Führungsspiel – die Kolumne zur Fußball-WM

Zwei Formen der Resilienz


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Das Team ist im Rückstand – jetzt ist Resilienz gefragt. Ex-Profi Manuel Gulde schreibt in seiner Kolumne zur Fußballweltmeisterschaft, welchen Unterschied ein 0:0 und ein 0:2 machen, und was Führungskräfte in schwierigen Situationen für ihr Team tun müssen.

Bis zur 79. Minute lag Argentinien 0:2 gegen Ägypten zurück. K.o.-Spiel. Keine zweite Chance. Messi hatte in derselben Partie bereits einen Elfmeter verschossen. Die Siegwahrscheinlichkeit lag bei nur noch 0,6 Prozent (Opta Win Probability Model). Gut dreizehn Minuten später: 3:2. Der Weltmeister hatte ein praktisch verlorenes Spiel gedreht und steht im Viertelfinale.

Das ist keine Geschichte von Glück. Es ist eine Geschichte davon, was passiert, wenn eine Mannschaft nach einem 0:2 nicht in erster Linie auf die Ursache schaut, sondern darauf, den nächsten konstruktiven Schritt zu gehen.

Zwei Formen von Resilienz – und was sie gemeinsam haben

In derselben Nacht zeigte die Schweiz eine weitere Version von Resilienz. 0:0 nach 90 Minuten gegen Kolumbien. 0:0 nach 120 Minuten. Kein Rückstand, der aufzuholen war. Keine dramatische Wende. Nur die Abwesenheit von greifbaren positiven Signalen (zum Beispiel in Form eines Tores) über zwei Stunden – und am Ende ein Sieg im Elfmeterschießen. Das erste WM-Viertelfinale der Schweiz seit 1954.

Argentinien und die Schweiz zeigen, dass Resilienz zwei Gesichter hat. Das erste ist auffällig und sichtbar: Der Rückstand, der aufgeholt wird, die Wende in dreizehn Minuten. Das zweite ist eher unauffällig und spielt sich lange nur im Innern ab: Kein dramatischer Auslöser, kein Aha-Moment, nur die Entscheidung, jeden Schritt zu gehen, auch wenn nichts darauf hinweist, dass er etwas bewirkt.

Beide verlangen dieselbe Grundfähigkeit. Aber das 0:0 ist die härtere Variante – weil es keinen Moment gibt, der einen aufweckt. Kein Rückstand, der mobilisiert, keine sichtbare Wende. Man muss sich selbst aufwecken. Was beide Situationen verbindet, ist nicht Talent. Es ist die Entscheidung, den nächsten Schritt zu gehen – obwohl vieles dagegen spricht.

Resilienz im Fußball: Von der Bank in ein Spiel, das sich dreimal drehte

Ich kenne diese Situationen aus eigener Erfahrung. Ein Beispiel: DFB-Pokal, zweite Runde, Oktober 2021 – wir spielten als Bundesligist beim Drittligisten Osnabrück. In der 26. Minute fiel Philipp Lienhart nach einem Zweikampf unglücklich auf den Kopf und konnte nicht weiterspielen. Ich, damals auf der Bank, musste mich schnell fertig machen. Es war kalt und ungemütlich. Dreißig Sekunden Warmmachen an der Seitenlinie, dann war ich drin. Keine Zeit zum Nachdenken. Über einen guten Zweikampf fand ich ins Spiel, und kurz darauf gingen wir durch Vincenzo Grifo in Führung.

Es sah lange nach einem umkämpften Auswärtssieg aus. Dann, mit der letzten Aktion der Nachspielzeit, glich Osnabrück aus. Verlängerung. Das Momentum lag jetzt bei ihnen, der Schock bei uns. Und dann setzte einer von ihnen den Ball aus gut zwanzig Metern in den Winkel. Wir lagen 1:2 zurück.

In so einem Moment spürst du den Druck und die Angst vor dem Ausscheiden. Aber die Angst lähmt nicht zwangsläufig. Bei mir hat sie das Gegenteil bewirkt: Ich spielte zielstrebiger, in einem sehr alarmierten mentalen Zustand, der noch einmal Kräfte mobilisierte.

In der letzten Minute der Verlängerung köpfte Keven Schlotterbeck das 2:2. Im Elfmeterschießen behielt unser damaliger Torwart Benjamin Uphoff die Nerven und wir kamen weiter.

Mentale Stärke: Nicht der Fehler zählt, sondern die nächste Aktion

Ich hatte über einige Jahre einen Mentalcoach. Ein Gedanke ist besonders hängen geblieben, obwohl er fast zu einfach klingt: Wenn du im Spiel einen Fehler machst, hake ihn sofort ab. Nicht festhalten, nicht mit dir hadern, während der Ball schon wieder rollt. Innerlich gibst du dir nur eine Anweisung: Konzentriere dich auf den nächsten Pass, den nächsten Zweikampf. Fokussiere dich immer ausschließlich auf die nächste Aktion. Jede nächste Aktion ist eine Möglichkeit, es besser zu machen, etwas Positives zu bewirken.

