Kolumne Wirtschaftspsychologie

"Lügner erkenne ich an ihrer Nasenspitze"


Lügner erkennen mit Bauchegfühl und Körpersprache

Erkennen, ob eine Person uns gegenüber ehrlich ist oder nicht - das wünschen sich nicht nur im Berufsalltag viele Menschen. Doch was hat es mit all den Tricks und Methoden auf sich, mit denen man Lügner angeblich treffsicher entlarven kann? Kolumnist Uwe P. Kanning hat genau hingeschaut.

Im beruflichen Alltag soll es hin und wieder Situationen geben, in denen unser Gegenüber nicht immer mit offenen Karten spielt. Auf die Frage nach der Bewerbungsmotivation mag ein Bewerber angeben, dass er schon immer bei einem der bedeutendsten Hersteller für rechtsdrehende Radmuttern in Halle-Neustadt arbeiten wollte. Die Pferdetrainerin, die für ein innovatives Event zur Manager-Bespaßung eingeladen werden soll, sichert in der Anbahnung des Vertrags zu, dass die exzellente Wirkung ihrer Methoden durch die modernste Hirn-Forschung bewiesen sei. Die Geschäftsführung erzählt auf der Vollversammlung der Belegschaft, dass nach der Fusion mit den Amerikanern niemand die Absicht habe, Arbeitsplätze abzubauen.

Die Körpersprache lügt nie?

Leider wachsen beim Lügen nicht automatisch lange Nasen, aber wäre es nicht schön, wenn wir über einen geheimen Psychotrick erkennen könnten, ob jemand gerade die Wahrheit sagt oder sich verstellt? – Nichts leichter als das. Glauben wir der Ratgeberliteratur, so lässt sich unlauteres Verhalten ganz wunderbar an der Körpersprache erkennen, denn die Körpersprache lügt nie und lässt sich auch nicht bewusst steuern. (Daher gibt es auch bekanntlich keine Schauspieler/innen und keine Seminare, in denen man überzeugendes Auftreten lernen könnte.) Wer der Ratgeberliteratur Glauben schenkt, achtet u.a. auf die folgenden Punkte:

  • Lügnerinnen und Lügner schauen uns nicht in die Augen oder weichen unserem Blick aus, weil sie möglicherweise ahnen, dass die Gegenseite hochkarätige Literatur liest und ihnen durch die Pupillen geradeweg in den Neo-Cortex schauen kann.
  • Lügner zeigen für den Bruchteil einer Sekunde eine Veränderung der Mimik, die kurz darauf wieder verschwindet (Microexpressions).
  • Lügnerinnen und Lügner blicken nach links und dies gilt nicht nur für ausgebildete NLP-Trainer.
  • Lügner schütteln oft unbewusst den Kopf, vielleicht weil sie die Naivität der Gegenseite nicht fassen können (Profilügner), oder sie selbst allzu große Scham empfinden (Anfänger). 
  • Lügnerinnen und Lügner berühren mit ihren Fingern häufig aus Verlegenheit das eigene Gesicht.

Wenn Sie selbst der Meinung sind, dass Sie derartige Tipps gar nicht benötigen, da Sie in Ihrem Alltag so vielen unehrlichen Kolleginnen und Kollegen begegnen, dass sie inzwischen selbst zum Lügendetektor gereift sind, glauben Sie wahrscheinlich daran, dass Lügner viel rumzappeln, eine auffällige Mimik zeigen und entweder rot anlaufen oder kreidebleich werden.

Lügnerinnen und Lügner mit Bauchgefühl erkennen

Erstaunlich viele wissenschaftliche Studien gehen der Fragen nach, ob diese Überzeugungen tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Die Ergebnisse sind recht ernüchternd. Die meisten Thesen konnten nicht bestätigt werden. Dies betrifft den NLP-Klassiker des Blicks nach links, das Kopfschütteln, die häufige Selbstberührung, das Ausweichen des Blickkontakts sowie die Veränderung der Hautfarbe. 

Bestätigungen gibt es für die Microexpression und lebendigere Handbewegungen. Leider sind die Effekt aber so gering, dass sie in alltäglichen Situationen außerhalb des Labors kaum einen Nutzen bringen dürften. So zeigen Lügnerinnen und Lügner im Durchschnitt etwa 3,5 Prozent mehr Handbewegungen.

Wer auf Ratgeber-Tipps verzichtet und einfach nur aus dem Bauch heraus die Spreu vom Weizen trennt, schneidet im Durchschnitt gerade einmal 2 bis 4 Prozent besser ab als ein Münzwurf. Das ist – wieder einmal – kein so furchtbar schmeichelhaftes Ergebnis für unser Bauchgefühl. 

Bis auf Weiteres müssen wir uns also belügen lassen, von Bewerberinnen und Bewerbern, von Coaches, von Mitgliedern der Geschäftsführung und von so mancher Ratgeberliteratur.


Der Kolumnist  Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen und Personalentwicklung.

Schauen Sie auch einmal in den  Youtube-Kanal "15 Minuten Wirtschaftspsychologie" hinein. Dort erläutert Uwe P. Kanning zum Beispiel zusammenfassend, wie Sie gute von schlechten Testverfahren unterscheiden warum Manager scheitern, wie ein Akzent die Bewertung von Bewerbern beeinflusst oder wie "smart" gesetzte Ziele für eine Leistungssteigerung sein müssen.

Schlagworte zum Thema:  Recruiting , Coaching , Personalarbeit
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