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20.02.2015 | Serie Kolumne Wirtschaftspsychologie

Der große NLP-Bluff Teil I: Wie alles begann

Serienelemente
Prof. Dr. Uwe P. Kanning klärt in seiner monatlichen Kolumne über psychologische Fakten in der Personalarbeit auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

So mancher Mythos geistert durch die Personalabteilungen - gerade wenn es um psychologisches Wissen geht. Professor Uwe P. Kanning klärt in seiner Kolumne über die Fakten auf und gibt Tipps für die Praxis. Heute zeigt er seine Kritik am Neurolinguistischen Programmieren (NLP) auf.

Sie sind auf der Suche nach einer Methode, mit der sich die meisten beruflichen Aufgaben im zwischenmenschlichen Bereich geschmeidig lösen lassen? Sie wollen in Windeseile und völlig unbemerkt tief in die Seele Ihrer Bewerber blicken? Kunden sollen zu willenlosen Opfern werden, die drittklassigen Verkäufern wie ein hungriges Reh aus der Hand fressen? Geschäftspartner wollen Sie selbst dann noch über den Tisch ziehen können, wenn Ihre Argumente so stringent sind wie die einer Lebensberaterin im Astro-TV? Schwierigste Mitarbeiter sollen wie Wachs in den warmen Händen ihrer Führungskräfte formbar sein? Und zu allem Überfluss wollen Sie auch noch Ihr eigenes Unterbewusstsein ohne große Anstrengung auf grenzenlosen Erfolg programmieren?

Träumen Sie schön weiter. Eine solche Methode wird es niemals geben.

Das Neurolinguistische Programmieren

Allerdings gibt es die Illusion einer allmächtigen Psychotechnologie, die all dies verspricht. Schon ihr Name ist derart eindruckvoll und nichtssagend, dass er uns geradezu zwangsläufig Erfurcht abverlangt. Die Rede ist vom Neurolinguistischen Programmieren, kurz NLP.

Das klingt fast so wissenschaftlich wie Rasterelektronenmikroskop oder Magnetresonanztomographie. Leider hat NLP mit Wissenschaft soviel zu tun wie Captain Kirk mit Sir Isaak Newton.  

Kritik am NLP-Ansatz

Die Anfänge des NLP liegen in den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhundertes, als zwei wackere Gesellen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auszogen, die Welt der Psychotherapie zu revolutionieren. Für diese Aufgaben waren sie so qualifiziert wie ein Berliner Bürgermeister für den Flughafenbau. Richard Bandler, seinerzeit Student der Mathematik, Informationswissenschaft und Psychologie sowie John Grinder, Dozent für Anglizistik und Linguistik, begaben sich auf die Suche nach dem Geheimnis erfolgreicher Psychotherapie. Hierzu analysierten sie die Gesprächsprotokolle prominenter Therapeuten. Was bei oberflächlicher Betrachtung durchaus sinnvoll erscheint, erweist sich schon schnell als untauglicher Ansatz:

  • Bei der Auswahl der Therapieschulen gehen die NLP-Gründer extrem selektiv vor. Sie berücksichtigen nur solche Schulen, die sie emotional ansprechen (Gestalttherapie, Familientherapie, Hypnosetherapie), während die größten und einflussreichsten Therapieformen (Psychoanalyse und Verhaltenstherapie) außen vor bleiben.
  • Die Prominenz der untersuchten Therapeuten wird unreflektiert mit ihren Fähigkeiten gleichgesetzt. Ebenso gut könnte man glauben, der bekannteste Geiger des Landes sei auch der Beste.
  • Wer nur (vermeintlich) erfolgreiche Therapeuten analysiert, kann leider niemals herausfinden, warum sie erfolgreich sind. Hierzu bedarf es zumindest einer Kontrollgruppe nicht-erfolgreicher Therapeuten. Durch den Vergleich des Verhaltens beider Gruppen ließen sich dann im günstigsten Fall erfolgsrelevante Faktoren identifizieren. Wer nur auf die Gemeinsamkeiten erfolgreicher Therapeuten schaut, müsste letztlich auch glauben, dass ein Händedruck heilsame Wirkung entfaltet, da wahrscheinlich alle erfolgreichen Therapeuten ihren Patienten zur Begrüßung die Hand schütteln.

