Frauenanteil Aufsichtsrat, Vorstand, Führungspositionen 2020

Die Frauenanteile in den Vorständen großer Unternehmen in Deutschland überstiegen im vergangenen Jahr erstmals die Zehn-Prozent-Marke. Dabei wirkt sich offenbar die gesetzliche Quote für Aufsichtsräte positiv aus. Das zeigen  die Analysen von DIW, EY und Fidar.

2019 könnte sich im Nachhinein als das Jahr herausstellen, in dem eine nachhaltig höhere Dynamik auf dem Weg zu mehr Frauen in Führungspositionen einsetzte. Mit dem Softwarekonzern SAP hat erstmals ein DAX-30-Unternehmen eine Frau (Jennifer Morgan) an seine Vorstandsspitze berufen. Außerhalb der Unternehmenswelt gibt es mit Ursula von der Leyen als neuer EU-Kommissionspräsidentin und Christine Lagarde als neuer Präsidenten der Europäischen Zentralbank weitere prominente Beispiele, in denen es Frauen nach ganz oben schafften. Mehrere Studien bestätigen, dass abseits solcher Schlaglichter die Frauenanteile in den Spitzengremien der Wirtschaft auch in der Breite zugenommen haben.

Frauenanteil in Aufsichtsräten: Der Druck durch die Quote wirkt

Verschiedene Studien verfolgen seit Jahren die Entwicklung der Frauenanteile in Führungspositionen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin analysiert in seinem "DIW Managerinnen Barometer" seit 2010 jährlich die Frauenanteile in den 200 umsatzstärksten deutschen Unternehmen. Die Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) betrachtet in ihrem "Mixed Leadership Barometer" halbjährlich die 160 börsennotierten deutschen Unternehmen (DAX, MDax, SDax). Ebenfalls jährlich veröffentlicht der Verein Fidar – Frauen in die Aufsichtsräte e.V. ihren Women-on-Board-Index. Hier stehen die Frauenanteile in den Aufsichtsräten im Fokus, betrachtet werden aber auch die Quoten in den Vorständen.

Alle drei Studien kommen im Januar 2020 zum gleichen Fazit: Die gesetzliche Geschlechterquote für Aufsichtsräte zeigt Wirkung - auch im Hinblick auf ihre Strahlkraft auf die Vorstände. (Zum Hintergrund: Die verbindliche Quote von 30 Prozent Frauen im Aufsichtsrat gilt für alle börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen). In Unternehmen, die der Quote für Aufsichtsräte unterliegen, stiegen demnach auch die Frauenanteile in den Vorständen stärker als in den übrigen Unternehmen und überschritten sogar erstmals die Zehn-Prozent-Marke.

Frauenquote im Aufsichtsrat wirkt sich positiv auf Frauenanteile im Vorstand aus

Der durchschnittliche Frauenanteil in Aufsichtsräten der derzeit 186 im Women-on-Board-Index von Fidar untersuchten Unternehmen stieg 2019 auf 31,8 Prozent. Für 105 dieser Unternehmen gilt die gesetzliche Geschlechterquote, die übrigen 81 Unternehmen sind zwar börsennotiert, aber nicht paritätisch mitbestimmt. Letztere hinken bei der Entwicklung des Frauenanteils deutlich hinterher. Bei den nicht der Quote unterliegenden 81 Unternehmen liegt der Frauenanteil im Aufsichtsrat nur bei 22,4 Prozent.

In den Vorständen übersteigt der Frauenanteil erstmals die Zehn-Prozent-Marke und kletterte seit 2015 um 5,1 Prozentpunkte auf 10,1 Prozent – bei den Quotenunternehmen liegt der Anteil bei 10,8 Prozent (+5,9), bei den Nicht-Quotenunternehmen bei nur 8,9 Prozent (+3,7). Damit sei weiterhin eine stabile 90-Prozent-Männerquote gesichert, schreiben die Autorinnen des Women-on-Board-Index.

Auch dem DIW-Managerinnen-Barometer zufolge verdichten sich die Anzeichen dafür, dass die gesetzliche Geschlechterquote für Aufsichtsräte mehr und mehr auf die Vorstände ausstrahlt: Unter den Top-200-Unternehmen ist der Frauenanteil im Vorstand jener Unternehmen, die der Quotenregelung für Aufsichtsräte unterliegen, im vergangenen Jahr deutlich gestiegen (von 8,0 auf 12,3 Prozent) und liegt nun höher als bei jenen Unternehmen innerhalb der Top-200-Gruppe, die nicht an die Quote gebunden sind. Dort stagnierte der Anteil der Vorständinnen im vergangenen Jahr bei gut neun Prozent.

Weitergehende Berechnungen im Rahmen des Managerinnen-Barometers belegen, dass der Frauenanteil im Aufsichtsrat eines Unternehmens positiv mit dem Frauenanteil in dessen Vorstand einige Jahre später zusammenhängt. Ob die Geschlechterquote für Aufsichtsräte tatsächlich die Ursache für den Anstieg des Frauenanteils im Vorstand ist, ließe sich auf Basis des aktuellen Forschungsstandes noch nicht sicher sagen, so die Forscherinnen vom DIW Berlin. Vermutlich hätten auch öffentliche Diskussionen und Medienberichterstattungen den Druck erhöht: beispielsweise rund um das Thema "Zielgröße Null", die sich viele Unternehmen bezüglich des Frauenanteils im Vorstand gesetzt haben.

