Du kannst zwei Tore schießen und trotzdem der Mann für die Bank bleiben. Deniz Undav erlebt das gerade bei dieser WM. Gegen die Elfenbeinküste traf er nach seiner Einwechslung doppelt und schoss Deutschland zum 2:1. Gegen Curaçao hatte er ein paar Tage zuvor ein Tor und zwei Vorlagen beigesteuert, auch das von der Bank. Und trotzdem fällt sofort der Satz, der in solchen Situationen immer fällt: Muss der nicht eigentlich von Beginn an spielen?
Startelf oder Bank: Warum Rollenklarheit mehr zählt als Einsatzzeit
Julian Nagelsmann klang nach dem Spiel nicht wie jemand, der die Antwort längst hat. Er lobte Deniz in höchsten Tönen und schloss einen Start im letzten Gruppenspiel nicht aus. Gleichzeitig ließ er erkennen, dass man eine Rolle, die so gut funktioniert, nicht ohne Grund verändert. Von außen wirkt das einfach. Wer trifft, soll spielen. Wer eine Kabine von innen kennt, weiß, dass das nicht so einfach ist.
Vielleicht spielt Deniz gerade deshalb so stark, weil seine Rolle als Joker klar ist. Er weiß genau, wann er kommt und was seine Aufgabe ist, und muss sich um nichts anderes kümmern. Vielleicht ist er aber auch so gut geworden, dass diese Rolle ihn inzwischen eher bremst als beflügelt. Beides ist denkbar und genau das macht die Entscheidung schwer. Jonathan Tah hat nach dem Spiel beschrieben, wie konzentriert Deniz nur auf seine Aufgabe schaut und das Team schon in der Halbzeit pusht, viele Minuten bevor er selbst auf dem Platz steht. Diese Haltung, diese Einstellung findet ein Spieler jede Woche neu. Sie ist eine Stärke, die in der Debatte um die Startelf leicht übersehen wird.
Was Führungskräfte von Thomas Tuchel lernen können
Wie unterschiedlich man damit umgehen kann, zeigt ein Blick auf Englands Trainer Thomas Tuchel. Er hat seinen Kader bewusst nach Energie, Rollenverständnis und Hierarchie zusammengestellt und nicht nach den größten Namen. Spieler wie Phil Foden oder Cole Palmer blieben deshalb zu Hause. Für Tuchel zählt ein funktionierendes Team mehr als das einzelne Talent. Selbst einem gesetzten Spieler wie Jude Bellingham sagt er offen, dass er seinen Platz jede Woche neu verdienen muss. Eine Rolle ist für ihn keine Strafe und keine Belohnung, sondern ein essenzieller Baustein der Mannschaft.
Nagelsmann wurde gerade für das Gegenteil kritisiert. Nicht dafür, dass Deniz auf der Bank sitzt, sondern dafür, dass er dessen Joker-Rolle früh festgelegt und nur zögerlich erklärt hat, statt sie noch einmal zu überdenken, als Deniz in der Bundesliga reihenweise traf. Ob die Kritik berechtigt ist, will ich hier nicht entscheiden. Sie führt aber zu einem Gedanken, der über Deniz hinausgeht. Eine Rolle zu vergeben und den jeweiligen Persönlichkeiten zu erläutern, ist eine wichtige Führungsaufgabe. Und ob jemand eine Rolle annimmt, hängt stark davon ab, wie sie ihr oder ihm nahegebracht und erklärt wird.
Führungsentscheidung und Selbstbild: Ein schmaler Grat
Ich kenne diese Spannung aus eigener Erfahrung, nur von der anderen Seite. Im Februar 2020, kurz vor einem Heimspiel gegen Hoffenheim, hat Christian Streich mich in den Schuhraum genommen und mir erklärt, warum ich nicht spiele. Er wollte mehr spielerisches Element in der Innenverteidigung. Deshalb begann Robin Koch. Ich war enttäuscht und ehrlich gesagt auch wütend. Ich sah mich nicht schlechter als Robin. Und das wenige Minuten vor dem Anpfiff zu hören, trifft dich anders, als wenn es dir unter der Woche im Trainerbüro gesagt wird.
Nach einer guten halben Stunde prallte Robin mit dem Kopf gegen die Werbebande, eine Platzwunde, er musste raus. Ich kam rein. Die Enttäuschung war in diesem Moment nicht weg, aber sie hatte sich gedreht. Ich wollte zeigen, dass der Trainer auf mich hätte setzen sollen. Wir gewannen 1:0. Ich hielt hinten dicht und bin bis heute überzeugt, dass mir die Enttäuschung dabei geholfen hat. Etwas beweisen zu wollen, kann eine außergewöhnliche Leistung herauskitzeln. Du darfst sie nur nicht als Wut mit auf den Platz nehmen, sondern musst sie in Konzentration verwandeln.
