Kolumne Wirtschaftspsychologie

Brauchen wir mehr Intuition in der Personalauswahl?


Karten legen

Bauchgefühl statt Bewerbungsmappe – klingt modern, ist aber riskant. Während die Forschung seit Jahrzehnten zeigt, wie Personalauswahl wirklich funktioniert, fordern manche Stimmen ausgerechnet mehr Intuition. Kolumnist Uwe P. Kanning erklärt, warum das keine gute Idee ist – und was dabei wirklich auf dem Spiel steht.

Seit gut 50 Jahren gibt es empirische Forschung zu der Frage, wie wir die Eignung von Bewerberinnen und Bewerbern am besten feststellen und ihre berufliche Leistung besser vorhersagen können. In wohl keinem Bereich des Personalwesens können wir aus der Forschung so fundierte Handlungsempfehlungen für die Praxis ableiten wie im Bereich der Personalauswahl. Und dennoch: Ein Blick in viele Unternehmen zeigt, dass dieses Wissen oft gar nicht bekannt ist oder nur in homöopathischen Dosen zum Einsatz kommt.

Brauchen wir wirklich Wissen und Forschung?

Sollte uns dies wundern? Was würden wir wohl sagen, wenn Brückenbauer Statik als einen Akt der Bevormundung weltfremder Bewohnerinnen und Bewohner des Elfenbeinturms betrachten würden? Wie würden wir reagieren, wenn 80 Prozent aller Chirurginnen und Chirurgen auf eine Sterilisierung der Gerätschaften mit dem Hinweis verzichten, man sei im 30-jährigen Krieg auch ohne diesen Schnickschnack ausgekommen? Sollten wir es für gut befinden, wenn Richterinnen und Richter kein Jurastudium absolvieren, sondern sich stattdessen selbstbewusst auf ihr gesundes Rechtsempfinden berufen? Was würden wir von einem Controlling halten, das den Einsatz von Zahlen mit dem Hinweis ablehnt, dass Wirtschaft zu 80 Prozent Psychologie sei und Zahlen das ganzheitliche Phänomen allzu stark simplifizieren? Würden wir gern zu einem Zahnarzt gehen, der sich darauf konzentriert, unsere Wurzelentzündung über einen hermeneutisch-konstruktivistischen Diskurs zu verstehen? Wahrscheinlich würden wir kein gutes Gefühl dabei haben, uns in die Hände entsprechender Expertinnen und Experten zu begeben. 

Als wäre die mangelnde Berücksichtigung der Forschung im Personalwesen nicht schon befremdlich genug, gibt es immer wieder Stimmen, die sogar mehr Intuition in der Personalauswahl fordern und für eine Zurückdrängung der ohnehin kaum vorhandenen Evidenzorientierung plädieren. Übertragen auf andere Berufsgruppen hieße dies, dass wir Brücken am besten von Kindern bauen lassen, die Chirurgie nur noch Wadenwickel einsetzt, die Gerichtsbarkeit den betroffenen Familien überlassen wird, Zähne wieder auf dem Marktplatz von Barbieren gezogen werden, und wir wieder zum Tauschhandel zurückkehren sollten.

Intuition sorgt für noch mehr Homogenität

Ja, wir benötigen viel mehr Intuition in der Personalauswahl,

  • damit Menschen vor allem nach ihrem Aussehen beurteilt und anspruchsvolle Stellen primär mit gut aussehenden Personen besetzt werden, die ihren Vorgesetzten möglichst ähnlich sind.
  • damit Menschen mit Behinderung, ältere Personen und Personen mit Migrationshintergrund kaum noch eine Chance auf einen einflussreichen Posten haben.
  • damit Menschen, die mit sächsischem Akzent sprechen, nur noch Stellen in Chemnitz bekommen.
  • damit Frauen nur noch in Frauenberufen und Männer nur noch in Männerberufen arbeiten.
  • damit in Führungspositionen mehr große, kräftige Alpha-Männchen sitzen.
  • damit der Aufstieg auf der Karriereleiter nicht von der Eignung, sondern nur noch von Vitamin B abhängt.
  • damit vor allem schwierige Persönlichkeiten in Spitzenpositionen vordringen.
  • damit immer mehr Führungskräfte Fachkräfte vergraulen.
  • damit mehr hoch qualifizierte Menschen schon im Auswahlverfahren verstehen, dass sich niemand für ihr Können interessiert, sondern sie einzig und allein jemandem gefallen müssen.
  • damit die ohnehin schon geringe Objektivität der Personalauswahl noch weiter sinkt und die Auswahlentscheidung vor allem davon abhängt, wer an einem bestimmten Tag in welcher Stimmung das Einstellungsinterview führt.
  • damit Kleinigkeiten, wie etwa eine unglückliche Formulierung im Anschreiben oder die Antwort auf eine einzige Frage im Interview ("Welches Tier wären Sie gern? – Ein Archaeopteryx.) die Auswahlentscheidung prägen und zehn andere Informationen überstrahlen.
  • damit die ohnehin schon geringe Prognosegüte der Auswahlverfahren möglichst auf den Wert eines Münzwurfs sinkt.
  • damit ...

Wahrlich, wir benötigen mehr Intuition! Und lasst uns gleich auch noch die gesamte Aufklärung abschaffen. Warum brauchen wir Schulen und Universitäten? Lasst uns zurückkehren in eine gute alte Zeit, in eine Welt der Mysterien, der Feen und Dämonen, in der ein strafender Gott Blitze vom Himmel schickt und nur der Ablass das Seelenheil rettet. Die Zukunft gehört der Intuition!


Der Kolumnist  Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen und Personalentwicklung.

Schauen Sie auch einmal in den  Youtube-Kanal "15 Minuten Wirtschaftspsychologie" hinein. Dort erläutert Uwe P. Kanning zum Beispiel zusammenfassend, wie Sie gute von schlechten Testverfahren unterscheiden warum Manager scheitern, wie ein Akzent die Bewertung von Bewerbern beeinflusst oder wie "smart" gesetzte Ziele für eine Leistungssteigerung sein müssen.

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