Pestel-Studie

Mehr Wohnungsbau für die Volkswirtschaft notwendig


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Mehr Wohnungsbau für die Volkswirtschaft notwendig

Nach Schätzung des Pestel-Instituts fehlen allein in Westdeutschland 1,2 Millionen Wohnungen. Der Mangel hemmt mittlerweile das Wirtschaftswachstum. Experten sind skeptisch, ob der Bauturbo es richten kann.

"Die Erstarrung der Wohnungsmärkte führt natürlich auch zur Erstarrung der Arbeitsmärkte, weil die Leute nicht mehr umziehen können, um Arbeitsplätze in anderen Regionen anzunehmen", sagte Pestel-Chefökonom Matthias Günther zum Auftakt der Expo Real am 6. Oktober in München. "Die Lösung der Wohnungsfrage ist Voraussetzung der wirtschaftlichen Entwicklung." Ohne einen grundlegenden politischen Kurswechsel hin zu einer umfassenden staatlichen Förderung des Wohnungsbaus erwarten die Forscher kein Ende der Misere.

Allein in Westdeutschland fehlen laut einer Studie des Pestel-Instituts im Auftrag die Münchner Messegesellschaft mittlerweile 1,2 Millionen Wohnungen. Der Mangel zieht demnach die gesamte wirtschaftliche Entwicklung in Mitleidenschaft. Eine Studie der Forschungsinstitute ARGE und Regiokontext kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Der Wohnungsmangel werde zu einem sozialen, aber auch wirtschaftlichen Risikofaktor.

Bauministerin Verena Hubertz (SPD) hingegen verbreitete bei der Eröffnung der Immobilienmesse Zuversicht.

Pestel-Chefökonom: Mieterschutz lockern

Die Zahl von 1,2 Millionen fehlenden Wohnungen allein in den alten Ländern ist erheblich höher als bisherige Schätzungen. Das Institut hat dabei alle Wohnungen herausgerechnet, die länger als ein Jahr leer stehen. "Was zwölf Monate und länger leer steht, wird offensichtlich dem Markt gar nicht mehr angeboten", sagte Günther.

Die Leerstandsquote – also der Anteil der nicht bewohnten oder vermieteten Wohnungen – beläuft sich laut Studie in vielen deutschen Landkreisen auf mehr als fünf Prozent. Eine der Ursachen: "Viele ältere Menschen haben Angst vor dem Mieter." Günther hält deswegen eine Lockerung des Mieterschutzes für sinnvoll, damit Eigentümer Mietnomaden oder andere "auffällige Mieter" leichter vor die Tür setzen können. Abgesehen davon lebten viele Alleinstehende in Wohnungen, die für einen Menschen eigentlich zu groß sind: "Zwei Millionen Single-Haushalte haben mehr als hundert Quadratmeter Wohnfläche", so der Ökonom. 

Hubertz: Turbo und Milliarden für den Wohnungsbau

Der vom Bund geplante Bauturbo solle am 9.10.2025 im Bundesrat beschlossen werden. "Dann kann es auch losgehen", sagte Bundesbauministerin Hubertz. Das Gesetz soll die umfangreiche Bürokratie bei der Bauplanung stark reduzieren. Jahrelange Genehmigungsverfahren sollen so auf wenige Monate verkürzt werden können. "Wir drehen den Spieß um, wir geben den Kommunen die Brechstange an die Hand", so die SPD-Politikerin. 

Abgesehen davon verwies sie auf die geplante große Erhöhung der Fördermittel: "23,5 Milliarden für den sozialen Wohnungsbau, elf Milliarden im Sondervermögen. Das ist eine Planbarkeit, die hatte die Baubranche noch nie." Als dritte kurzfristige Maßnahme nannte die Ministerin die Vereinfachung des Baugesetzbuchs, ein erster Referentenentwurf soll Anfang 2026 vorliegen. 

Bauturbo: Die Baubranche ist skeptisch

Was den Bauturbo betrifft, sind neben dem Pestel-Institut auch Baufirmen und -funktionäre skeptisch, dass dieser zum Befreiungsschlag wird. "Da habe ich so meine Zweifel", sagte zum Beispiel Peter Hübner, Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. In den kommunalen Baubehörden sei die Angst groß, einen Fehler zu machen – "und dann womöglich für diesen Fehler an die Wand gestellt zu werden", kommentierte Eva Weiß, Chefin des zum Vonovia-Konzern gehörenden Bauunternehmens Buwog. 

Die Bauindustrie plädiert ebenso wie das Pestel-Institut für umfassende staatliche Förderung des Wohnungsbaus, unabhängig davon, ob es sich um Sozialwohnungen oder den gewöhnlichen Wohnungsbau handelt. Hübner forderte Steuererleichterungen. 

Steuererleichterung vielleicht 2026?

Bayerns Bauminister Christian Bernreiter (CSU), derzeit Vorsitzender der Bauministerkonferenz, deutete an, dass möglicherweise im nächsten Jahr Steuererleichterungen kommen könnten: "Das haben wir in der Koalitionsvereinbarung stehen – und ich hoffe, dass das im Jahressteuergesetz 2026 dann enthalten ist."

Pestel-Chefökonom Günther hält vergünstigte Kredite für sinnvoll – ohne diese an Umwelt- oder sonstige Standards zu knüpfen, wie es bisher üblich gewesen sei. Der leichte Anstieg der Baugenehmigungszahlen in diesem Jahr jedenfalls bedeute noch nicht, dass die Baukrise überwunden wäre: "In einer Baugenehmigung hat noch nie jemand gewohnt."