Das ist der Teil, den eine Rollenentscheidung von außen nie zeigt. Streich hatte einen guten Grund. Trotzdem stand seine Entscheidung nicht dafür, wie ich mich selbst sah. Und genau darin liegt die Komplexität einer Rolle. Sie beschreibt nicht dein vollumfängliches Selbstbild. Das kann und soll sie am Ende auch gar nicht. Stattdessen umreißt sie sehr klar, was die Mannschaft aus Sicht des Trainers gerade braucht. Die Sichtweise des Trainers und der eigene Anspruch können gleichzeitig wahr sein. Keines macht das andere kleiner oder unbedeutender.
Nils Petersen, jahrelang mein Mitspieler in Freiburg beim SC, hat das über Jahre noch deutlicher vorgelebt. Er wusste oft, dass er nicht von Beginn an spielt und er wusste auch, dass sein Moment so gut wie sicher kommt. Ob ihm die Rolle immer gefallen hat? Vermutlich nicht. Aber er hat sie ausgefüllt, im Sinne des Teams, Saison für Saison, mit Toren, die genau dann fielen, wenn sie gebraucht wurden.
Innere Kündigung verhindern: Die zweite Reihe im Blick behalten
Ein Trainer führt nicht nur seine Startelf. Er muss auch die Spieler führen, die nicht spielen und in der zweiten Reihe stehen. Für Trainer, für Führungskräfte ist das oft der schwierigere Teil. Spieler, die hintenanstehen, sollen ehrgeizig bleiben und trotzdem nicht unzufrieden werden. Sie sollen bereit sein, auch ohne ständige Bestätigung (durch den Startelfplatz). Wenn ein Trainer das nicht im Blick hat, geht der Ehrgeiz mit der Zeit in Frust über. Meistens passiert das leise, im Training, in der Kabine, in kleinen Gesten, die kaum jemand sofort bemerkt.
Bei Deniz lässt sich gerade beobachten, wie es aussieht, wenn eine Rolle angenommen wird. Er wird von allen Seiten gelobt, seine Rolle wird öffentlich als sehr wertvoll beschrieben und vielleicht trifft er auch deshalb so – frei von allem – von der Bank. Offenbar hat dieses Team – und seine Führung – genau das im Griff. Schwieriger wird es überall dort, wo Spieler ihre Rolle nicht so annehmen wie Deniz.
In Unternehmen ist das nicht anders, nur weniger sichtbar. Es gibt Menschen, deren Rolle kleiner wirkt als ihr Anspruch. Sie leiten nicht das große Projekt, sie spielen im wichtigen Kundentermin keine bedeutende Rolle, sie stehen in der nächsten Strategierunde nicht im Mittelpunkt. Und trotzdem hängt es oft an ihnen, ob ein Team in den entscheidenden Wochen funktioniert: Die Person, die eine Präsentation für das entscheidende Meeting vorbereitet, ohne selbst dabei zu sein. Der Kollege, der das Projekt nicht führt, aber jedes Mal einspringt, wenn es brennt.
Rollenklarheit: Was Führungskräfte oft übersehen
Probleme in einem Team entstehen selten durch die Rolle selbst. Es entsteht durch das Schweigen darüber: Durch das Nicht-Erläutern, das Nicht-Erklären und das Nicht-Offen-Ansprechen. Wer eine Rolle nur absitzt, wartet darauf, dass sie vorbeigeht. Wer sie ausfüllt, macht sie größer, als sie von außen aussieht. Gelingen kann das aber meistens nur, wenn vorher erklärt wurde, warum die Rolle wichtig ist. Das ist der Schuhraum-Moment im Büro. Streich hat mir erklärt, warum ich nicht spiele, ehrlich und (gerade noch) rechtzeitig. Für mich geht Führung aber noch einen Schritt weiter. Sie erklärt nicht nur, warum jemand die größere Rolle nicht bekommt, sondern auch, warum diese Rolle für das Team wichtig ist.
Führungskräfte, die das versäumen, verlieren die Ehrgeizigen zuerst. Sie gehen selten im Streit. Sie hören innerlich auf, etwas beweisen zu wollen, und irgendwann kündigen sie. Was ein Team stark macht, sind oft genau die Menschen, die mehr wollen, als ihre Rolle gerade hergibt, sie aber trotzdem ernst nehmen. Diese Mischung aus Ehrgeiz und Bereitschaft hält aber nur, solange diese Menschen gesehen werden.
Ob Deniz am Donnerstag gegen Ecuador startet oder wieder von der Bank kommt, ist fast zweitrangig. Die eigentliche Frage stellt sich nicht auf dem Platz – sie stellt sich in jedem Team, im Sport wie in Unternehmen: Wie geht eine Führung mit Menschen um, deren Anspruch größer ist als ihre aktuelle Rolle? Menschen, die spüren, dass ihre Aufgabe zählt, leisten meistens mehr, als die Aufgabe von ihnen verlangt.
Eine Rolle ist nicht dein ganzes Selbstbild. Sie ist das, was dein Team gerade braucht.
Über den Autor: Manuel Gulde war 16 Jahre lang im Profifußball aktiv, unter anderem beim SC Freiburg, dem Karlsruher SC und der TSG Hoffenheim. In seiner Kolumne zur Fußball-WM 2026 verknüpft er Turniermomente mit Themen wie Druck, Teamdynamik und Vertrauen – und zeigt, was Unternehmen vom Profisport mitnehmen können.