Faktencheck

Fünf Thesen zu Fehlzeiten – und was dran ist


Fehlzeiten in Deutschland: Irrtümer und Wahrheiten

Die Fehlzeiten der Beschäftigten in Deutschland werden aktuell heiß debattiert - auch auf politischer Ebene. Doch die Diskussion basiert nur begrenzt auf belastbaren Fakten. Wir haben häufig genannte Erklärungsversuche und Lösungsvorschläge auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Relevanz für die Problemlösung hin untersucht und fünf Thesen einem Faktencheck unterzogen.

Der Krankenstand prägt aktuell die politische Debatte. Nicht nur Bundeskanzler Friedrich Merz findet, dass Beschäftigte bei der Arbeit zu oft fehlen - die Fehlzeitenquote in Deutschland ist tatsächlich besorgniserregend hoch. Doch die Probleme eines sehr komplexen Gesundheitssystems werden sich nicht mit Aktionismus ohne valide Handlungsgrundlagen beseitigen lassen. Vorschläge wie die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, die Einführung von Karenztagen oder eine Änderung der Lohnfortzahlung bedürfen einer genaueren Analyse, um auch ihre langfristigen Auswirkungen zu sehen. Ein Faktencheck.

These eins: Beschäftigte in Deutschland fehlen häufiger als in anderen Ländern 

Es stimmt: Deutschland war nach dem Ländervergleich der OECD ("Absence from work due to illness") mit durchschnittlich 24,9 Krankheitstagen pro Mitarbeiter im Jahr 2022 absoluter Fehlzeitenweltmeister – gefolgt von Lettland (20,4 Tage) und Tschechien (19,2 Tage) und weit entfernt von den niedrigen Fehlzeiten beispielsweise in der Schweiz (9,7 Tage), den USA (6,2 Tage), der Türkei (3,2 Tage) oder Korea (2,9 Tage). Für ihre Statistik befragt die OECD die Unternehmen oder nimmt Schätzungen über Fehlzeiten ab dem ersten Krankheitstag vor. Das erklärt die Abweichungen von den über die Krankenkassen gemeldeten Zahlen, die die Fehltage ihrer Versicherten ab Beginn der ärztlich attestierten Arbeitsunfähigkeit zählen – in der Regel ab dem vierten Tag der Krankheit.  

Was aber im internationalen Vergleich der OECD berücksichtigt werden muss, ist die nur sehr eingeschränkt mögliche Vergleichbarkeit der Daten aus den einzelnen Ländern aufgrund unterschiedlicher Zählweisen und Meldeverfahren. So weist das IGES Institut, ein unabhängiges Forschungs- und Beratungsinstitut für Infrastruktur- und Gesundheitsfragen, in einer Analyse dieser Daten für die DAK-Gesundheit im Jahr 2025 ausdrücklich darauf hin, dass Deutschland durch das elektronische Meldeverfahren eines der wenigen Länder sei, bei dem tatsächlich alle Fehltage erfasst werden.

Aber auch unterschiedliche Definitionen des Begriffs "Fehlzeiten" verwässern die Aussagekraft der Statistik. So werden in Deutschland - in großem Unterschied zu vielen anderen Ländern - nicht nur die Ausfalltage gezählt, an denen Beschäftigte aufgrund akuter Krankheit nicht zur Arbeit kommen können, sondern auch Fehlzeiten aufgrund von Rehabilitationsmaßnahmen oder Erkrankungen der Kinder. In einigen anderen Ländern dagegen werden nicht einmal alle Fehltage erfasst - Krankheitstage, für die als Karenztage keine Lohnfortzahlung geleistet wird, fließen beispielsweise in Frankreich, Italien oder Spanien häufig nicht in die Erhebung mit ein.

These zwei: Die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung ist Treiber der hohen Fehlzeitenquote 

Die These, dass die Einführung der telefonischen Krankschreibung (Tele-AU) zu einem Anstieg der Fehlzeiten in deutschen Unternehmen geführt habe, wird in der politischen und medialen Debatte immer wieder aufgegriffen. Sie basiert auf der Annahme, dass eine niedrigschwellige, kontaktlose Krankschreibung den Zugang zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erleichtert, deshalb missbräuchlich genutzt wird und so einen gravierenden Anstieg der Fehlzeiten verursacht.

