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| Girls' Day

Das Berufswahlverhalten ändert sich - langsam

Am bundesweiten "Girls' Day" entdecken Mädchen Berufe aus den Bereichen Technik, IT und Naturwissenschaften. Deit 2010 findet parallel der "Boys' Day" statt.
Bild: Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit

Heute ist Girls‘ Day. Der bundesweite Aktionstag ist das größte Berufsorientierungsprojekt für Mädchen weltweit. Wie Unternehmen davon profitieren, zeigt die jährliche Evaluation des Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., das die Aktionstage koordiniert.

Am Girls‘ Day öffnen Unternehmen, Betriebe und Hochschulen in ganz Deutschland ihre Türen für Schülerinnen ab der fünften Klasse. Die Mädchen lernen dort Ausbildungsberufe und Studiengänge in IT, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik kennen, in denen Frauen bisher eher selten vertreten sind. Oder sie begegnen weiblichen Vorbildern in Führungspositionen aus Wirtschaft und Politik. Seit dem Start des Girls‘ Day im Jahr 2001 haben etwa 1,5 Millionen Mädchen teilgenommen. Im vergangenen Jahr erkundeten rund 103.000 Mädchen Angebote in Technik und Naturwissenschaften, mehr als 9.450 Angebote von Unternehmen und Organisationen waren auf der Website zum Aktionstag verzeichnet.

Evaluation bestätigt Erfolg von Girls‘ Day und Boys‘ Day

Seit 2010 findet parallel zum Girls‘ Day auch ein Boys‘ Day zur Berufsorientierung und Lebensplanung für Jungen statt. Die beiden Aktionstage Boys’ Day und Girls’ Day werden regelmäßig in Form einer Längsschnittstudie evaluiert. Hierzu befragte das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. im Jahr 2015 rund 10.000 Mädchen und knapp 9.000 Jungen, etwa 5.000 Einrichtungen, Unternehmen und Organisationen sowie mehr als 500 Schulen. Die Ergebnisse zeigen: Der Boys’ Day und der Girls’ Day sind sehr beliebt. 94 Prozent der Jungen und 97 Prozent der Mädchen sind "äußerst zufrieden". Auf Arbeitgeberseite sieht es ähnlich aus: Rund 88 Prozent der teilnehmenden Unternehmen sind mit dem Girls' Day (sehr) zufrieden und 87 Prozent der Unternehmen nehmen wiederholt am Girls' Day teil.

Stärkung für das Arbeitgeberimage - auch im Recruiting

Die Beteiligung am Girls'Day hat für 83 Prozent der Unternehmen eine wichtige Funktion für ihre Außendarstellung. Unternehmen positionieren sich mit ihrem Engagement für Mädchen als sympathische Arbeitgeber in der Region. Mehr als 330 Arbeitskreise unterstützen dabei vor Ort: Sie vernetzen Unternehmen, Schulen, Verbände, Kammern und Initiativen in der Region.

Ein Drittel aller Organisationen hat Bewerbungen von Girls’-Day-Teilnehmerinnen erhalten, 65 Prozent dieser Organisationen haben die Bewerberinnen für einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz eingestellt. Ein Fünftel der Anbieter und Anbieterinnen haben Bewerbungen von Boys’-Day-Teilnehmern für ein Praktikum erhalten, 67 Prozent dieser Einrichtungen und Unternehmen haben die Jungen eingestellt.

Der Trend ist unverkennbar

Anlässlich der diesjährigen Aktionstage Girls‘ Day und Boys‘ Day hat auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) untersucht, wie sich das Berufswahlverhalten von Mädchen und Jungen verändert:  In rund 80 von 105 durch das BIBB untersuchten "Männerberufen" ist der Anteil weiblicher Auszubildender in den letzten zwölf Jahren gestiegen. Darunter befinden sich alle 25 am stärksten besetzten Berufe. Die Zuwächse sind zwar nicht sehr groß - im Durchschnitt etwa 0,2 Prozentpunkte pro Jahr und Beruf -, aber der Trend ist unverkennbar. Bis 2015 addierten sich die jährlichen Anteilssteigerungen junger Frauen auf einen Zuwachs von insgesamt durchschnittlich über zwei Prozent.

