Warum Präsentismus dem Betrieb schadet
Krankheitsbedingte Fehlzeiten stehen derzeit im Fokus betrieblicher und öffentlicher Diskussionen. Sie gelten als zentrale Kennzahl für die Gesundheit der Belegschaft, nicht zuletzt, weil sie vergleichsweise leicht messbar sind. Weniger Aufmerksamkeit erhält hingegen ein anderes, ebenso relevantes Phänomen: Viele Beschäftigte arbeiten trotz Krankheit weiter. Dieses sogenannte Präsentismusverhalten bleibt in klassischen Kennzahlen unsichtbar, kann jedoch erhebliche gesundheitliche und organisationale Folgen haben.
Unter Präsentismus wird das Arbeiten trotz Krankheit verstanden. In der wissenschaftlichen Forschung wird Präsentismus als eine alternative Verhaltensweise zur krankheitsbedingten Abwesenheit (Absentismus) betrachtet. Beschäftigte stehen im Krankheitsfall vor der Entscheidung, entweder trotz gesundheitlicher Einschränkungen zur Arbeit zu gehen (Präsentismus) oder der Arbeit fernzubleiben (Absentismus). Aktuelle Auswertungen der BAuA-Arbeitszeitbefragung 2023 zeigen, dass Präsentismus kein Randphänomen ist: Rund die Hälfte der abhängig Beschäftigten berichtet, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal trotz Krankheit gearbeitet zu haben.
Präsentismus als Produktivitätskiller
Arbeiten trotz Krankheit wird im Arbeitsalltag nicht selten als Ausdruck besonderen Engagements interpretiert. Forschungsergebnisse zeichnen jedoch ein anderes Bild. So legen Studien nahe, dass Präsentismus die Genesung verzögern, das Risiko von Fehlern und Unfällen erhöhen und langfristig die Entstehung oder Verschärfung chronischer Erkrankungen begünstigen kann. Besonders kritisch sind die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, da fehlende Regeneration mit einem erhöhten Risiko für depressive Symptome und Burn-out einhergehen kann. Auch aus organisationaler Perspektive ist Präsentismus problematisch. Wie verschiedene Studien zeigen, sind die mit Präsentismus verbundenen Produktivitätsverluste langfristig erheblich, da unzureichende Erholung häufig zeitversetzt zu längeren Ausfällen und Leistungseinbußen führt. Für Unternehmen entstehen dadurch versteckte Kosten, die kurzfristige Einsparungen durch vermiedene Fehlzeiten häufig übersteigen.
Die Präsentismusfalle: warum Beschäftigte trotz Krankheit arbeiten
Individuelle Merkmale wie persönliche Arbeitseinstellungen oder ein hohes Verantwortungs- und Pflichtgefühl können Präsentismus begünstigen. Gleichzeitig zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Beschäftigtengruppen und Arbeitskontexten. So berichten Frauen tendenziell häufiger von Präsentismus als Männer, und jüngere Beschäftigte arbeiten im Schnitt häufiger trotz Krankheit als ältere. Besonders ausgeprägt ist Präsentismus in Berufen mit hoher sozialer Interaktion, etwa in personenbezogenen Dienstleistungsberufen wie Pflege, Gesundheit oder Bildung. Diese Tätigkeiten sind häufig durch hohe Verantwortung, enge Personalschlüssel, begrenzte Vertretungsmöglichkeiten und einen ausgeprägten Fachkräftemangel gekennzeichnet. Neben der Tätigkeit spielen die konkreten Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle. Präsentismus tritt insbesondere dort häufiger auf, wo eine hohe Arbeitsintensität, Termin- oder Leistungsdruck, geringe Personaldeckung oder häufig wechselnde Arbeitszeiten vorliegen. Umgekehrt gelten soziale Unterstützung, Autonomie und eine vertrauensvolle Arbeitskultur als wichtige Schutzfaktoren. Beschäftigte, die sich durch ihre Führungskräfte unterstützt fühlen und über größere Handlungsspielräume verfügen, arbeiten, so die aktuelle Studienlage, deutlich seltener trotz Krankheit.
Krank im Homeoffice: virtueller Präsentismus
Mit der Zunahme mobiler und hybrider Arbeit rückt zudem der sogenannte virtuelle Präsentismus in den Fokus: Die Möglichkeit der Arbeit von zu Hause senkt die Schwelle, trotz Krankheit weiterzuarbeiten, etwa weil Pendelzeiten oder das Risiko, Kolleginnen und Kollegen anzustecken, entfallen. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Beschäftigte im Homeoffice häufiger trotz Krankheit arbeiten. Für Unternehmen entsteht damit eine neue Herausforderung: Virtueller Präsentismus ist für Führungskräfte weniger sichtbar und verlagert Verantwortung für gesundheitsgerechte Entscheidungen stärker auf die Beschäftigten selbst.
Handlungshilfe: Präsentismus vermeiden
Die Befunde machen deutlich, dass Präsentismus nicht primär ein individuelles Problem ist, sondern eng mit organisationalen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Entsprechend kann die Prävention auf mehreren Ebenen ansetzen. Zentral ist eine gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung, die Arbeitsbelastungen realistisch bemisst und ein organisiertes Ausfallmanagement mit klaren Vertretungsregeln etabliert. Solche Strukturen reduzieren den Druck, im Krankheitsfall "durchzuhalten". Führungskräfte nehmen dabei eine Schlüsselrolle ein: Sie gestalten die unmittelbaren Arbeitsbedingungen und wirken zugleich als Vorbilder, die normative Erwartungen im Umgang mit Krankheit prägen. Eine Kultur, in der Regeneration ausdrücklich als Voraussetzung nachhaltiger Leistungsfähigkeit anerkannt wird, kann somit präventiv wirken. Ebenso wichtig ist es, in hybriden Arbeitsumgebungen klare Absprachen zu Erreichbarkeit, Aufgabenpriorisierung und dem Umgang mit Krankheit zu treffen. Betriebliche Gesundheitsförderung und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen können diese Maßnahmen sinnvoll ergänzen, indem sie die Prävention von Erkrankungen langfristig unterstützen.
Gesundheit ganzheitlich betrachten
In der aktuellen Diskussion um steigende Krankenstände liegt der Fokus stark auf der Reduktion von Fehlzeiten. Dabei besteht die Gefahr, Präsentismus zu übersehen oder durch getroffene Maßnahmen (unbeabsichtigt) zu fördern. Wer ausschließlich Abwesenheit reduziert, ohne die Bedingungen der Arbeit zu verbessern, riskiert eine Verlagerung gesundheitlicher Belastungen. Gerade in einer zunehmend flexibilisierten Arbeitswelt sollte Präsentismus daher konsequent mitgedacht werden. Nachhaltige Arbeitsfähigkeit entsteht dort, wo Beschäftigte im Krankheitsfall Entscheidungen treffen können, die ihre Gesundheit schützen und damit auch die langfristige Leistungsfähigkeit von Organisationen sichern.
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