Führungsspiel – die Kolumne zur Fußball-WM

Ergebnisorientierung bremst Entwicklung


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Die K.o.-Phase der WM läuft – und Deutschland ist raus. Ex-Profi Manuel Gulde schreibt in seiner Kolumne, was sich aus dem frühen Ausscheiden mitnehmen lässt, und warum gute Quartalszahlen genauso täuschen können wie ein Sieg. 

Foxborough, 29. Juni. 1:1 nach 90 Minuten. 1:1 nach 120 Minuten. Im Elfmeterschießen scheidet Deutschland aus. Nach der Vorrunde 2018, der Vorrunde 2022, nun das Sechzehntelfinale. Das dritte frühe Aus in Folge.

Die Analyse begann sofort. Noch in der Nacht, noch bevor der Mannschaftsbus abgefahren war. Was hat nicht funktioniert, welche Entscheidungen waren falsch, welcher Plan ist wie gescheitert? 55 versuchte Flanken inklusive Eckbällen in einem K.o.-Spiel – mehr als jedes andere Team in einem WM-Spiel seit 1966, als die Statistik erstmals erfasst wurde. Zahlen, die für sich stehen. Und doch ist Deutschland ausgeschieden.

Das Ausscheiden schmerzt, der DFB will nicht zur Tagesordnung übergehen – und trotzdem droht die Analyse am falschen Moment anzusetzen.

Eine Niederlage markiert einen Moment. Nicht den Ursprung.

Eine Niederlage erklärt sich nicht selbst. Sie markiert einen Zeitpunkt. Was dabei zum Vorschein kommt, ist meistens nicht erst an diesem Tag entstanden.

Nach einem Ausscheiden richtet sich alle Aufmerksamkeit auf den letzten Spieltag: den Matchplan, der nicht aufging, die 120 Minuten, das Elfmeterschießen. Das ist menschlich. Aber sehr oft sind das die falschen Fragen. Die wichtigere ist: Wann hat die Entwicklung begonnen, in die falsche Richtung zu laufen – und warum war das vorher nicht zu sehen?

Ein Ergebnis beantwortet immer nur eine einzige Frage: ob es gereicht hat. Beim 7:1 gegen Curaçao hat es gereicht, beim Last-Minute-Sieg gegen die Elfenbeinküste auch. Die unbequemere Frage blieb aus: War das echte Substanz – oder günstige Umstände? Nach einem Sieg stellt sie kaum jemand. Der Impuls geht in die Vorbereitung des nächsten Spiels, in Regeneration, in kurze Erleichterung. Das Ergebnis hat die Frage beantwortet, bevor sie gestellt wurde.

Was ein gutes Ergebnis verschweigt

In meiner zweiten Kolumne habe ich den Auftakt gegen Curaçao genauer betrachtet – die Minuten nach dem 1:0, in denen der Ausgleich fiel. Ein kurzes Nachlassen, ein Team, das kurz unter sein Niveau rutschte. Die Reaktion war gut: nüchterne Korrektur, kein Überdrehen. Das Spiel endete 7:1. Aber die Frage, die das 1:1 aufgeworfen hatte, war damit nicht beantwortet. Sie war überlagert.

Gegen die Elfenbeinküste lag Deutschland zurück und gewann erst durch zwei späte Tore, eines davon weit in der Nachspielzeit. Auch ein Sieg, der verdeckt hat, wie knapp es war – und wie lange es nicht gestimmt hatte.

Das Muster steckt auch in dem, was die Gruppenphase nicht testen konnte: Für Curaçao war es die erste WM. Gegen die Elfenbeinküste lief Deutschland einem Rückstand hinterher. Ecuador hatte alles zu gewinnen, Deutschland die Qualifikation längst in der Tasche. Keines dieser drei Spiele verlangte, was Foxborough verlangte: unter Druck stabil bleiben, ohne die Sicherheit einer zweiten Chance. Wer das Turnier bis dahin nur durch die Ergebnisse betrachtet hatte, konnte diesen Unterschied nicht sehen.

Darum geht es mir. Nicht um die Entscheidungen des Spieltags. Sondern darum, was Ergebnisse erlauben zu übersehen – solange sie stimmen. Ein 7:1 sagt, dass du sieben Tore geschossen hast. Es sagt nicht, dass alles in Ordnung ist.

