So genannte "Sprints" sind zentraler Bestandteil der agilen Methode "Scrum". Bild: Wiro/Jens Scholz

Kennen Sie den Unterschied zwischen agilen Prinzipien und agilen Methoden? Hier erfahren Sie, welche agilen Methoden und Techniken es gibt, was unter "agiles Vorgehen" zu verstehen ist, und wie Scrum & Co. auf das HR-Management übertragen werden können.

Kent Beck und andere erfahrene Softwareentwickler veröffentlichten 2001 das sogenannte Agile Manifest (hier lesen Sie mehr zur Herkunft des Konzepts Agilität). Dort formulierten sie – basierend auf ihrer umfangreichen Erfahrung in der Abwicklung von Softwareprojekten – eine Reihe von Ideen, Prinzipien und Werten, die zu einem besseren Vorgehen bei der Softwareentwicklung führen sollten. Sie bekannten sich darin z. B. zu einer neuen Priorisierung von Werten und schufen so das Fundament für das agile Projektmanagement:

  • So sollte bei der Softwareentwicklung der Fokus künftig mehr auf den Individuen und deren Interaktionen als auf den Prozessen und Werkzeugen liegen.
  • Funktionierende Software sollte wichtiger sein als umfassende Dokumentation.
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden sollte eine größere Rolle spielen als Vertragsverhandlung.
  • Das Reagieren auf Veränderung sollte wichtiger sein als das Befolgen eines Plans.

Was sind agile Methoden?

Nach und nach haben sich verschiedene Techniken herauskristallisiert, um die recht abstrakten Werte und Prinzipien des Manifests in die Praxis umzusetzen. Dazu zählen beispielsweise „Task Boards“, „Daily-Standup-Meetings“ und „User Stories“, um nur einige zu nennen. Daraus wiederum haben sich die sogenannten agilen Methoden entwickelt. Schon seit vielen Jahren halten diese Methoden fortschreitend Einzug in die Softwareentwicklung, insbesondere unter den Begriffen „Unified Process“, „Extreme Programming“ und „Scrum“.

Mittlerweile werden die agilen Konzepte auch auf Projekte außerhalb der Softwareentwicklung übertragen – was in den meisten Fällen machbar, wenn auch nicht immer ganz leicht ist.

Warum agile Methoden einsetzen?

Agiles Projektmanagement ist eine Antwort auf die zunehmende Geschwindigkeit, mit der Projekte abgewickelt werden müssen, und auf die Erkenntnis, dass in vielen Projekten Abweichungen vom Plan eher die Regel als die Ausnahme sind. Letzteres gilt insbesondere dort, wo die Anforderungen an das Produkt (das Projektergebnis) zu Beginn des Projektes nicht vollends klar sind. Bei herkömmlichem Projektmanagement führt eine Veränderung der Anforderung fast zwangsläufig zu höheren Kosten oder längerer Projektlaufzeit. Beim agilen Projektmanagement werden solche Änderungen von vornherein angenommen. Dies hilft dabei, die Kosten einzudämmen und den Zeitplan einzuhalten.

Agile Methoden vs. agile Techniken

Zu verstehen, was hinter dem agilen Projektmanagement steht, fällt leichter, wenn man zwischen agilen Werten, Prinzipien, Techniken und agilen Methoden unterscheidet.

  • Agile Werte bilden das Fundament
  • Agile Prinzipien basieren auf den agilen Werten und bilden Handlungsgrundsätze
  • Agile Techniken sind konkrete Verfahren zur Umsetzung der agilen Prinzipien
  • Agile Methoden geben den agilen Techniken eine Gesamtstruktur hin zum Projektmanagement

Agile  Methoden sind also Vorstrukturierungen auf der Ebene von Prozessmodellen. Hier werden Prinzipien und Techniken zu einem schlüssigen Prozess kombiniert. Im Allgemeinen müssen diese Methoden für jedes Projekt und Projektumfeld mehr oder weniger angepasst werden.