Eine kritische Überprüfung aktueller Daten und Studien zeigt jedoch, dass diese Annahme wissenschaftlich nicht belegt ist. Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) und der Barmer Krankenkasse weisen nach, dass der Anteil der telefonisch ausgestellten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen im Jahr 2022 bei maximal 1,2 Prozent lag, 2023 sogar nur noch bei 0,9 Prozent. Für 2024 berichtet der AOK-Bundesverband, dass von 26,4 Millionen atemwegsbedingten Krankmeldungen in Deutschland lediglich rund 145.000 Fälle telefonisch veranlasst wurden, was einem Anteil von etwa 1,5 Prozent entspricht. Stimmen aus Praxis und Wissenschaft betonen zudem, dass die Tele-AU verantwortungsvoll genutzt werde und keine Hinweise auf systematischen Missbrauch oder einen relevanten Beitrag zur Steigerung der Fehlzeiten vorliegen. Zwar ist nicht auszuschließen, dass es in Einzelfällen zu einem Missbrauch kommt, jedoch zeigen die Zahlen, dass die Tele-AU eine quantitativ untergeordnete Rolle spielt.

Insgesamt ist die These, dass die telefonische Krankschreibung die Fehlzeiten signifikant steigen lässt, nach der aktuellen Studien- und Datenlage nicht haltbar. Die Ursachen für den Anstieg der Fehlzeiten sind multifaktoriell und liegen vorrangig in der verbesserten Datenerfassung, pandemiebedingten Nachholeffekten und einer erhöhten Sensibilität im Umgang mit Infektionskrankheiten.

These drei: Die großzügige Lohnfortzahlung in Deutschland treibt den Krankenstand in die Höhe

Tatsächlich sind die Regelungen, nach denen Beschäftigte in Deutschland trotz eines Ausfalls wegen Krankheit weiterhin ihr Entgelt in voller Höhe beziehen, sehr großzügig. Als Weiterentwicklung des Bismarck'schen Systems gelten sie als international wohl einmalige sozialpolitische Errungenschaft, die soziale Sicherheit und eine gewisse Stabilität gewährleisten soll. Doch hinsichtlich der Frage, wie sich eine Auflösung der hundertprozentigen Lohnfortzahlung oder eine generelle Reduzierung der Gehaltsfortzahlung bei Krankheit auf die Fehlzeitenquote auswirken würde, zeigt sich ein zweigeteiltes Studienbild.  

So sieht das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) tatsächlich auch positive Effekte einer geminderten Entgeltfortzahlung auf die Fehlzeiten. In einer Metastudie konnten die Forschenden eine sogenannte elastische Nachfrage von -1 bei Kürzungen der Lohnfortzahlung nachweisen. Ganz konkret stellte das Institut fest, dass bei einer Senkung der Lohnersatzrate von 100 Prozent auf 80 Prozent auch die Fehlzeiten im Mittel um etwa 20 Prozent sinken würden. Den Praxisbeweis für diesen Effekt lieferte die Regierung Kohl, die in den vergangenen zwei Jahren ihrer Legislaturperiode die Lohnfortzahlung auf 80 Prozent gesenkt und so nachweislich einen Rückgang der Fehlzeiten zwischen 1996 und 1998 bewirken konnte.

Auf Gegenbeispiele für diese These verweist das IGES-Expertenteam in einer Auswertung der sogenannte European Labour Force Survey (EU-LFS), einer Untersuchung, die in einem Stichprobenzeitraum ermittelte, wie viel der wöchentlichen Arbeitszeit durch Krankheit anteilig verloren geht. Danach hat Luxemburg, dessen 100-prozentige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nahe an das System in Deutschland herankommt, nur einen geringen Arbeitszeitausfall von 3,2 Prozent pro Jahr. Und auch weitere Länder mit einer 100-prozentigen Lohnfortzahlung in der ersten Phase der krankheitsbedingten Abwesenheit, wie beispielsweise Dänemark, Malta und Österreich, weisen bei der anteiligen Ausfallzeit sehr niedrige Werte auf. Hingegen komme Slowenien, so die Auswertung des IGES Instituts, mit einer eingeschränkten Lohnfortzahlung in den ersten Tagen auf einen wesentlich höheren Ausfallwert.

