Spanien ist Weltmeister. 1:0 gegen Argentinien nach Verlängerung. Ferran Torres erzielte das entscheidende Tor. Über diesen Treffer wird gesprochen werden. Über Taktik, einzelne Spieler und die Entscheidungen des Trainers. Mich hat etwas Anderes beschäftigt: Wie schafft es eine Mannschaft, über ein ganzes Turnier und schließlich auch in einem engen Finale so konstant gute Leistungen abzurufen?
Das Geheimnis von ruhigem Agieren unter Druck
Lange stand es 0:0. Der Druck wurde mit jeder Minute größer. Trotzdem hatte man nicht das Gefühl, dass Spanien plötzlich den eigenen Weg infrage stellte. Die Mannschaft wurde nicht hektisch und begann nicht, nur noch auf eine Einzelaktion von Lamine Yamal zu hoffen. Sie blieb bei ihrer Idee, Fußball zu spielen.
Ruhiges Agieren unter Druck sieht von außen häufig wie Gelassenheit aus. Aus meiner Erfahrung ist sie etwas anderes. Es entsteht nicht daraus, dass niemand nervös ist. Es entsteht daraus, dass jede und jeder die eigene Aufgabe auch dann sehr genau im Kopf abrufen kann, wenn das Spiel schwierig wird.
Kontinuität und Identität aufbauen
Mit dem Finalsieg blieb Spanien im 38. Länderspiel in Folge ungeschlagen. Dieser Rekord erzählt deshalb nicht nur etwas über außergewöhnliche Qualität. Er erzählt auch etwas über Kontinuität. Luis de la Fuente arbeitet seit vielen Jahren im spanischen Verband. Er trainierte die U19, die U21 und die Olympiamannschaft, bevor er die A-Nationalmannschaft übernahm. Einige zentrale Spieler kannte und begleitete er bereits aus dem Nachwuchs. Viele kannten seine Erwartungen und seine Grundidee lange vor dieser Weltmeisterschaft.
Als ich das Finale gesehen habe, musste ich an meine neun Jahre beim SC Freiburg denken. Nicht, weil der SC und Spanien den gleichen Fußball spielen. Und auch nicht, weil man einen Bundesligaverein direkt mit einer Nationalmannschaft vergleichen kann. Aber ich erkenne ein ähnliches Prinzip: Eine klare Identität, die über einen langen Zeitraum aufgebaut und von vielen Menschen über viele Jahre weitergetragen wird.
Wir waren in Freiburg selten die Mannschaft mit den größeren Namen. Wir waren auch nicht in jedem Spiel die fußballerisch bessere Mannschaft. Aber jeder wusste sehr genau, was unsere Spielidee war, was in welchen Situationen zu tun war und wie wir unter Druck zu agieren hatten. Diese Grundlagen waren über viele Jahre verinnerlicht.
Rollen und Erwartungen müssen klar sein
Wir mussten verteidigen, arbeiten und füreinander laufen. Auch unsere Stürmer mussten mit verteidigen. Jeder musste bereit sein, Wege zu machen, die erstens für den einen oder anderen sehr unangenehm waren, und zweitens nach außen weder auffällig noch Applaus stiftend waren, der Mannschaft aber halfen. Erst wenn diese Basis stimmte, konnte sich unser Fußball entwickeln.
Diese Haltung wie auch dieses Verständnis für unsere Rollen und die Erwartungen des Vereins zeigte sich nicht nur samstags im Stadion. Sie zeigte sich auch in Situationen, die Fans oder Beobachter nicht gesehen haben. Zum Beispiel haben wir unsere Fußballschuhe selbst geputzt oder nach Auswärtsspielen haben junge und erfahrene Spieler gemeinsam den Bus ausgeräumt – auch mitten in der Nacht nach einer Niederlage. Und klar war: Nach dem Training wurde gemeinsam der Platz aufgeräumt. Christian Streich achtete darauf, dass auch ein gestandener Profi das Hütchen aufhob, an dem er vorbeilief. Dazu gehörte der respektvolle Umgang mit allen Menschen im Verein: mit den Mitarbeitenden in der Küche, den Reinigungskräften, den Zeugwarten oder dem Personal im Trainingslager. Ein ehrliches Dankeschön war keine Nebensache.
Kultur als entscheidender Hebel
Das klingt nach Kleinigkeiten. Aber genau darin wurde sichtbar, was der SC unter Bodenständigkeit verstand: Niemand sollte sich für die grundlegende Arbeit zu wichtig sein. Nicht alles daran war angenehm. Auch als erfahrener Spieler hatte man nicht jeden Tag Lust, nach dem Training noch aufzuräumen. Aber Kultur besteht nicht nur aus dem Verhalten, das einem Freude bereitet. Sie zeigt sich besonders dann, wenn ein gemeinsamer Standard in guten wie schlechten Zeiten aufrechterhalten werden kann.
Christian Streich war über viele Jahre derjenige, der diese Haltung eingefordert und vorgelebt hat. Gleichzeitig gab es Spieler, die sie weitertrugen: Christian Günter und Nicolas Höfler aus der eigenen Jugend, dazu langjährige Spieler wie Vincenzo Grifo, Nils Petersen, Lukas Kübler oder Lucas Höler.