Klassische vs. Agile Methoden des Projektmanagements: Unterschiede im Überblick

KlassischAgil

Anforderungen zu Beginn bekannt

Anforderungen zu Beginn unscharf

Änderungen von Anforderungen während Projektverlauf schwierig

Änderungen an Anforderungen während Projektverlauf eingeplant

Hohe Kosten für späte Anforderungsänderungen

Mäßige Kosten für späte Anforderungsänderungen

Anforderungsbeschreibung aus technischer Sicht (Features)

Anforderungsbeschreibung aus Kundensicht (Anwendungsfälle)

Sequenzieller Entwicklungsprozess

Iterativer Entwicklungsprozess

Starrer Projektmanagementprozess

Fortlaufende Prozessverbesserungen

Kunde sieht nur Endergebnis

Kunde bewertet Zwischenergebnisse

Wenn es eng wird, eher Meilensteine schieben

Wenn es eng wird, eher Aufwand verringern

Große Teams möglich

Relativ kleine Teams nötig

Klare Hierarchie

Selbstorganisierte Teams

Viele Spezialisten im Team

Viel gemeinsame Verantwortung

Team sitzt verteilt und ist in mehreren Projekten tätig

Team sitzt zusammen und hat Fokus auf ein Projekt

Aufgaben von oben zuteilen

Aufgaben selbstständig übernehmen

Viel Kommunikation über Dokumente und lange Meetings

Viel informelle Kommunikation und Standup-Meetings

Aufwandsschätzung durch Projektleiter oder Experten

Aufwandsschätzung gemeinsam im Team

Agile Techniken im Überblick

Die agilen Werte und Prinzipien (siehe oben) geben den Rahmen für ein agiles Projekt vor. Sie helfen aber noch nicht dabei, ein ganz konkretes Projektmanagement aufzusetzen. Dazu sind die agilen Techniken da. Mehr Flexibilität, mehr Eigenverantwortung, eine höhere Motivation im Team – wer wünscht sich dies nicht? Agile Techniken helfen dabei, all dies Realität werden zu lassen. Die folgende Liste zeigt im Überblick, welche Techniken sich bei der Projektsteuerung bewährt haben. Dabei sind die Techniken zuerst genannt, die in der Praxis am weitesten verbreitet sind und die sich erfahrungsgemäß leichter in existierende Projekte übernehmen lassen.

  • Task Board: Übersicht über aktuelle Aufgaben
  • Use Cases: Anwendungsfälle, Anforderungen aus Kundensicht beschreiben
  • Daily-Standup-Meetings: Effiziente Statusmeetings, tägliche Besprechungen im Stehen
  • Work-in-Progress-Limits (WIP-Limits): Begrenzung von parallelen Aufgaben zur Wahrung der Produktivität
  • Burn-Down-Charts: Visualisierung des Arbeitsstands
  • Timeboxing: (Wirklich) feste Zeitvorgaben
  • Planning Poker: Dynamisches Verfahren zur Schätzung von Aufwänden
  • Geschäftswert: Möglichst frühzeitige Erzeugung von Kundennutzen
  • Definition of Done: Klare Festlegung, wann eine Aufgabe als fertiggestellt gilt
  • Osmotische Kommunikation: Gleichen Informationsstand herstellen
  • Earned Value: Fortschritts- und Budgetkontrolle
  • Story Points: Einheit für Aufwandsschätzungen
  • Epic: Zusammenfassen von verwandten Anwendungsfällen
  • Persona: Perspektive des Kunden einnehmen

Agile Methoden in der Softwareentwicklung: Scrum & Co.

