Würdezentrierte Gespräche statt Exit-Interview im Offboarding
Abschiednehmen ist nicht nur ein organisatorischer Akt, sondern ein tiefgehender emotionaler und sozialer Prozess. Es bedeutet Loslassen auf beiden Seiten – für den Offboardee, der seine Rolle verlässt, ebenso wie für das Team und die Organisation, die eine Lücke schließen müssen. Ein wesentliches Instrument, um diesen Übergang bewusst und wertschätzend zu gestalten, sind so genannte würdezentrierte Gespräche. Sie ermöglichen eine reflektierte Rückschau auf die berufliche Laufbahn, geben Raum für würdigende Anerkennung und schaffen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Was sind würdezentrierte Gespräche?
Der kanadische Palliativmediziner Harvey Chochinov (2002) entwickelte die Methode der Würdetherapie (Dignity Therapy), eine psychotherapeutische Kurzintervention für Patienten im Endstadium einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Sie zielt darauf ab, psychosoziale, spirituelle und existenzielle Belastungen zu mindern sowie das Empfinden von Würde, Sinnhaftigkeit und Zielgerichtetheit zu stärken. Patienten werden dabei zu einem Lebensrückblick angeleitet, wobei positive Aspekte ihres Lebens im Vordergrund stehen. Abschließend erhalten sie ein zusammenfassendes "Generativitätsdokument".
Dieser Ansatz lässt sich auf den Übergang in den Ruhestand übertragen: Ein bewusst geführtes Gespräch unterstützt die scheidende Person darin, ihren beruflichen Weg zu reflektieren und ihre Identität auch jenseits des Arbeitslebens zu bewahren.
Würdezentrierte Gespräche beim Offboarding
Das Konzept der würdezentrierten Gespräche in Unternehmen basiert auf der Idee von Petra Hinderer (2022), die erstmals vorschlug, die Prinzipien der würdezentrierten Gespräche aus der Hospizarbeit auf den Offboarding-Prozess in Unternehmen zu übertragen. Ihr Ansatz zeigt, wie Unternehmen die Erfahrung gehender Mitarbeitender bewusst würdigen und gleichzeitig Wissenstransfer und Reflexion ermöglichen können.
Würdezentrierte Gespräche sind mehr als eine zusätzliche Option im Offboarding-Prozess – sie sollten als verbindlicher Standard eines professionellen und wertschätzenden Offboarding betrachtet werden. Sie tragen dazu bei, den Übergang in den Ruhestand strukturiert und mit einer klaren Haltung der Anerkennung und Zukunftsorientierung zu gestalten.
Beispielfragen für ein würdezentriertes Abschiedgespräch
Kernfragen eines würdezentrierten Abschiedsgesprächs könnten sein:
- Welche beruflichen Erfahrungen und Erlebnisse prägen mich am meisten?
- Welche Werte haben mich in meiner Arbeit geleitet?
- Was sind meine größten Erfolge und worauf bin ich besonders stolz?
- Welches Wissen oder welche Weisheiten möchte ich an mein Team oder die Nachfolge weitergeben?
- Welche Botschaft möchte ich für die Zukunft hinterlassen?
- Wie kann ich meinen Abschied so gestalten, dass ich versöhnlich gehe?
Diese Fragen helfen nicht nur dem Offboardee, das eigene berufliche Vermächtnis bewusst wahrzunehmen, sondern auch dem Unternehmen, die wichtigsten Impulse dieser Person zu bewahren und in die Zukunft zu tragen.
Würdezentrierte Gespräche als Game-Changer im Offboarding
Würdezentrierte Gespräche sind weit mehr als eine Alternative zu klassischen Exit-Interviews. Sie stellen vielmehr einen Game-Changer im Offboarding-Prozess dar. Allein durch ihre Einführung verändern sich zentrale Aspekte des Abschiedsprozesses grundlegend.
Die Implementierung dieser Gespräche bewirkt eine nachhaltige Verbesserung in mehreren Schlüsselbereichen:
- Wahrnehmung des Offboardee und seiner Bedürfnisse: Durch einen dialogorientierten, individuellen Ansatz fühlen sich Mitarbeitende wertgeschätzt und in ihren persönlichen Wünschen ernst genommen.
- Anerkennung der Lebensarbeitsleistung
- Individuelle Gestaltung des Abschieds: Offboardee haben die Möglichkeit, ihre Vorstellungen für einen gelungenen Übergang zu formulieren – sei es durch Abschiedsrituale, Wissensweitergabe oder Vernetzungsoptionen.
- Dialog mit der Führungskraft: Diese Gespräche bieten eine strukturierte Möglichkeit, auf Augenhöhe über die gemeinsamen Jahre, Erfolge und Herausforderungen zu reflektieren.
