Kolumne Leadership

Machiavelli wollte das Richtige und predigte das Falsche


Machiavelli wollte das Richtige und predigte das Falsche

Führen und Folgen sind die Grundlage gelingender Zusammenarbeit. Doch ihre Voraussetzungen unterliegen dem Wandel. Unser Kolumnist Randolf Jessl beleuchtet diesmal die Frage: Taugt Niccolò Machiavelli als Leadership-Guru?

Alle Welt schaut wieder nach Italien. Dort haben die olympischen Winterspiele begonnen. Ganz im Geiste des fairen und friedlichen Wettstreits sowie der Anerkennung von Einsatz und Leistung heißt es: "Möge der oder die Bessere gewinnen!"

Also tue ich das auch – allerdings nicht im Sport, sondern mit Blick auf Führung. Und dabei wende ich mich den Lehren eines Italieners zu, der seit einiger Zeit wieder Zuspruch erfährt. Nicht nur auf der politischen Weltbühne, sondern auch in Führungskreisen: Niccolò Machiavelli.

Denn das, was seit Jahrhunderten unter dem Begriff Machiavellismus firmiert, wird heute wieder offen propagiert, teils geradezu zelebriert: eine Führungsphilosophie, in der der Zweck die Mittel heiligt, getrickst und getäuscht wird und vor allem Stärke zählt. Begründet wird das mit Parolen wie "Mut zur Disruption", "Zeit für grundlegende Transformation" oder der Forderung nach "hartem Durchgreifen" in Krisenzeiten. Manch einer schwingt dazu die Kettensäge.

Wer war Machiavelli?

Doch wer war der Mann, der bis heute Debatten anregt? Machiavelli war weder Feldherr noch erfolgreicher Staatslenker. Er war Beamter, Diplomat und politischer Berater der Republik Florenz – und nach deren Sturz ein Mann ohne Amt, Einkommen und Einfluss. Sein viel zitiertes Buch "Der Fürst" war nicht nur als Grundlagenwerk zur Staatskunst gedacht. Es sollte auch als Bewerbungsschreiben für einen Posten am Florentiner Hof dienen.

Machiavelli analysiert darin Führung aus der Beobachtung realer Herrscher heraus. Seine Texte folgen damit einer biografischen Logik: Er leitet Erfolgsprinzipien aus dem Handeln einzelner Mächtiger ab. Aus heutiger Sicht gilt dieser Ansatz als verkürzt – denn gute Führung lässt sich nicht allein aus den Eigenschaften einzelner Personen erklären. Sie basiert immer auf dem Zusammenspiel von Situation, Beziehungsmustern, Strukturen und Geführten.

Zum Leadership-Guru hätte Machiavelli dank seiner plakativen Sprache und seiner flammenden Appelle sicher das Zeug gehabt, doch seine Texte geben das nicht her.

Was wollte Machiavelli wirklich?

Dabei wollte Machiavelli durchaus das Richtige. Ihm ging es darum, wie Herrscher Gerechtigkeit und Ordnung herstellen. Um Stabilität zu sichern, rief er dazu auf, sich ein realistisches Urteil über den Menschen und die Welt zu formen. Sein Plädoyer für strategisches Denken und Imagepflege der Herrschenden wirken modern. Seine Maxime, moralische Skrupel hintanzustellen, wenn es der Sache dient, wird bis heute kontrovers diskutiert. Gemeint hat er sie wohl wie folgt.

Macht, List und Durchsetzungsfähigkeit waren für ihn Werkzeuge, die es klug einzusetzen gilt. Entscheidend war, dass der Staat und die eigene Herrschaft Bestand hatten. Dass Machiavelli dabei ein ausgesprochen dunkles Menschenbild zeichnet – geprägt von Eigennutz, Opportunismus und Illoyalität –, ist zentral für sein Denken. Führung muss seiner Ansicht nach diesen Schwächen begegnen, anstatt auf Tugend und Vernunft in der Welt zu hoffen.

