Karenztage erhöhen langfristig den Krankenstand

Die hohen Fehlzeiten in Deutschland sind unzweifelhaft, auch abseits der medizinischen Dimension, ein Problem – alleine der Produktions- und Leistungsausfall verursacht Kosten in Milliardenhöhe, zudem ziehen hohe Fehlzeiten weitere Ausfälle der dadurch überbelasteten verbleibenden Kolleginnen und Kollegen nach sich. Und aufgrund unserer Lohnfortzahlungsregelungen, die zu den großzügigsten der Welt gehören, müssen Arbeitgeber auch während des Ausfalls sehr lange weiter für das Gehalt aufkommen.
All das verursacht viel zu hohe Kosten, die wir in den Griff bekommen müssen. Doch die eigentliche Ursache dieses Missstands sind die hohen Ausfälle der Beschäftigten - und nicht die hohen Lohnfortzahlungskosten, die lediglich die Folge dieser Krankheitsausfälle sind. Es gilt also, an der Wurzel des Problems anzusetzen: Die krankheitsbedingten Fehlzeiten müssen gesenkt werden.
Weniger Fehlzeiten bedeutet nicht automatisch mehr Gesundheit
Ein Karenztag, bei dem die Beschäftigten am ersten Krankheitstag kein Geld bekommen, kann mit Sicherheit kurzfristig die Lohnfortzahlungskosten senken. Und er könnte – das zeigt neben Studien zum monetären Anreiz bei Fehlzeiten auch die Erfahrung aus der Regierung Helmut Kohl, in der zwei Jahre lang die Lohnfortzahlung gesenkt wurde – als ersten Effekt auch die Fehlzeiten reduzieren. Doch vieles spricht dafür, dass sich diese Lösungen langfristig als Bumerang erweisen, denn weniger Fehlzeiten bedeuten nicht automatisch mehr Gesundheit.
Tipp: Lesen Sie auch den Kommentar Pro Karenztag: Warum wir einen unbezahlten Karenztag brauchen |
Viel eher könnte sich die Gesundheitssituation auf lange Sicht durch Karenztage weiter verschlechtern: Statistisch gesichert kann man davon ausgehen, dass der größte Teil der Beschäftigten deshalb krankheitsbedingt fehlt, weil er tatsächlich - nach eigenem Befinden und spätestens ab dem dritten Krankheitstag auch durch medizinische Diagnose bestätigt - krank ist. Der medizinische und heilende Effekt einer Freistellung in solchen Fällen liegt auf der Hand. Nur wenige Krankheiten lassen überhaupt die Wahl zwischen Einkommensverlust und Vernachlässigung der persönlichen Gesundheitsfürsorge zu.
Wer sich entscheiden kann, krank zur Arbeit zu gehen, hilft in erster Linie dem eigenen Geldbeutel." – Katharina Schmitt, Kommentar Kontra Karenztag
Wer sich dennoch entscheiden kann, krank zur Arbeit zu gehen, hilft in diesen Fällen in erster Linie dem eigenen Geldbeutel. Dem Gesundheitssystemen und der Wirtschaft beschert er oder sie weitere Probleme: Sowohl mangelnde Erholung und das Verschleppen von anfänglich kleinen Beschwerden wie auch das erhöhte Ansteckungsrisiko bei insbesondere viralen Infekten werden langfristig die Ausfallquoten erhöhen. Und wie wir aus Erfahrungen mit Präsentismus wissen: kranke Beschäftigte performen nicht.
Gesunde Unternehmenskultur als Schlüssel
Die aktuell unter Beschuss stehende, aber von Gewerkschaften, Sozialpartnern und Arbeitnehmervertretern immer wieder verteidigte lückenlose Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist eine international wohl einmalige sozialpolitische Errungenschaft, die soziale Sicherheit und eine immerhin gewisse Stabilität gewährleistet. Mit einem Karenztag würden Sparmaßnahmen für eine aus vielen Gründen einbrechende Wirtschaft allein auf Kosten der Mitarbeitergesundheit umgesetzt. Das belastet gerade finanziell schwächer gestellte Mitarbeitende unverhältnismäßig, könnte soziale Ungleichheiten verschärfen und letztendlich die wirtschaftliche Stabilität weiter gefährden.
Für weniger Fehlzeiten und eine gesündere Belegschaft muss vielmehr ganz anders angesetzt werden. Arbeitsschutz und -sicherheit, Gesundheitsprävention und die Schaffung gesundheitsverträglicher, wenn nicht gar gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen sind die Basis, um die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten nachhaltig zu sichern. Eine gesunde Unternehmenskultur mit wertschätzender Führung gehört ebenso dazu wie die Selbstfürsorge der Beschäftigten.
Karenztag: Eine Sparmaßnahme, die sich nur kurzfristig rechnet
All das ist nicht neu. Doch gerade die Maßnahmen bei psychischen Belastungen, die einen Großteil der Fehlzeiten ausmachen, werden von Unternehmen oft nur rudimentär umgesetzt. Hinzu kommt: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das betriebliche Gesundheitsmanagement eine der Maßnahmen, an die als Erstes der Rotstift angesetzt wird. Auch das ist eine Sparmaßnahme, die rein rechnerisch kurzfristig wirkt, sich langfristig aber im wachsenden Krankenstand zeigen wird.
Unternehmen, die dagegen die Aufgabe eines betrieblichen Gesundheitsmanagements endlich ernst nehmen, erhöhen infolge der geringeren Fehlzeiten ihre Leistung und Produktivität. Im Endergebnis wird damit mehr gewonnen, als durch Karenztage jemals eingespart werden kann.
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