Im Aufbau des agilen Projektmanagements bilden die agilen Methoden die oberste Ebene. Das Ziel einer solchen Methode ist es, Projekte in einer bestimmten Art und Weise zu managen und sich dabei auf die agilen Techniken, Prinzipien und Werte zu stützen. Der Einsatz einer agilen Methode bewirkt, dass Ihr Projektmanagement eine tragfähige agile Grundstruktur bekommt. Sie können die Methode natürlich auf Ihre konkreten Projektbedürfnisse anpassen. Dazu müssen Sie sie allerdings genau verstanden haben, damit die Anpassungen schlüssig sind, also der Zweck der Methode zum Tragen kommt.

Im Bereich des agilen Projektmanagements wurde eine Vielzahl von Methoden entwickelt, die allerdings fast ausnahmslos auf die Softwareentwicklung zugeschnitten sind. Die folgende Liste nennt einige wichtige. Je weiter oben eine Methode in der Tabelle steht, desto verbreiteter und bekannter ist sie in der Praxis der Softwareentwicklung:

  • Scrum
  • Unified Process
  • Extreme Programming
  • FDD
  • RAD
  • Agile Enterprise
  • AMDD
  • DSDM
  • EVO

Da, wie bereits erwähnt, alle oben gelisteten Methoden direkt auf die Softwareentwicklung zugeschnitten sind, ist ihre Übertragung auf andere Bereiche nur schwer vorstellbar. Die Ausnahme dabei bildet Scrum. Daher wird diese Methode hier genauer vorgestellt.

Scrum außerhalb der Softwareentwicklung

Scrum nimmt eine besondere Stellung innerhalb der agilen Methoden ein. Es stammt aus der Softwareentwicklung, in der es sehr häufig angewendet wird, ist aber so allgemein beschrieben, dass es theoretisch auch in anderen Bereichen eingesetzt werden kann.

Scrum ist kein Modell, das das agile Vorgehen konkret beschreibt, sondern nur ein Rahmenwerk für agiles Prozessmanagement. Damit ist im Wesentlichen gemeint, dass es keine konkreten Techniken, wie z. B. Planning Poker oder Task Boards, vorgibt, sondern nur Rahmenbedingungen, wie z. B. Projektrollen und einen Prozessablauf. Diese Trennung zwischen der Basis von Scrum und den Techniken wurde gewählt, um den Anwendern große Freiheiten bei der individuellen Umsetzung der Methode einzuräumen.

Scrum als Rahmenwerk für agile Prozesse

Scrum legt als Rahmenwerk nur wenig fest, so z. B. dass es innerhalb eines Scrum Teams genau drei verschiedene Rollen gibt, deren Verantwortlichkeiten es beschreibt. Es definiert zudem fünf Ereignisse und drei sogenannte Artefakte. Mit welchen agilen Techniken all dies dann umgesetzt wird, lässt es dagegen offen. Scrum ist ein Rahmenwerk für agile Prozesse. Es gibt Strukturen vor, die den erfolgreichen Einsatz des agilen Projektmanagements fördern. Es beschreibt aber nicht die agilen Techniken, die dann in einem konkreten Projekt eingesetzt werden.

In der Praxis entsteht durch Scrum typischerweise der folgende Projektverlauf

  1. Alle Anforderungen aus Kundensicht sammeln
  2. Iterationsplanung für Projekt mit Kunde vereinbaren
  3. Teilmenge der Anforderungen für Iteration festlegen
  4. Teilprodukt in Iteration entwickeln
  5. Feedback des Kunden zu Teilprodukt einholen
  6. Planung gemäß Feedback anpassen

Die Schritte 3 bis 6 werden bis zum Projektende wiederholt.