Mehr Frauen in „Männerberufen“

Von "Männerberufen" ist dann die Rede, wenn der Anteil der Männer in dem Beruf bei über 80 Prozent liegt. Typische "Männerberufe" sind zum Beispiel viele Bau-, Metall- und Elektroberufe. Unter den am stärksten besetzten "Männerberufen" gelang es insbesondere in drei Handwerksberufen, mehr junge Frauen für eine Ausbildung zu gewinnen: Im Beruf "Bäcker/-in" stieg der Anteil junger Frauen zwischen 2004 und 2015 um 7,7 Prozent auf 25,9 Prozent, im Beruf "Maler/-in und Lackierer/-in" um 6,5 Prozent auf 15,9 Prozent und im Beruf "Tischler/-in" um 5,0 Prozent auf 12,2 Prozent. Der Zuwachs des Frauenanteils im Beruf "Bäcker/-in" ist sogar so groß, dass dieser Beruf inzwischen nicht mehr zur Kategorie der typischen "Männerberufe" gehört.

Ausbildungsvergütung ist in  Männerberufen höher

Frauen, die sich für eine Ausbildung in typischen "Männerberufen" entscheiden, werden hierfür mit einer Ausbildungsvergütung belohnt, die im Schnitt höher ausfällt als in den typischen "Frauenberufen". Das ist bei Männern, die in "Frauenberufe" einsteigen, anders. Denn die Vergütungen in den "Frauenberufen" sind im Schnitt niedriger. Da ein hohes Einkommen für junge Männer tendenziell eine etwas größere Rolle als für junge Frauen spielt, liefern ihnen die niedrigeren Vergütungen Grund genug, typische "Frauenberufe" zu meiden.

Anteil von Männern in Frauenberufen hat sich kaum verändert

Während also zunehmend mehr Frauen in "Männerberufen" Fuß fassen, lässt sich Umgekehrtes für die jungen Männer nicht beobachten. Deren Anteil in den typischen "Frauenberufen" hat sich in den letzten zwölf Jahren im Schnitt kaum verändert. Typische "Frauenberufe" sind zum Beispiel Medizinische Fachangestellte, Zahn- oder Tiermedizinische Fachangestellte, Floristin, Frisörin und Kosmetikerin.

Zu den positiven Ausnahmen bei der Entwicklung des Männeranteils in "Frauenberufen" zählen unter anderem jene beiden - Justizfachangestellte und Milchwirtschaftliche Laborantin -, deren Vergütung zumindest über dem Durchschnitt aller Berufe liegt. In diesen beiden Berufen hat sich der Männeranteil seit 2004 signifikant erhöht - im Schnitt um 0,4 Prozentpunkte pro Beruf und Jahr.

Bausteine für eine geschlechtergerechte Berufs- und Studienwahl

Auch die Längsschnittevaluation des Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. zeigt Veränderungen im Berufswahlverhalten anhand von Ausbildungszahlen: Für eine Ausbildung zum Erzieher entschieden sich im Abschlussschuljahr 2013/14 rund 10.500 Schüler im Vergleich zu 8.890 im Jahr zuvor. Das ist ein Zuwachs von mehr als 18 Prozent. Für eine Ausbildung zur Mechatronikerin und Automatisierungstechnikern entschieden sich 2014 rund 6.200 Mädchen im Vergleich zu 5.230 im Jahr 2012. Das ist ein Zuwachs von mehr als 19 Prozent. Die Koordinatoren des Boys‘ Day und Girls‘ Day führen diese Entwicklung auch auf die positive Wirkung dieser Aktionstage zurück und bezeichnen sie als "wichtigen Baustein für eine geschlechtergerechte Berufs- und Studienwahl".

BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser betont, dass Initiativen wie der "Girls' und Boys' Day" Zeit benötigen. "Zwar stellen wir nach wie vor fest, dass viele Ausbildungsberufe einseitig von nur jeweils einem Geschlecht nachgefragt werden. Solchen Einseitigkeiten entgegenzuwirken braucht offenbar viel Geduld und Zeit. Andererseits zeigen die Ergebnisse aber auch, dass sich etwas bewegen lässt."

Weitere Informationen:

www.girls-day.de

www.boys-day.de

Haufe Online Redaktion

Berufswahl, Chancengleichheit, Gender, Gender Diversity, Ausbildung

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