Kritik an den NLP-Thesen 

Das Forscherduo bestieg den solchermaßen selbst aufgeschütteten Datenberg der Erkenntnis, um schon bald darauf mit einer Handvoll Steinplatten herabzusteigen und die frohe Botschaft der leichten Manipulation aller Menschen in die Niederungen unseres Alltags zu tragen.

Wie sie zu den Steinplatten gelangten, bleibt auf ewig ihr Geheimnis. Die grundlegenden NLP-Thesen hätten sie sich auch ohne große Mühe schlicht ausdenken können. Sie reichen von banalen Wahrheiten wie "Der Mensch nimmt seine Umwelt subjektiv wahr" über Kalendersprüche, beispielsweise "Wenn ein Weg nicht funktioniert, einfach mal einen anderen ausprobieren" bis hin zu komplettem Blödsinn: "Jeder kann alles lernen".

Kritik an der Weiterentwicklung

Ausgehend von den beiden heiligen Schriften der Gründerväter – "The Structure of Magic I & II" – hat sich in den nachfolgenden Jahrzehnten das System NLP verselbstständigt. Heute gibt es hunderte von Publikationen, wobei jeder Autor selbst nach Herzenslust eigene Ideen beisteuern kann. Da in der Szene Ausdenken und Aufschreiben mit Erkenntnis gleichgesetzt wird, verwundert dies nicht. So schwanken beispielsweise die Darstellungen der sogenannten "Metaprogramme" – eine Art Synonym für Persönlichkeitsmerkmale – je nach Publikation zwischen sechs und mehr als 50. Selbst in der Auflistung der Grundannahmen unterscheiden sich die Quellen hinsichtlich Anzahl und Inhalt.

Es gehört aber auch zum Wesen des NLP, dass man bei anderen Wissenschaften einfach etwas abschreibt, um es anschließend als NLP-Methode zu verkaufen. Nach demselben Prinzip ließe sich auch Aspirin als NLP-Methode vermarkten. Offenkundig ist allerdings das Abschreiben aus der Sekundär- bis Oktärliteratur nicht so leicht wie ein Gang zur Apotheke. Bisweilen sind die Fehler so gewichtig, dass mache Methode zu einer Karikatur verkommt.

Kritik an den Werkzeugen 

Über allem steht dabei das Prinzip der Toolbox. Jeder Autor wirft etwas in den Werkzeugkasten hinein, aus dem sich anschließend alle nach Gutdünken bedienen. Tausende ausgebildeter NLP-Trainer greifen jeden Tag in diese Toolbox. Hinzu kommt ein Vielfaches an Trainern, die NLP-Methoden einsetzen, ohne es zu wissen. Methoden wie die Blickrichtungsdiagnostik, das Ankern oder Matching finden sich heute in vielen Ratgeberbüchlein zu Kommunikation oder Coaching.

Da in der Ratgeberszene fast alle voneinander abschreiben, versucht letztlich ein Blinder, dem anderen das Farbensehen beizubringen. Wenn sie es nur lange genug probiert haben, glauben am Ende beide, dass sie es tatsächlich können und gehen umso beschwingter ans Werk. So mancher Byzantinist findet auf diesem Weg einen Job als Trainer, mit dem sich die täglichen Brötchen weitaus leichter verdienen lassen als mit nächtlichen Taxifahrten. Zumindest für diesen Personenkreis hat NLP einen spürbaren Nutzen.

Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen & Personalentwicklung.

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Personaldiagnostik, Psychologie, Wissenschaft, Forschung, Personalarbeit

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