Was Darmstadt mit dem nächsten Quartal zu tun hat

Im April 2024 haben wir mit dem SC Freiburg in Darmstadt 1:0 gewonnen – trotz eines schlechten Spiels. Viele im Team waren müde, einige blieben deutlich unter ihrem Niveau. Wir haben das 1:0 verteidigt, mit etwas Glück über die Zeit gebracht. Christian Streich nannte den Sieg hinterher selbst glücklich. So war es.

Ich habe auf dem Platz gespürt, dass wir das nicht verdient hatten. Und trotzdem kam die Reaktion, die nach einem Sieg fast immer kommt: Hauptsache gewonnen, drei Punkte, weiter.

Wir hätten uns mehr hinterfragen müssen. Haben wir nicht. Von den fünf folgenden Spielen haben wir keines mehr gewonnen und am letzten Spieltag Europa knapp verpasst. Was von außen wie ein Einbruch am Saisonende aussah, war keiner. Es war das, was in Darmstadt schon da war – und hinter einem 1:0 keiner sehen wollte.

Wenn das Team liefert – und niemand nachfragt

Dieser Mechanismus taucht überall auf, wo Menschen in Teams arbeiten und Ergebnisse liefern.

Ein Quartal, in dem die Ziele erfüllt werden, obwohl die Zusammenarbeit schon länger nicht mehr stimmt. Ein Projekt, das pünktlich fertig wird, weil Einzelleistungen gerettet haben, was die Abläufe nicht konnten. Ein Kundengespräch, das gut läuft, obwohl das Angebot dahinter schwächer ist als das Ergebnis vermuten lässt.

Solange das Ergebnis stimmt, ist der Druck, tiefer zu fragen, gering. Das Ergebnis schützt – und es tut mehr als das: Es erzeugt den Eindruck, dass es nichts zu prüfen gibt. Wer gerade erfolgreich war, sitzt in keiner Retrospektive, in der jemand fragt, ob der Prozess auch beim nächsten Mal trägt. Die Energie geht ins nächste Quartal, den nächsten Kunden, das nächste Projekt.

Was dabei verloren geht, ist nicht das Ergebnis – das steht fest. Was verloren geht, ist das Verständnis dafür, warum es geklappt hat.

Ein gutes Ergebnis kann sehr unterschiedliche Ursachen haben: Der Prozess war wirklich gut. Die äußeren Bedingungen waren günstig – ein wachsender Markt, schwache Konkurrenz, ein Kunde, der ohnehin kaufen wollte. Oder jemand hat im richtigen Moment die Kohlen aus dem Feuer geholt. Nur der erste Grund rechtfertigt Vertrauen darin, dass es sich wiederholen lässt – auch unter Druck. Die anderen beiden sind keine verlässliche Grundlage.

Im Sport lernt man früh, zwischen zwei Arten von Signalen zu unterscheiden. Die eine sagt, was war: Ergebnis, Punktestand, Tabelle. Die andere sagt, was kommt: die Qualität der Abläufe, die Frische der Spieler, das Vertrauen in der Mannschaft, die Konsequenz in beiden Strafräumen – im Ergebnis nicht sichtbar, aber das Fundament für dauerhaften Erfolg. Beide Signale zu kennen ist keine Frage von Perfektion. Es ist die Voraussetzung dafür, Entwicklungen zu erkennen, bevor sie in Ergebnissen auftauchen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, was schiefgelaufen ist. Sie ist, was schon da war und nicht gesehen wurde – weil das Ergebnis es erlaubt hat, nicht hinzuschauen.

Ein gutes Ergebnis kann täuschen. Ein gutes Fundament nicht. 

 

 

Über den Autor: Manuel Gulde war 16 Jahre lang im Profifußball aktiv, unter anderem beim SC Freiburg, dem Karlsruher SC und der TSG Hoffenheim. In seiner Kolumne zur Fußball-WM 2026 verknüpft er Turniermomente mit Themen wie Druck, Teamdynamik und Vertrauen – und zeigt, was Unternehmen vom Profisport mitnehmen können.

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