Argentiniens Cristian Romero hat in der 79. Minute nicht an ein mögliches 3:2 gedacht. Er hat sich auf diesen einen auszuführenden Kopfball fokussiert. Der daraus resultierende 1:2 Anschlusstreffer hat das 2:2 denkbar gemacht. Nachdem auch das 2:2 fiel, war der Sieg möglich.

Resilienz ist keine einzige große Entscheidung. Sie ist eine Sequenz kleiner Entscheidungen – von denen jede die nächste erst möglich macht.

Der 0:2-Moment im Unternehmen und wie Führungskräften ihn meistern

Jedes Team kennt seinen 0:2-Moment. Im Unternehmen hat er viele Gesichter: Der Launch, der in der ersten Woche öffentlich scheitert. Das Projekt, das 30 Prozent unter den Vorgaben liegt. Der Schlüsselkunde, der nach Jahren des Vertrauens zur Konkurrenz wechselt. Das Quartalsergebnis, das die Erwartungen klar verfehlt. Der Beschluss, der Monate Arbeit hinfällig macht.

Was in solchen Momenten als Erstes passiert: Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Ursache. Wer hat was falsch entschieden? Warum ist es so weit gekommen? Das ist verständlich. Aber es ist die falsche Reaktion – solange noch etwas zu gewinnen ist.

Was in einem 0:2-Moment wirklich entscheidet, ist nicht der Appell danach. Es ist, den ersten konkreten Schritt zu identifizieren: Was tun wir in den nächsten Minuten, damit sich etwas ändert? Nicht der Sieg ist der erste Schritt – sondern das 1:2. Was ist der eine Schritt, der den nächsten erst möglich macht?

Führungskräfte, die in einem 0:2-Moment zum Aufmunterungsappell greifen ("wir können das noch schaffen, wir glauben daran") können vielleicht kurzfristige Erfolge feiern. Meiner Erfahrung nach braucht das Team jedoch nicht das Signal, dass der Chef noch glaubt. Es braucht Klarheit über den nächsten umsetzbaren Schritt. Dies kann zu nachhaltigem Erfolg führen.

Dabei gibt es eine Unterscheidung, die leicht übersehen wird: Resilienz bedeutet nicht, denselben Plan noch verbissener umzusetzen. Argentinien hat nicht einfach mehr vom Gleichen gemacht. Head Coach Scaloni hat Spieler aus- und eingewechselt, die Struktur verändert. Resilienz hält den Willen aufrecht und passt die Methode an. Sturheit hält beides aufrecht – auch wenn beides nicht mehr funktioniert.

Der 0:0-Moment: Die härtere Prüfung für Führungskräfte und Teams

Die schwierigere Situation im Unternehmenskontext ist die der Schweiz: Kein dramatischer Rückstand, kein sichtbarer Auslöser, nur ausbleibender Fortschritt. Das Transformationsprojekt, das nach sechs Monaten wenig vorzeigen kann. Die Marktstrategie, die noch keinen Durchbruch gebracht hat. Die Kulturveränderung, die noch niemand positiv spürt.

Hier fällt nichts durch eine schlechte Entscheidung auseinander. Es gerät eher durch das meist unbemerkte Absenken der vorgegebenen Standards ins Wanken: Die Vorbereitung, die kürzer ausfällt. Das schwierige Gespräch, das auf morgen verschoben wird. Der Zeitplan, der sich unmerklich verschiebt. Die erste Konzession ist die schwerste – sie fühlt sich noch falsch an. Die zweite ist leichter. Ab der zehnten fühlt sie sich normal an. Wenn das Ergebnis sichtbar schlechter wird, sind die Standards längst gefallen.

In der 0:0-Situation brauchen Teams kein Feuer. Sie brauchen die Klarheit darüber, warum das, was sie heute tun, morgen einen Unterschied machen wird. Menschen hören auf, konsequent zu arbeiten, wenn sie die Verbindung zwischen ihrem heutigen Schritt und dem zukünftigen Ergebnis nicht mehr sehen. Wer als Führungskraft diese Verbindung konkret und nachvollziehbar vermitteln kann, schafft nachhaltig erfolgreiche Teams.

Resilienz hat zwei Prüfungen. Die eine ist für jeden auffällig und sichtbar. Die andere ist eher unauffällig und spielt sich lange nur im Innern ab. Die erste fordert eine Entscheidung, wenn es brennt. Die zweite fordert dieselbe Entscheidung, immer wieder – bevor ein Feuer ausgebrochen ist.

Das Comeback sieht jeder. Die Entscheidung, es zu beginnen, sieht niemand.

 

Über den Autor: Manuel Gulde war 16 Jahre lang im Profifußball aktiv, unter anderem beim SC Freiburg, dem Karlsruher SC und der TSG Hoffenheim. In seiner Kolumne zur Fußball-WM 2026 verknüpft er Turniermomente mit Themen wie Druck, Teamdynamik und Vertrauen – und zeigt, was Unternehmen vom Profisport mitnehmen können.

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