Ich selbst kam nicht aus der Freiburger Jugend. Meine eigentliche Geschichte mit dem Verein begann erst als Profi. Da ich natürlich nicht der einzige Spieler war, der nicht aus der Freiburger Jugend kam, zeigt dies, dass die SC-Kultur auch eine integrative Kraft hatte. Das heißt, eine starke Kultur darf nicht nur für die Menschen funktionieren, die von Anfang an dabei waren. Sie muss neue Spieler aufnehmen können, ohne ihre Identität zu verlieren.
Ein Neuzugang musste in Freiburg nicht genauso sein wie alle anderen. Unterschiedliche Charaktere und Fähigkeiten waren wichtig. Aber er musste schnell verstehen, was hier zählt, welche Dinge verhandelbar waren – und welche nicht. Dafür brauchte es oft keine lange Erklärung. Ein neuer Spieler beobachtete, wie die erfahrenen Spieler trainierten, wie sie nach einer Niederlage reagierten und wie sie mit den Menschen im Verein umgingen.
Kultur zeigt sich in Verhalten und Erleben
Genau darin liegt für mich die Verbindung zu Spanien. De la Fuente konnte auf gemeinsamen Erfahrungen aufbauen. Erfahrene Spieler kannten die Idee und trugen sie weiter. Jüngere Spieler wuchsen hinein. Neue Spieler kamen in eine Mannschaft, die bereits wusste, wer sie sein wollte.
Natürlich reicht Kontinuität allein nicht. Menschen werden nicht automatisch besser, nur weil sie lange zusammenarbeiten. Auch eine schlechte Kultur kann sehr beständig sein. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie lange arbeitet eine Gruppe zusammen? Sondern: Was entsteht in dieser Zeit? Werden Standards stetig eingefordert? Entwickeln sich die Menschen weiter? Finden neue Mitglieder ihren Platz? Können neue Impulse aufgenommen werden, ohne dass die gemeinsame Identität verloren geht?
Diese Fragen stellen sich auch Unternehmen. Viele Organisationen formulieren Werte, schreiben Leitbilder und veranstalten Leadership Workshops. Das kann sinnvoll sein. Aber eine Kultur entsteht nicht dadurch, dass Werte einmal ausgesprochen werden. Sie entsteht in den täglichen Entscheidungen: Wie geht man mit Menschen um, die Fehler machen? Wen stellt ein Unternehmen ein? Wem wird warum Verantwortung übertragen? Welches Verhalten wird belohnt? Wie geht man mit Menschen um, deren Arbeit weniger sichtbar ist? Und gelten die Werte auch dann noch, wenn der Druck steigt oder ein Ergebnis ausbleibt?
Kultur zeigt sich nicht daran, was eine Organisation über sich selbst sagt. Sie zeigt sich daran, was ihre Menschen jeden Tag erleben. Dazu braucht es Mitarbeitende, die eine Idee konsequent vertreten. Im Fußball kann das ein Trainer sein. In einem Unternehmen können es Gründer, Führungskräfte oder langjährige Mitarbeiter sein. Wenn eine Kultur nur an einer Person hängt, ist sie nicht wirklich verankert. Sie ist abhängig.
Christian Streich hat vor zwei Jahren beim SC Freiburg die Verantwortung an Julian Schuster übergeben. Auch Luis de la Fuente wird Spanien nicht für immer trainieren. Das heißt, die eigentliche Prüfung beginnt dann, wenn Verantwortung übergeben wird: Haben genug Menschen die Idee verinnerlicht, um sie selbst weiterzutragen? Eine starke Kultur erkennt man daran, dass sie auch dann weiterlebt, wenn derjenige, der sie geprägt hat, nicht mehr im Raum ist.
Entwicklung und gemeinsames Fundament für den Erfolg
Nach einem WM-Finale schauen wir auf den Torschützen, den Pokal und die Bilder der Feier. Diese Momente bleiben in Erinnerung. Aber natürlich erklären sie nicht, warum eine Mannschaft überhaupt in die Lage kommt, ein solches Finale zu gewinnen. Dafür muss man weiter zurückblicken: auf die gemeinsame Entwicklung, auf die Menschen, die eine Idee über Jahre gelebt haben, und auf die vielen unspektakulären Tage, an denen gemeinsame Standards eingehalten wurden, obwohl kein Titel auf dem Spiel stand.
Ich habe an dieser Stelle einmal geschrieben, dass ein gutes Ergebnis täuschen kann, ein gutes Fundament aber nicht. Spanien ist die andere Seite dieses Satzes. Der Titel war ein Ergebnis, das nicht getäuscht hat, weil das Fundament wirklich da war. Reden wird man über die sechs Wochen, über den Treffer in der Verlängerung, über den Trainer, dem anfangs wenig zugetraut wurde. Entstanden ist der Titel aber lange vorher. Zum Weltmeister werden Teams nicht in sechs Wochen. Ein Titel schafft keine Kultur. Er zeigt aber, ob zuvor eine Idee über viele Jahre gewachsen war.
Über den Autor: Manuel Gulde war 16 Jahre lang im Profifußball aktiv, unter anderem beim SC Freiburg, dem Karlsruher SC und der TSG Hoffenheim. In seiner Kolumne zur Fußball-WM 2026 verknüpft er Turniermomente mit Themen wie Druck, Teamdynamik und Vertrauen – und zeigt, was Unternehmen vom Profisport mitnehmen können.