Begriffe aus der Scrum-Welt

Die Scrum-Methode nutzt sowohl Spezialbegriffe als auch einige Begriffe die auch außerhalb von Scrum in der agilen Welt verwendet werden. Ein kurzer Überblick: 

  • Sprint: entspricht einer Iteration
  • Scrum Master: ist verantwortlich für das Einhalten des Scrum Prozesses
  • Product Owner: ist als Fachexperte verantwortlich für die Anforderungen
  • Daily Scrum: ist ein Daily-Standup-Meeting
  • Retrospective: ein Meeting zur Rückschau auf den Prozess zwecks kontinuierlicher Verbesserung
  • Review: ein Meeting, um Feedback zum aktuellen Inkrement zu erhalten
  • Definition of Done: vom ganzen Team akzeptierte Kriterien, wann genau eine Aufgabe als erledigt gilt
  • Product Backlog: die für das Produkt insgesamt umzusetzenden Aufgaben bzw. Anforderungen
  • Sprint Backlog: die für die nächste Iteration (Sprint) umzusetzenden Aufgaben bzw. Anforderungen

Klassische und agile Methoden mixen

Lassen sich agile Methoden mit klassischen Methoden des Projektmanagements mischen, um ein Projekt agiler zu machen?

Außerhalb der Softwareentwicklung gibt es kaum ein Projekt, in dem agiles Projektmanagement in seiner reinen Form, wie es beispielsweise bei Scrum versucht wird, sinnvoll eingesetzt werden kann. Dennoch kann Scrum ein guter Ausgangspunkt für Ihre eigene agile Methode sein. Wenn Sie denken, dass der Scrum-Prozess grundsätzlich zu Ihrem Projekt passen würde, können Sie ihn mit den konkreten agilen Techniken aus dem Kapitel zuvor für Ihr Projekt ausgestalten.

Vielleicht erscheint Ihnen das Umstellen des gesamten Prozesses aber auch zu riskant oder komplex. Dann behalten Sie einfach die aktuelle Methode des Projektmanagements bei und ergänzen Sie sie durch agile Techniken. Welche agilen Techniken dazu geeignet sind, können nur Sie selbst entscheiden.

Agile Methoden auf eigene Projekte übertragen

Eine Vorgehensweise, die viele Teilnehmer meiner Seminare wählen, ist die, spezielle Projekt agiler zu machen. Dazu wählen sie bestimmte agile Prinzipien oder Techniken aus, die sie in ihrem Projekt zukünftig hinzunehmen. Typische Beispiele sind hier „Task Board“, „Retrospektiven“ oder „Daily-Standup-Meetings“. Wenn sie vom Team akzeptiert werden, können dadurch klassische Vorgehensweisen reduziert werden. So kann z. B. ein Daily-Standup-Meeting einige andere, klassische Meetings überflüssig machen. Das agile Projektmanagement kann wie ein Baukasten benutzt werden, aus dem Sie sich die Techniken aussuchen, die zu Ihrem Projekt passen. So können Sie Ihr Projekt Schritt für Schritt agiler machen. So praktisch ein Mix von agilen und klassischen Ansätzen sein kann, so wichtig ist es, sich dabei immer in Erinnerung zu rufen: Seine volle Wirkung entfaltet das agile Projektmanagement erst in seiner relativ reinen Form.

Buch-Tipp: "Agiles Projektmanagement"

Mehr Details zu den hier beschriebenen agilen Methoden und Techniken lesen Sie im Haufe-Taschenguide "Agiles Projektmanagement" von Jörg Preußig, aus dem der obige Text entnommen ist. Hier können Sie den Taschenguide "Agiles Projektmanagement" im Haufe-Shop bestellen.

Agile Methoden in HR

Das Thema Agilität und agile Methoden berührt HR auf vielfältige Art und Weise. Zum einen kommt dem HR-Management eine tragende Rolle dabei zu das gesamte Unternehmen hin zu einer agilen Organisation zu entwickeln und Mitarbeiter und Führungskräfte für die Arbeit mit agilen Methoden zu befähigen. Zum anderen kann HR agile Methoden in eigenen Projekten einsetzen sowie agile Methoden auf klassische Personalinstrumente übertragen. Lesen Sie hier mehr zu agilen Methoden in HR:

Alle aktuellen News und Informationen rund um "agil" finden Sie auf der Themenseite "Agilität in Unternehmen".

 

Schlagworte zum Thema:  Agilität, Projektmanagement

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