Freiwillige Frauenquote für Vorstände: Unternehmen sind wenig ambitioniert

Eine feste Geschlechterquote gilt nur für Aufsichtsräte von börsennotierten und voll mitbestimmten Unternehmen (siehe oben). Allerdings sieht das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen vor, dass sich die weiteren circa 3.500 börsennotierten oder mitbestimmten Unternehmen freiwillige Zielgrößen zur Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und obersten Managementebenen setzen. Für den Fall der Nichterfüllung sind allerdings keine Sanktionen vorgesehen, zudem ist die Zielgröße Null zulässig – was viele Unternehmen ausnutzen.

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"Ohne gesetzlichen Druck hätten wir den starken Anstieg des Frauenanteils in Aufsichtsräten nie erreicht. Es ist aber nicht hinnehmbar, dass in den Vorständen kaum Fortschritte gemacht werden. Mit unverbindlichen Empfehlungen allein kommen wir hier offensichtlich nicht weiter“, betont Bundesfrauenministerin Franziska Giffey. "Wir sind entschlossen, den Druck auf die Unternehmen zu erhöhen. Wer weiterhin die Zielgröße 'Null' meldet und dies nicht plausibel begründet, muss mit Sanktionen rechnen. Die zähe Entwicklung in den Führungsgremien grenzt an eine Verweigerungshaltung."

In Bezug auf die Zielgrößen für den Frauenanteil in Aufsichtsrat, Vorstand und den zwei obersten Managementebenen, die alle börsennotierten oder mitbestimmten Unternehmen im Jahr 2017 zum zweiten Mal definieren und veröffentlichen mussten, wird Fidar im Frühjahr 2020 neue Zahlen vorlegen. Nach den aktuellen Daten legen die unter die Quote fallenden Unternehmen ambitioniertere Planungen vor. Mehr als ein Drittel (35,7 Prozent) der Quoten-Unternehmen plant einen Zuwachs des Frauenanteils im Vorstand von über zehn Prozentpunkten. Von den Nicht-Quotenunternehmen sieht nur knapp jedes fünfte Unternehmen (19 Prozent) einen solchen Anstieg vor. Nach aktuellem Stand haben mit 118 knapp zwei Drittel der 186 untersuchten Unternehmen (63,4 Prozent) keine Frau im Vorstand. Von diesen planen 66 Unternehmen weiterhin mit Zielgröße Null bis maximal 2022 und lehnen damit ab, Frauen in den Vorstand zu holen.

Frauenanteil in den Vorständen der 160 börsennotierten Unternehmen

Der Anteil von Frauen in den Vorstandsetagen der Dax-, M-Dax- und S-Dax-Unternehmen ist im vergangenen Jahr zwar erneut gestiegen, liegt aber mit 9,2 Prozent (Vorjahr: 8,6 Prozent) immer noch unter der Zehn-Prozent-Marke, so die Analyse von EY. In den 160 Konzernen arbeiteten zum Stichtag 1. Januar 2020 insgesamt 64 Frauen in den Vorstandsgremien – das sind drei Frauen mehr als noch vor einem Jahr.

66 Prozent der Vorstandsgremien sind ausschließlich mit Männern besetzt. Immerhin: Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Anteil der Unternehmen, die wenigstens ein weibliches Vorstandsmitglied beschäftigen, von 31,4 auf 33,8 Prozent. Weiterhin eine absolute Ausnahme sind allerdings Unternehmen mit mehr als einem weiblichen Vorstandsmitglied: Ihr Anteil stieg von fünf Prozent auf 6,3 Prozent.

Immerhin fünf Unternehmen werden von einer Frau als CEO geführt: SAP, Grenke Leasing, DIC Asset, Hamburger Hafen und Logistik sowie Thyssen-Krupp.

Frauenanteile in den Dax-30-Unternehmen

Mit gutem Beispiel voran gehen nach wie vor die besonders stark im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Dax-Unternehmen. Der Frauenanteil bei den 30 im Leitindex gelisteten Unternehmen stieg auf 14,7 Prozent. Inzwischen haben 77 Prozent der DAX-Unternehmen – also 23 – mindestens ein weibliches Vorstandsmitglied, sechs Dax-Unternehmen haben mehr als eine Frau im Vorstand.

Frauenanteile im M-Dax und S-Dax

Gestiegen ist auch der Frauenanteil im M-Dax: von 7,7 auf 8,4 Prozent, die Zahl der Frauen im Top-Management stieg von 17 auf 21. Allerdings beschäftigen gerade einmal 28 Prozent der M-Dax-Unternehmen mindestens eine Frau im Vorstand. Im S-Dax stieg die Zahl der weiblichen Vorstände von 13 auf 14, der Anteil legte somit von 5,2 auf 5,6 Prozent zu.

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22 Prozent der weiblichen Vorstandsmitglieder verantworten den Bereich Personal

Weibliche Vorstandsmitglieder sind in erster Linie für operative Bereiche ihrer Unternehmen zuständig – etwa für Produktion oder Logistik: 30 Prozent der weiblichen Vorstandsmitglieder tragen Verantwortung für das operative Geschäft, weitere sechs Prozent sind als COO tätig. 22 Prozent der weiblichen Vorstandsmitglieder verantworten den Bereich Personal, ebenfalls 22 Prozent sind als CFO für die Finanzen verantwortlich.


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