Kolumne Wirtschaftspsychologie

Wie man (unseriöse) Coachings vermarktet

Coaching-Ausbildungen sind für alle da - und für alle (vermeintlichen) Probleme gibt es ein Coaching, weiß Kolumnist Uwe P. Kanning. Wie ebendiese vermarktet werden, hat eine aktuelle Studie untersucht. Und kommt zu mehr oder weniger überraschenden Ergebnissen.

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Arbeiten Sie im Controlling, können Zahlen aber nicht leiden? Nervt es Sie, dass Sie seit ihrem Jurastudium ständig Texte von Menschen lesen müssen, die gar nicht schreiben können? Möchten Sie ihren Horizont als Führungskraft erweitern? Wollten Sie eigentlich schon immer im Therapiesektor arbeiten, sind dann aber doch den Empfehlungen der Eltern gefolgt und haben eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung absolviert? Haben Sie Ihre Karriere als Pizzabote in den Sand gesetzt oder suchen aus welchen Gründen auch immer nach neuen beruflichen Herausforderungen? – Nahezu allen, die solchermaßen mühselig und beladen sind, kann geholfen werden. 

Coachingausbildungen sind für alle da

Absolvieren Sie doch ganz einfach eine von etwa 500 verschiedenen Coachingausbildungen und betreten Sie ein neues Berufsfeld. Machen Sie sich selbstständig und helfen Sie anderen Menschen, die Probleme zu beseitigen, die sie ohne Ihr Coaching gar nicht hätten. Alles, was Sie hierzu benötigen, ist ein wenig Geld, Zeit und eine geradezu kindliche Offenheit dafür, von selbsternannten Menschenkennern zu lernen, wie das Leben funktioniert. 

Vielleicht versuchen Sie es erst einmal mit einem Wochenendseminar in frühindischer Numerologie. Lernen Sie in einer VHS-Veranstaltung etwas über die richtige Deutung der Körpersprache und schauen Sie sich YouTube-Videos zum Vier-Ohren-Modell, der Maslow’schen Bedürfnispyramide und den tiefgreifenden Erkenntnissen des Neurolinguistischen Programmierens an. Das reicht vollkommen. Wer besonders ehrgeizig ist, denkt sich vielleicht selbst noch eine eigene Coaching-Methode aus – aber das ist eigentlich gar nicht notwendig. Im Grunde sind Sie auch jetzt schon nicht schlechter qualifiziert als Ihre Konkurrenz auf dem Coachingsmarkt.

Die wirkungsvollsten Marketing-Strategien für Coachings

Ob und inwieweit Sie im Coaching ein einträgliches Einkommen finden, hängt nicht von ihrer Qualifikation, sondern von ihrem Marketinggeschick ab. Wie Sie dabei vorgehen sollten, verrät eine aktuelle Studie, die sich mit den Vermarktungsstrategien im Coaching beschäftigt: 

  • Zunächst einmal ist nicht wichtig, welche Methode Sie anpreisen. Potenzielle Klientinnen und Klienten sind ebenso wenig wie die meisten Coaches in der Lage, die Wirksamkeit verschiedener Methoden richtig einzuschätzen.
  • Das wichtigste Verkaufsargument ist, dass die Forschung die Wirksamkeit ihrer Vorgehensweise unterstützt. Die Psychologie und die Hirnforschung schneiden dabei als Alibi-Wissenschaften übrigens um ein Vielfaches besser ab als ein Verweis auf die Quantenphysik. Dass Sie selbst nichts über Forschungsergebnisse wissen und Ihr Vorgehen auch nicht daran ausrichten, spielt keine Rolle, denn Ihre Opfer haben ja auch nicht die geringste Ahnung von der Materie.
  • Auf Platz 2 der wirkungsvollen Vermarktungsstrategien liegt der Verweis auf eine wie auch immer geartete Coaching-Ausbildung. Jedwedes Zertifikat, das Sie auf Ihrer Internetseite zur Schau stellen, vermittelt eine Aura von Expertise.
  • Selbstverständlich sollten Sie auf Ihren Internetseiten auch zufriedene Klientinnen und Klienten zu Wort kommen lassen. Falls es diese (noch) nicht gibt, schreiben Sie einfach selbst etwas unter Pseudonym ("Jutta M. aus D, Personalchefin eines mittelständischen Unternehmens"). Niemand wird dies jemals überprüfen.
  • Fast ebenso wirksam ist ein Verweis auf ihre Erfahrung. Viele Menschen glauben, dass Erfahrung automatisch zu einem Aufbau von Expertise führt. Das stimmt so einfach natürlich nicht, wird aber gerne geglaubt – insbesondere von Menschen mit Erfahrung.
  • Falls Sie sich nicht trauen, auf Ihren Internetseiten konkrete Klientinnen oder Klienten mit vermeintlichen Lobpreisungen zu simulieren, wäre eine andere, etwas weniger effektive Strategie, dass Sie einfach nebulös auf durchweg zufriedene Kundinnen und Kunden verweisen. Je mehr zufriedene Personen Sie auf Ihrer Internetseite angeben, desto besser. Schreiben Sie einfach, Sie hätten 500 erfolgreiche Coachings durchgeführt. Niemand kann das kontrollieren und selbst wenn man Ihnen nur die Hälfte glaubt, bleibt immer noch genügend Überzeugungskraft übrig.
  • Arbeiten Sie im Auftrag von Unternehmen, so sollte eine Liste mit Referenzen Ihre Internetseite krönen. Wenn Sie keine entsprechenden Kunden haben, ist es nicht so schlimm, denn diese Strategie ist weitaus weniger effektiv als die zuvor genannten.
  • Dasselbe gilt für Hinweise auf eine besondere Wirksamkeit Ihrer Methode, den Einsatz einer traditionsreichen Technik, irgendwelche Energiefelder oder chinesische Naturheilverfahren. Derartige Argumente findet nur ein kleines Teilsegment des Marktes überzeugend.

Sie sehen, so schwer ist es gar nicht. Nur Mut! Vielleicht versuchen Sie es einmal. Viel mehr Schaden als Ihre Konkurrenz können Sie nicht anrichten...
 

 

Der Kolumnist  Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen und Personalentwicklung.

Schauen Sie auch einmal in den  Youtube-Kanal "15 Minuten Wirtschaftspsychologie" hinein. Dort erläutert Uwe P. Kanning zum Beispiel zusammenfassend, wie Sie gute von schlechten Testverfahren unterscheiden warum Manager scheitern, wie ein Akzent die Bewertung von Bewerbern beeinflusst oder wie "smart" gesetzte Ziele für eine Leistungssteigerung sein müssen.

Schlagworte zum Thema:  Coaching , Personalarbeit
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