Gleichstellung

In IT-Berufen stoßen Frauen immer noch an die "gläserne Decke"


Weltfrauentag: Frauen in IT und KI weiterhin benachteiligt

Zwei Studien anlässlich des Weltfrauentages am 8. März bemängeln stereotype Rollenbilder bei Berufen mit technischer oder KI-Ausrichtung. Wirtschaftsexperten stellen Deutschland in Sachen Gleichstellung dennoch ein positives Zeugnis aus.

Männer gelten in fast jedem zweiten Unternehmen in Deutschland als besser geeignet für Tech-Berufe als Frauen. Das ergab eine Studie des Branchenverbands Bitkom anlässlich des Weltfrauentags. Demnach halten 43 Prozent der Unternehmen Männer bei IT- und Digitalberufen für die bessere Wahl. "Stereotype Rollenbilder sind noch in zu vielen Unternehmen verankert", sagte Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst.

Weltfrauentag: Die meisten Betriebe sehen Gleichstellung positiv 

Zwar wird Gleichstellung in den Firmen überwiegend positiv bewertet und als wichtiger Wettbewerbsfaktor wahrgenommen. 65 Prozent der befragten Firmen vertreten die Ansicht, dass sich das IT-Fachkräfteproblem ohne Frauen nicht lösen lasse. 80 Prozent sind davon überzeugt, dass gemischte Teams Produktivität und Kreativität im Unternehmen steigern. Gleichstellung ist laut der Bitkom-Studie vielfach auch organisatorisch verankert: Mehr als ein Drittel der befragten Firmen hat demnach die Stelle eines Gleichstellungs- bzw. Frauenbeauftragten besetzt.

Doch in der Praxis zeigt sich in den IT- und Tech-Abteilungen oft ein anderes Bild. In keiner einzigen deutschen IT- oder Digitalabteilung arbeiten derzeit laut Bitkom mehr Frauen als Männer. In 89 Prozent der Unternehmen stellen Frauen in diesen Fachbereichen weniger als die Hälfte der Belegschaft bei Themen wie IT-Administration, Softwareentwicklung oder digitale Transformation. Lediglich neun Prozent berichteten von einem annähernd ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, hieß es. Damit zähle Deutschland in der Selbstwahrnehmung der Unternehmen im internationalen Vergleich zu den Nachzüglern. "Wer digitale Transformation und KI erfolgreich gestalten will, kann es sich nicht leisten, auf die Hälfte der Talente zu verzichten", sagte Wintergerst. Bitkom hatte in einer repräsentativen Umfrage 603 Unternehmen befragt.

Es gibt zahlreiche Gründe für fehlende Gleichstellung 

Ein wichtiger Grund für die schleppende Gleichstellung in den Tech-Abteilungen sind Hürden für den Wiedereinstieg, beispielsweise die fehlende Weiterbildung nach dem Ende der Elternzeit. 39 Prozent der Befragten sprachen von einer "gläsernen Decke", also einer strukturellen Benachteiligung von Frauen bei gleicher Qualifikation und Leistung, die ihnen den Zugang zu höheren Positionen oder Karrieremöglichkeiten erschwert. Neben betriebsinternen Ursachen spielt auch die Berufsorientierung von Mädchen eine wichtige Rolle. Es sei daher wichtig, dass Mädchen möglichst früh mit IT in Berührung kämen, um Klischees bei der Berufswahl zu vermeiden. "Aber auch neue Wege in der Rekrutierung weiblicher Fachkräfte und die Vereinfachung von Quereinstiegen können Unternehmen helfen, Frauen für IT-Berufe zu gewinnen", sagte Wintergerst. 

Die Managementberatung McKinsey wies anlässlich des Weltfrauentages auf einen scheinbaren Widerspruch hin: Ihrer Studie zufolge ist der Frauenanteil in Tech-Rollen in den vergangenen drei Jahren europaweit von 22 Prozent auf 19 Prozent gesunken, während sich gleichzeitig immer mehr Frauen für ein MINT-Studium (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) entscheiden. So entfallen mittlerweile 33 Prozent der Bachelor-Abschlüsse und 39 Prozent der Doktor-Abschlüsse auf Frauen. "Doch dieser Fortschritt zeigt sich kaum im Arbeitsmarkt", heißt es bei McKinsey. 

Tech-Bereich: Frauen können auf dem Arbeitsmarkt von KI nicht profitieren

Ein Grund ist KI, die viele Einstiegsjobs überflüssig macht und damit gerade Neueinsteigerinnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert: "Die Verfügbarkeit von Einstiegsrollen nimmt in fast allen Tech-Jobbereichen ab", so die Studie. Von den neu entstehenden Jobs könnten Männer öfter profitieren als Frauen. Wachstum entsteht der McKinsey-Studie zufolge vor allem in KI-, Daten- und Analytics-Rollen, die bislang überwiegend von Männern besetzt sind. Der verstärkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen scheint also auf den Arbeitsmarkt vor allem für die Frauen negative Auswirkungen zu haben.

Gelänge es, die richtigen Hebel anzusetzen, gebe es laut McKinsey ein Potenzial von bis zu 200.000 Frauen für den Tech-Sektor – eine bedeutsame Zahl angesichts des herrschenden Fachkräftemangels. "Unternehmen, die Frauen systematisch in wachsende Tech- und KI-Funktionen entwickeln, stärken ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig", sagte Melanie Krawina, Co-Autorin der Studie. 

Experten sehen zum Weltfrauentag Fortschritte bei Gleichstellung

Abseits der Tech-Branchen zeichnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zum Weltfrauentag hingegen ein eher positives Bild für die Gleichstellung in Deutschland. Demnach gehen knapp drei von vier Frauen im erwerbsfähigen Alter einer bezahlten Tätigkeit nach, das sind deutlich mit als vor zwanzig Jahren. Damals waren es noch weniger als sechs von zehn. "Das ist ein beschäftigungspolitischer Erfolg, der sich im internationalen Vergleich sehen lassen kann", so das IW. Die Erwerbstätigenquote habe damit innerhalb von zwei Jahrzehnten um 16 Prozentpunkte zugelegt. Das sei im internationalen Vergleich und auch innerhalb der EU ein gutes Ergebnis. Diese Zahlen dürften allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Berufsleben von Männern und Frauen noch immer große Unterschiede gebe. 


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