Eine agile Organisation wird von Netzwerkstrukturen dominiert. Hierarchische Strukturen werden dagegen abgebaut. Bild: Haufe Online Redaktion

Agilität - ursprünglich ein Begriff aus der Softwareentwicklung - ist inzwischen auch außerhalb der IT ein Thema: Agiles Management - nicht nur als Projektmanagement-Methode, sondern auch als Führungsprinzip und Organisationsstruktur. Doch oft ist nicht klar, was sich hinter "Agilität" wirklich verbirgt.

Agiles Management ist zweifellos ein Trendthema. Das Konzept der Agilität hat aber schon eine lange Tradition. Die Unternehmensberatung Kienbaum hat ihre Change-Management-Studie 2014/2015 unter dem Titel „Agility – überlebensnotwendig für Unternehmen in unsicheren und dynamischen Zeiten“ veröffentlicht. Jens Bergstein, Autor der Studie und Berater bei Kienbaum, erklärt in der zugehörigen Pressemitteilung Agilität als „die Fähigkeit einer Organisation, rasch auf Veränderungen zu reagieren“. Ähnliche Definitionen beschreiben Agilität als die höchste Form der Anpassungsfähigkeit.  Insgesamt bleibt die Definition des Begriffs "Agilität" oft schwammig. In den vergangenen zwei Jahren haben sich Forschung und Praxis jedoch intensiv mit dem Konzept der Agilität auseinandergesetzt, so dass die Kernelemente und Grundprinzipien der Agilität sich inzwischen klarer umreißen lassen.

Agilität: Definition und Kernelemente

Die auf Agilität spezialisierte Unternehmensberatung HR Pioneers beispielsweise hat ein Modell entwickelt, demnach Agilität im wesentlichen aus sechs Dimensionen besteht. Diese sind:

  • Das agile Zielbild
  • Kundenorientierte Organisationsstruktur
  • Iterative Prozesslandschaften
  • Mitarbeiterzentriertes Führungsverständnis
  • Agile Personal- und Führungsinstrumente
  • Die agile Unternehmenskultur

Eine qualitative Studie der Hochschule Pforzheim hat Ende 2016 untersucht, was in der Praxis  unter Agilität verstanden wird und dabei vier Kernelemente herausgearbeitet:

  • Geschwindigkeit
  • Anpassungsfähigkeit
  • Kundenzentriertheit
  • agiles Mindset

Was eine agile Organisation ausmacht

Kriterien, die (eher) ein agiles Unternehmen und agiles Management laut der Kienbaum-Befragung ausmachen, sind unter anderem moderne Formen der internen Kommunikation – die Verwendung eigener Social Media innerhalb der Firma, die starre Informations- und Abstimmungsstrukturen aufbrechen sollen. (Lesen Sie hier: In fünf Schritten zum Enterprise 2.0). Eine weitere Kompetenz agiler Unternehmen sei außerdem, dass das Top-Management wichtige Entscheidungen zügig treffe. Zudem zählt Kienbaum die Förderung durchlässiger Hierarchien zu den agilen Kriterien sowie „atmende“ Systeme und Verfahren, die schnell und flexibel Veränderungen im Markt aufnehmen und darauf adäquat reagieren können. Change-Guru John Kotter meint: Unternehmen sollten über die klassische Organisation ein "zweites Betriebssystem" legen, um agil zu werden.

Agile Führung: Vertrauenskultur und Eigenverantwortung der Mitarbeiter

Wer agiles Management als Führungsprinzip etablieren möchte, darf das Thema Unternehmenskultur nicht unterschätzen. Das agile Management braucht eine Vertrauenskultur, "die die Agilität von Unternehmen nach Ansicht der Teilnehmer fördert: Eine solche Vertrauenskultur ermutigt Mitarbeiter, aktiv und schnell individuelle Lösungen an der direkten Kontaktstelle zum Kunden zu entwickeln, anstatt auf zentrale Vorgaben zu warten oder durch zu viele und zu starre bürokratische Planungs-, Kontroll- und Reporting-Aktivitäten gelähmt zu werden“, so Achim Mollbach von Kienbaum – ebenfalls Autor der Kienbaum-Studie. Im Kern geht es also um die Selbstverantwortung der Mitarbeiter (lesen Sie hierzu auch die Beiträge Mitarbeiter mit der Lizenz zum Steuern und Delegieren lernen in selbstorganisierten Teams).

