause durch Schlotterbeck in Führung und erhöhte vor dem Seitenwechsel auf 3:1. Keine Aufholjagd mit Wut im Bauch, sondern eine Rückkehr auf das eigene Niveau, bevor der kurze Ausrutscher teuer werden konnte.
Im Unternehmen heißt der Gegner nicht Curaçao. Er heißt: schon gewonnen
“Schon gewonnen” klingt nach Fußball. Aber ich glaube, es gilt für jede Situation, in der du vorne liegst, voll im Plan bist, alles läuft, wie du es dir vorgestellt hast und es dir leicht erscheint. Im Unternehmen ist der gefährliche Gegner selten ein Konkurrent, der dir direkt im Zweikampf gegenübersteht. Es ist die Aufgabe, die du im Kopf schon erledigt hast, der Routineprozess – der als Selbstläufer gilt, die Übergabe an den langjährigen Kunden, das Personalgespräch, der Quartalsabschluss, der x-mal zuvor erstellt wurde.
Solche vermeintlich standardisierten und vielmals absolvierten Aufgaben und Prozesse scheitern nicht, weil sie komplex sind, sondern weil man sie zu leichtnimmt oder man sie plötzlich “überoptimieren” will. Beides ist derselbe Fehler wie auf dem Platz: fehlende Disziplin und das Verlassen des eigenen Standards.
Führung heißt in so einem Moment nicht, das Team neu zu motivieren. Sie heißt, ein Team, das nachzulassen beginnt (oder beginnt, es erzwingen zu wollen), mit Ruhe, Souveränität und Klarheit anzusprechen, an die Basics zu erinnern, um es damit wieder zurück auf sein Niveau zu holen, bevor es Folgen hat. Kein lautes Wort, kein Aufdrehen, sondern eine wohlüberlegte Korrektur.
Diese Art der Führung ist die unsichtbare Arbeit. Ein 7:1 merkt sich jeder. Dass eine Mannschaft sich nach fünfzehn wackligen Minuten selbst wieder stabilisiert – diese Entwicklung nach einem Rückschlag merkt sich kaum jemand. Dabei war genau das der eigentliche Beweis von Klasse. Ein Standard, den man hält, obwohl ihn nichts einfordert – eine Top-Performance, obwohl der Underdog sie nicht erfordert: Das sieht von außen nach wenig aus. Dies zu schaffen, ist jedoch bemerkenswert.
Im Fußball braucht Motivation einen Gegner auf einem Niveau, das einen anspornt, das Beste zu geben. Gegen einen Gegner, den du ohnehin schlagen musst, läuft sie ins Leere – es gibt nichts, wogegen sie sich richten könnte. Was bleibt, ist die intrinsische Motivation: die Disziplin, jeden Tag – unabhängig vom Gegner – bei dem zu bleiben, was du beherrschst und vorbereitet hast.
Motivation braucht einen Gegner. Disziplin braucht nur dich.
Über den Autor: Manuel Gulde war 16 Jahre lang im Profifußball aktiv, unter anderem beim SC Freiburg, dem Karlsruher SC und der TSG Hoffenheim. In seiner Kolumne zur Fußball-WM 2026 verknüpft er Turniermomente mit Themen wie Druck, Teamdynamik und Vertrauen – und zeigt, was Unternehmen vom Profisport mitnehmen können.