- Sensibilisierung innerhalb der Organisation: Die Einführung solcher Gespräche verändert die Unternehmenskultur, indem sie Offboarding als integralen Bestandteil des MLC etabliert.
- Wertvolle Anhaltspunkte für die Organisation: Unternehmen erhalten durch die Gespräche Erkenntnisse über notwendige Veränderungen in der Personalstrategie, Nachfolgeplanung und Wissenssicherung.
Standardisierung und kulturelle Verankerung
Während viele Unternehmen klassische Exitgespräche als festen Bestandteil des Offboarding betrachten, setzen würdezentrierte Gespräche einen neuen Standard für eine reflektierte und wertschätzende Abschiedskultur. Diese Gespräche sind kein zusätzliches administratives Element, sondern ein integraler Bestandteil eines gelungenen Offboarding. Best Practices für die Implementierung können sein:
- Frühzeitige Planung: Würdezentrierte Gespräche sollten nicht erst kurz vor dem Austritt stattfinden, sondern als kontinuierlicher Reflexionsprozess im letzten Berufsabschnitt eingebettet sein.
- Anpassbare Gesprächsleitfäden: Je nach individueller Situation und Rolle des Offboardee kann der Gesprächsfokus variieren.
- Integration in bestehende HR-Prozesse: Die Gespräche sollten mit Talent- und Wissensmanagement verzahnt werden, um Übergänge optimal zu gestalten.
- Regelmäßige Evaluation: Die kontinuierliche Reflexion über die Wirkung dieser Gespräche hilft, den Offboarding-Prozess weiter zu verbessern.
Unterschied Exit-Interview vs. würdezentriertes Abschiedsgespräch
Würdezentrierte Gespräche finden während des Offboarding-Prozesses statt und legen den Fokus auf die Wertschätzung der Lebensleistung, individuelle Bedürfnisse und einen reflektierten Abschluss. Exitgespräche hingegen sind oft rückblickend und finden in einer Phase statt, in der Mitarbeitende bereits emotional distanziert sind. Sie fokussieren sich häufig auf Kritik und Verbesserungspotenziale für das Unternehmen, bieten aber wenig Raum für einen echten, individuellen Abschied.
Würdezentrierte Gespräche eignen sich besonders beim Offboarding in dern Ruhestand. Sie legen den Schwerpunkt auf die Wertschätzung der Lebensleistung, den Übergang in eine neue Lebensphase und die Reflexion des Berufslebens.
Da Exitgespräche in vielen Unternehmen jedoch ein bewährtes Instrument sind und in anderen Offboarding-Situationen eine wichtige Rolle spielen, sollten sie bei der Implementierung eines Offboarding-Prozesses dennoch thematisiert werden. Sie liefern wertvolle Hinweise zur Unter-nehmenskultur, zu Optimierungsmöglichkeiten und zur Arbeitgeberattraktivität.
Buchtipp: Praxiswissen Offboarding
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus: Angelika Gaßmann, Kathrin Martini und Dirk Sichelschmidt: "Praxiswissen Offboarding. Übergänge gestalten – Wertschätzung zeigen – Know-how sichern." Schäffer-Poeschel, 2025.
Das Buch erklärt, wie Offboarding die Unternehmenskultur beeinflusst, was scheidende Mitarbeiter beschäftigt, welche Aufgaben Führungskräfte haben und wie man unterstützende Abläufe gestalten kann. Es enthält zudem zahlreiche Checklisten, Praxisbeispiele und Gesprächsleitfäden. Sie können das Buch hier im Haufe-Shop bestellen.
Angelika Gaßmann ist systemische Beraterin mit über 25 Jahren Erfahrung. Sie arbeitet sie als freiberufliche Trainerin für Führungskräfte, Coach und Prozessbegleiterin für Organisationsentwicklungsprojekte in Unternehmen der Sozialbranche.
Kathrin Martini ist Diplom-Sozialarbeiterin (FH). Als Qualitätsmanagementbeauftragte beim Caritasverband Trier begleitet sie Management- und Zertifizierungsprozesse. Weitere Schwerpunkte der Arbeitstätigkeit sind unter anderem die Gestaltung, Einführung und Steuerung von Prozessen, zum Beispiel im Bereich On- und Offboarding, sowie die Mitgestaltung von Leistungsbeschreibungen, Konzeptionen und einrichtungsbezogenen Handbüchern.
Dr. Dirk Sichelschmidt ist Dozent, Qualitätsbeauftragter und stellvertretender Leiter der Fortbildungs-Akademie des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit Seminaren zum Thema "gutes" Loslassens und Offboarding in den Ruhestand.
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