Expo Real Wohnstudie 2025 "Wohnen im Lebenszyklus" (Download)


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dpa

2 Kommentare
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Bernd Michalski

Fri Oct 10 17:06:37 CEST 2025 Fri Oct 10 17:06:37 CEST 2025

Teil 2

Was ist zu tun?

Buckminster Fuller hatte das treffend so formuliert:
„Du änderst die Dinge nie, indem du gegen die bestehende Realität ankämpfst.
Um etwas zu ändern, baue ein neues Modell, das das bestehende Modell obsolet macht.“

Und dazu,
gut beraten ist Derjenige, der vorausschauend und strategisch denkt und Investments nicht in Auslaufmodelle tätigt.

Und,
die „Immobilisten für das Wohnen“ sollten nicht weiterhin sektenartig auf die Erleuchtungen aus der Bauwirtschaft, sowie aus der Politik warten, bis jemand ein weißes Kaninchen aus dem Hut zaubert, sondern vorausschauend und strategisch denkend Investments eigenständig in disruptive Innovationen der Bautechnik tätigen.

Und,
von selbst geht nichts und Warten auf die Erleuchtung kann lange dauern – und Ewiggestrige und Besitzstandswahrer wird es immer geben


Was wäre eine praktikable Lösung? *

Die provokante Frage von Buckminster Fuller: „Wie viel wiegt Ihr Gebäude, Mr. Foster?“
ist nach wie vor hoch aktuell. Insbesondere zu Zeiten, wo die Ressourcen-Produktivität auch im Bauwesen eine zunehmende Rolle spielt.

Eine Alternative im Mehrgeschoss-Wohnungsbau ist ein Lean-Construction-Paket aus Konstruktion als das Was, Technologie als das Wie und Logistik als das Womit in prozessorientierter Montage.
Weniger Material, weniger Prozesse, weniger Bauzeit, weniger Kosten.

Dabei ist Lean Construction im Bauwesen nicht auf Prinzipien des schlanken Managements bei Bauprozessen begrenzt.
Denn die „schlanke Konstruktion“ des Baukörpers ist ebenso bedeutsam, wenn nicht sogar bedeutsamer, weil es sich durch die Qualität der Materialressourcen-Produktivität unmittelbarer auf die Kosten und damit auf dem Gewinn auswirkt.
Und das ist der Sinn von Wirtschaft und damit auch von Immobilienwirtschaft.

Bewährte und modifizierbare Lösungen für die Leichtbauweise, bspw. bei James Hardie - Fermacell, gibt es schon seit Jahren.

B

Bernd Michalski

Fri Oct 10 17:05:33 CEST 2025 Fri Oct 10 17:05:33 CEST 2025

Warum tun wir häufig das, was wir können, statt das, was wir müssen?


Die Frage: Wer zerstört die Wohnimmobilienwirtschaft kann nicht allein an die Politik gerichtet sein.

Eine Wohnung ist ein Produkt wie jedes andere hergestellte Erzeugnis aber mit der wichtigen Eigenschaft, ein Produkt für die Daseinsvorsorge zu sein.

Ein wesentliches Prinzip in der Wirtschaft ist die Ausgewogenheit von Angebot und Nachfrage.
Wenn ein Produkt nicht mehr nachgefragt wird, bspw. wegen der Kosten, gibt es die Möglichkeit der Anpassung der Eigenschaften des Produktes an die Nachfrager durch den Hersteller bzw. die Firma, das nennt man dann Fortschritt, oder die Einstellung der Produktion dieses Produktes bzw. die Schließung der gesamten Firma.

Wenn die Ewiggestrigen und Besitzstandswahrer im Wohnungsbau mit der Immobilienverwertung allgemein eine EK-Rendite von weniger als 3% erwirtschaften bzw. erzielen können, ist das kein wirklich erstrebenswertes Resultat.

Denn auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft ist die Erwirtschaftung von angemessenen Erträgen der Sinn der Tätigkeit.


Und,
die Bauwirtschaft ist keine heilige Kuh, an deren Prozesse nicht gezweifelt werden darf.


Deutschlands bedeutender Projektentwickler Christoph Gröner, hatte dazu sehr polemisch geschrieben:
„Seit fast 50 Jahren hat die Bauindustrie keine Innovationen mehr geliefert. Im Prinzip bauen wir sogar fast noch wie die alten Römer.“

"Der Bauwirtschaft geht es einfach zu gut. Sie habe es versäumt, sich in eine Industrie zu verwandeln. Sie muss viel produktiver werden. Die einfachsten Möglichkeiten der Automatisierung würden in Deutschland nicht genutzt.“

Innovationen kann man nicht aus dem Hut zaubern. Aber man könnte sich mit kreativen Partnern über komplexe Systeme und Gedankenansätze austauschen.

Vor allem, wenn mit einer wesentlich effizienteren technischen Lösung zur Erstellung von Wohnungen, EK-Renditen im zweistelligen Bereich erwirtschaftet werden können.

In der Technikgeschichte war es häufig so, dass Ideengeber und Geldgeber gemeinsam ein wichtiges Thema der Menschheitsgeschichte anpackten und daraus eine beispiellose Entwicklung hervor ging.

Nichts treibt Entwicklung und Fortschritt mehr an, als gesunder Wettbewerb.
Da ist die Bau- und Immobilienwirtschaft nicht ausgeschlossen.

Dabei geht es nicht darum, alles Alte über Bord zu werfen. Aber wer das Bewährte mit dem Vorausschauenden verbindet, muss nicht immer nur reagieren. Der kann den Wandel auch selbst mit gestalten.