Die durchschnittlichen Fluktuationsraten in Deutschland sind stark branchenabhängig. Bild: IW Köln

Die Mitarbeiterfluktuation in Deutschland steigt, wie eine Analyse des Instituts für deutsche Wirtschaft (IW Köln) belegt. Die Fluktuationsquote hängt unter anderem von der aktuellen Arbeitsmarktlage ab. Auch der Branchenvergleich zeigt große Unterschiede.

Fast ein Drittel der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse sind im Jahr 2015 beendet oder begonnen worden – im Jahr 2011 lag die Fluktuationsquote noch bei 27
Prozent. Diese Entwicklung war zu erwarten, denn die Erfahrung zeigt: Je besser der Arbeitsmarkt läuft und je niedriger die Arbeitslosigkeit ist, desto eher wagen Arbeitnehmer den Sprung in einen anderen Job.

Faktoren der Mitarbeiterfluktuation

Mit jedem Neuanfang sind neben Chancen auch immer Risiken verbunden. Betriebsspezifische Kenntnisse und Fertigkeiten gehen zunächst einmal verloren, eine Probezeit verkürzt die sonst üblichen Kündigungsfristen und es muss sich auch erst erweisen, ob der neue Job zu einem passt. Ist die Arbeitslosigkeit hoch, steigt das Risiko, im Falle eines misslungenen Wechsels ohne Alternative dazustehen. Von Bedeutung ist zudem, dass in guten Zeiten die Zahl der Jobangebote höher ist als in einer Krise.

Fluktuationsquote im Branchenvergleich

Die Infografik oben zeigt die durchschnittliche Fluktuation nach Branchen. In der öffentlichen Verwaltung werden pro Jahr lediglich 13 Prozent der Arbeitsplätze neu besetzt – offenbar ist eine Stelle bei Vater Staat nach wie vor auf die Ewigkeit angelegt. In der Zeitarbeit – dem anderen Extrem – wird das Personal rechnerisch einmal pro Jahr komplett ausgewechselt. Oft sind es die Zeitarbeitnehmer selbst, die einen Wechsel in eine andere Branche anstreben oder vom Kundenbetrieb – der statistisch gesehen einer anderen Branche angehört – übernommen werden.

Die Fluktuation ist zudem meist in jenen Branchen und Sektoren hoch, in denen spezialisierte Kenntnisse keine große Rolle spielen und zudem eine stark schwankende Arbeitskräftenachfrage besteht, z.B. in der Landwirtschaft oder im Gastgewerbe. Mitarbeiter in diesen Branchen gehen beim Stellenwechsel ein geringeres Risiko ein, da sie wenig fach- und betriebsspezifische Kenntnisse verlieren. Gleichzeitig sind viele dieser Stellen nur auf Zeit angelegt, etwa im Fall von Erntehelfern in der Landwirtschaft.

Fluktuationsrate und berufliches Anforderungsniveau

Dieser Zusammenhang bestätigt sich, wenn man das berufliche Anforderungsniveau betrachtet. In Berufen auf Helfer-Niveau, für deren Ausübung in der Regel keine abgeschlossene Berufsausbildung erforderlich ist, liegt die Fluktuationsquote deutlich über dem Durchschnitt, bei einem höheren Anforderungsniveau ist es umgekehrt. Berufe in der technischen Entwicklung, Konstruktion und Produktionssteuerung weisen mit 15 Prozent die geringste Fluktuation auf.

Durchschnittliche Fluktuationsrate 2016 nach Region

Die jeweilige Branchenstruktur erklärt weitgehend auch die regionalen Unterschiede. Am höchsten ist die Fluktuation in den Stadtstaaten. So werden in Berlin rechnerisch jedes Jahr 44 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse neu abgeschlossen, in Bremen sind es sogar 54 Prozent. Hier wirkt sich der hohe Anteil der Dienstleistungsbranchen mit hoher Fluktuation aus.

Fluktuationsrate: Definition und Berechnung

Die Fluktuationsrate oder Fluktuationsquote beschreibt den Personalwechsel in Bezug auf den Personalbestand. Die Fluktuationsquote wird meist jährlich erhoben. Zur Ermittlung der Fluktuationsquote werden folgende Formeln eingesetzt:

  • nicht betrieblich initiierte Personalabgänge × 100
  • Personalstand zu Beginn des Berichtszeitraums + Neueinstellungen im Berichtszeitraum

oder

  • nicht betrieblich initiierte Personalabgänge × 100
  • Durchschnittlicher Personalbestand im Berichtszeitraum

Die Fluktuation kann dabei gegliedert werden nach Unternehmensbereichen, Mitarbeitergruppen oder Fluktuationsursachen. Es empfiehlt sich, die Fluktuationsquote mit dem Vorjahr, mit anderen Unternehmen und/oder dem Soll-Ist zu vergleichen.

Fluktuationsrate in Deutschland: Wechselbereitschaft wird weiter steigen

Experte zufolge wird die Wechselbereitschaft der Beschäftigten und damit die Fluktuationsrate in den Unternehmen weiter steigen. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie sich noch stärker um ihre Angestellten bemühen und in Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung investieren müssen. Das belegt unter anderm der HR-Report 2015/2016 der Unternehmensberatung Hays. Dieser Studie zufolge hat die Bedeutung der Mitarbeiterbindung in diesem Jahr aus Sicht der Befragten um sieben Prozentpunkte zugenommen (69 Prozent, Vorjahreswert 61 Prozent).

Mit Instrumenten zur Mitarbeiterbindung der Mitarbeiterfluktuation entgegenwirken 

Als die am meisten geeigneten Instrumente, um Mitarbeiter zu binden, sehen die Befragten des Hays HR-Report interessante Aufgaben (71 Prozent), ein gutes Betriebsklima (65 Prozent) und eine marktgerechte Entlohnung an (49 Prozent). Als weniger bedeutend angesehen werden dagegen die Themen flexible Arbeitszeiten (47 Prozent), Personalentwicklung (43 Prozent) sowie Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben (42 Prozent). Im Vergleich zwischen der Bedeutung der einzelnen Bindungsinstrumente und ihrer realen Umsetzung zeigen sich vor allem zwei Tendenzen: Je weniger relevant ein Werkzeug angesehen wird, umso eher ist es bereits realisiert. Und zum Zweiten sind harte Themen besser umgesetzt als die sogenannten weichen Themen, die aber wiederum als wichtiger für die Mitarbeiterbindung bewertet werden. Ein Beispiel für diese Tendenz sind betriebliche Zusatzleistungen, die kaum ein Entscheider unter seinen Top Five hat (10 Prozent), die jedoch in 41 Prozent der Unternehmen schon verbreitet sind. Ähnlich verhält es sich mit Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und – wenn auch in geringerem Maße – mit flexiblen Arbeitszeiten und mobiler Arbeit. Immerhin sind gerade flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit eines Homeoffice in vielen Unternehmen mittlerweile fest verankert. Bei den weichen Themen hapert es dagegen mit der Realisierung. So sind ein gutes Betriebsklima nur in 45 Prozent und interessante Aufgaben in 52 Prozent der befragten Unternehmen umgesetzt.

Schlagworte zum Thema:  Fluktuation, Mitarbeiterbindung

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