Was agile Führung (engl. "agile leadership") kennzeichnet und welche Kompetenzen und Skills eine Führungskraft in einer agilen Organisation braucht, lesen Sie im Beitrag "Agile Leadership: Was agile Führung ausmacht".

Agiles Arbeiten: Kurze Planungszyklen, iteratives Vorgehen, laterale Führung

Im Artikel „Agil anpassen!“ in Ausgabe 11/2014 des Personalmagazins nennen die Autoren der auf agiles Management spezialisierten HR-Beratung „HR Pioneers“ wichtige Kriterien für agiles Arbeiten in der agilen Organisation: „Das Konzept der Agilität umfasst kurze, überschaubare Planungs- und Umsetzungszyklen mit konkreten Ergebnissen („prototyping“), sodass sofortiges Anpassen auf veränderte Rahmenbedingungen möglich wird („inspect and adapt“). Fehler werden frühzeitig sichtbar und können bereits im Frühstadium korrigiert werden, Prioritäten werden regelmäßig hinterfragt und neu ausgerichtet. Agilität steht für iteratives Vorgehen, laterales Führen, interdisziplinäre und cross-funktionale Teamarbeit sowie organisierte Selbstverantwortung.“

Einen Überblick über agile Methoden der Arbeitsgestaltung finden Sie hier.

Eine Sammlung an Ideen und Tools, wie Unternehmen ihren Mitarbeitern das Konzept der Agilität spielerisch nahebringen können, haben wir in der Serie "Agiles Arbeiten" veröffentlicht, darunter wie agile Prozesse funktionieren und wie eine agile Feedback-Kultur im Team etabliert werden kann.

Agiles Management nimmt Kunden und Mitarbeiter in den Fokus

Für die Entscheidungsfindung in Organisationen bedeutet agiles Management, dass Entscheidungen dort getroffen werden, „wo das Wissen und nicht die disziplinarische Macht sitzt.“ Das heißt laut den Beratern von HR Pionieers auch: Kunden werden von Beginn an in die Produktentwicklung eingebunden, sodass kontinuierliches Feedback und sofortiger Lerntransfer prozessimmanent sind (siehe auch: Agile Produktentwicklung: Drei Methoden zur Identifizierung von Kundenwünschen). Prozesse werden aus Kundensicht gedacht. „Agile Organisationen haben zudem verstanden, dass radikale Kundenorientierung einhergeht mit radikaler Mitarbeiterorientierung“, fügen die Autoren hinzu und fassen zusammen: „Bei Agilität geht es um Menschen und die Art und Weise ihrer Zusammenarbeit.“

Für die Organisationsentwicklung bedeute dies, dass sich hierarchisch geprägte Organisationen in Richtung Netzwerkstrukturen entwickeln – auf den Grundlagen Vertrauen, Transparenz, offene Fehlerkultur sowie disziplinierte und leidenschaftliche Selbstverantwortung. (Mehr Informationen zum Thema "Agilität und agiles Arbeiten in Unternehmen" finden Sie auf dieser Themenseite.)

Mehr als ein Trend – ernsthafte Debatte zur Agilität nötig

Mit diesen Kriterien und Definitionen wird klar: Agiles Management ist mehr als Flexibilität. Wer auf eine agile Organisation setzt, muss sich Gedanken machen zu Führungs- und Kommunikationskonzepten. Wer agiles Arbeiten will, muss die Grundlagen der bisherigen Zusammenarbeit infrage stellen. Darum sollte Agilität auch nicht nur als Trend betrachtet werden, der schnell im Unternehmen umgesetzt wird. Vielmehr ist eine ernsthafte Betrachtung vonnöten, die langfristige Konsequenzen mit sich bringt. (Lesen Sie hierzu auch: Agilität - Mythos oder Realität?).

Gerade HR ist dabei gefordert: „HR muss jetzt den Mut aufbringen, bestehende Best Practices im HR-Bereich komplett infrage zu stellen und diese für ihr Unternehmen neu zu denken“, so die HR-Pioneers-Berater.

 

Weitere Informationen zum Thema "agiles Management" finden Sie hier:

Titelthema Personalmagazin: Welchen Beitrag HR zum agilen Management leisten kann

Das agile Manifest für die Softwareeentwicklung

12 Prinzipien agiler Softwareentwicklung

Schlagworte zum Thema:  Agilität, Organisationsentwicklung, Unternehmenskultur

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