Gerade darin liegt aber auch die Grenze seiner Lehre: Wer Führung ausschließlich als Dominanzstreben versteht und den Menschen nichts zutraut, beschneidet ihre Möglichkeiten.

Was sagt die Leadership-Forschung heute?

Die Wissenschaft zeichnet heute ein deutlich differenzierteres Bild vom Menschen – und von dem, wie man ihn am besten führt. Besonders gut belegt ist, dass Gruppen dann leistungsfähig sind, wenn Führung nicht über Angst, sondern über Identifikation wirkt. Robust erforschte Konzepte wie Social Identity Leadership zeigen: Wirksam führen jene, die sich als Teil des "Wir" positionieren, Orientierung geben und kollektive Handlungsfähigkeit stärken. Nicht das starke Ich bewegt Organisationen und Gruppen, sondern ein starkes Wir.

Außerdem wird Machiavellismus heute nicht mehr nur als eine Führungsphilosophie gesehen. Der aktuellen Persönlichkeits- und Führungsforschung gilt Machiavellismus als eine Persönlichkeitseigenschaft, die Teil der sogenannten "dunklen Triade" ist. Neben Narzissmus und Psychopathie wird Machiavellismus häufig als Charakterzug bei Menschen in Macht- und Führungspositionen beobachtet. Manipulation, instrumentelles Denken und geringe Empathie prägen in diesem Fall das Wesen dieser Menschen und sind nicht mehr nur, wie es Machiavelli vorschwebte, (frei gewähltes) Mittel zum Zweck.

Was können Führungskräfte heute wirklich von Machiavelli lernen?

Dennoch erinnert uns Machiavelli an etwas Wichtiges: Führung ist kein Moralseminar. Sie braucht Klarheit, Entscheidungsfähigkeit und eine gehörige Portion Pragmatismus, um unter gegebenen Umständen etwas zu erreichen. Auch heute gilt: Wer führt, sollte strategisch denken und mit Widerstand umgehen. Die viel zitierte Formel Machiavellis, im Zweifel sei es besser, "eher gefürchtet als geliebt zu werden", führt aber bereits ins Abseits.

Denn sie fokussiert auf die Person des starken Führers, der um jeden Preis seine Position festigt und anderen seinen Willen aufzwingt. Ob diese aus Furcht oder Zuneigung folgen, ist da schon fast nebensächlich. Wohin bedingungsloses Dominanzstreben führt, zeigen uns Autokraten und vermeintlich starke Männer auf der Weltbühne gerade auf. Das Gemeinwesen profitiert selten davon.

Führung leistet mehr und Besseres für Gruppen und Organisationen, wenn sie deren Potenzial hebt. Das geschieht, indem sie Macht teilt, andere in die Verantwortung nimmt und die Stärken vieler nutzt. Führung geschieht dann situativ, ist nur auf Dauer angelegt und kann rotieren. Sie wird gerade dadurch gestärkt und nicht, wie die Kritiker dieser Konzepte meinen, geschwächt.

Fazit: Möge der Bessere führen, nicht der Mächtige

Führung, die einer Organisation oder einer Gruppe dient, darf daher nicht auf den Machterhalt Einzelner ausgerichtet sein. Sie muss sich auf den Zweck, das gemeinsame Ziel und die jeweilige Herausforderung fokussieren. Deshalb sollten gerade Wirtschaftsunternehmen jene in Führung bringen, die für die gestellte Herausforderung aktuell am besten geeignet sind. Oder, olympisch formuliert: "Möge nicht der oder die Mächtige, sondern der oder die Bessere führen."


Randolf Jessl ist Inhaber der  Kommunikations- und Leadershipberatung Auctority. Er berät, trainiert und coacht Menschen und Organisationen an der Schnittstelle von Führung, Kommunikation und Veränderungsanliegen. Zusammen mit Prof. Dr. Thomas Wilhelm hat er bei Haufe das Buch " Shared Leadership" veröffentlicht.


Schlagworte zum Thema:  Leadership , Mitarbeiterführung
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