These vier: Ein Karenztag könnte helfen, die Fehlzeiten einzuschränken

Die Forderung nach einem unbezahlten ersten Krankheitstag – dem sogenannten "Karenztag" – wird immer wieder in Zusammenhang mit den hohen Lohnfortzahlungskosten der Unternehmen gestellt. Ohne Zweifel ist eine solche Lösung geeignet, sehr kurzfristig zumindest die erheblichen Belastungen der Unternehmen durch Lohnfortzahlungskosten und Ausfälle zu senken. Langfristig könnte sich die Gesundheitssituation durch Karenztage jedoch weiter verschlechtern, denn weniger Fehltage bedeuten nicht automatisch mehr Gesundheit.

Statistisch gesichert fehlt der größte Teil der Beschäftigten deshalb krankheitsbedingt, weil er tatsächlich - nach eigenem Befinden und spätestens ab dem dritten Krankheitstag auch durch medizinische Diagnose bestätigt - krank ist. Wer trotz Krankheit aus Angst vor einem Einkommensverlust zur Arbeit geht, riskiert, seine Beschwerden zu verschlimmern oder die Genesung durch das Verschleppen der Erkrankung zu verzögern und erhöht zugleich das Ansteckungsrisiko für Kollegen und Kolleginnen.

These fünf: Die Einführung der Teilkrankschreibung könnte helfen, die Fehlzeitenquote zu senken  

Die Idee einer Teilkrankschreibung zur Reduktion von Fehlzeiten in deutschen Unternehmen gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit. Die Argumentation beruht auf der Annahme, dass viele Beschäftigte – etwa bei leichten Erkrankungen, Rückenschmerzen oder psychischen Beschwerden – nicht zwingend vollständig arbeitsunfähig sind, sondern durchaus in der Lage, zumindest stundenweise oder mit angepassten Tätigkeiten weiterhin am Arbeitsleben teilzunehmen. Tatsächlich könnte die Einführung von Teilkrankschreibungen ein beachtliches Potenzial bieten, die Fehlzeiten in deutschen Unternehmen zu senken und die betriebliche Produktivität zu steigern. In Ländern wie Schweden und anderen skandinavischen Staaten, aber auch in der Schweiz ist das Modell der Teilkrankschreibung seit Jahren etabliert. Studien und Erfahrungen aus Schweden zeigen, dass Teilkrankschreibungen tatsächlich dazu beitragen können, die Gesamtdauer von Arbeitsunfähigkeitszeiten zu reduzieren und die Wiedereingliederung zu erleichtern.

Auch deutsche Experten, etwa der Expertenrat "Gesundheit und Resilienz" der Bundesregierung, empfehlen in aktuellen Handlungsempfehlungen, das Potenzial von Teilkrankschreibungen stärker zu nutzen. Sie argumentieren, dass ein flexiblerer Umgang mit Arbeitsunfähigkeit – etwa durch stundenweise Rückkehr – sowohl für Beschäftigte als auch für Unternehmen Vorteile bieten kann. Eine Modellrechnung des ZEW Mannheim geht davon aus, dass bereits die Umwandlung von zehn Prozent der rund 900 Millionen AU-Tagen in Halbtagskrankschreibungen der deutschen Wirtschaft ein Plus von etwa 45 Millionen Arbeitstagen bringen könnte, was etwa dem Effekt der Streichung eines nationalen Feiertags entspricht. Zudem könnten Teilkrankschreibungen helfen, Präsentismus – also das Arbeiten trotz Krankheit in vollem Umfang – zu reduzieren und so das Risiko von Langzeiterkrankungen oder Ansteckungen zu senken.


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