Digitalisierung im Wohnungsbau: BIM ohne Wenn und Aber?

Der Einsatz von Building Information Modeling (BIM) wird ab Dezember 2020 verpflichtend – aber nur für Infrastrukturbauten. Die digitale Planungsmethode im Hochbau des Bundes und sogar im Rahmen der sozialen Wohnraumförderung zur Pflicht zu machen, das war Thema bei einer Anhörung im Bundestag.

Die Bundesregierung hat es im Koalitionsvertrag vereinbart: Künftig soll bei der Vergabe öffentlicher Aufträge für den Bundesinfrastrukturbau und den infrastrukturbezogenen Hochbau stärker auf die Methode Building Information Modeling (BIM) gesetzt werden, um Kosten zu minimieren und Risiken zu reduzieren. Im Zuge dessen wird die Nutzung von BIM ab dem 31.12.2020 ein verbindliches Kriterium bei Infrastrukturprojekten.

Ziel der Methode BIM sei es zudem, dass in der Planung, in der Ausführung und später bei der Bewirtschaftung leichter mit allen Beteiligten kommuniziert wird, schreiben die Fraktionen CDU/CSU und SPD in ihrem gemeinsamen Antrag "Digitalisierung des Planens und Bauens", der bei einer öffentlichen Anhörung im Bauausschuss des Bundestages am 15. Januar zur Diskussion stand.

Das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat im Sommer 2019 gemeinsam in die Wege geleitete nationale BIM-Kompetenzzentrum soll nach den Vorstellungen der Abgeordneten aus den Regierungsparteien die erarbeiteten Standards und Produkte künftig der gesamten Wertschöpfungskette Bau zur Verfügung stellen. Das primäre Ziel des Kompetenzzentrums ist, abgestimmte und einheitliche Vorgaben für den Hoch- und Infrastrukturbau im Bundesbau zu erstellen. Zudem beschäftigt es sich mit der Beratung, Schulung und Normung zur digitalen Transformation.

BIM-Pflicht ausweiten bis hin zur sozialen Wohnraumförderung

Noch weiter geht die FDP-Bundestagsfraktion in ihrem Antrag "Smart Building – ein Update für den Wohnungsbau". Die Bundesregierung müsse unverzüglich den für Infrastrukturbauten entwickelten Stufenplan Digitales Planen und Bauen auf die Hochbauten des Bundes übertragen und spätestens ab 2022 die Anwendung von BIM verpflichtend einführen, heißt es da unter anderem. Zudem solle in der anstehenden Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern zur sozialen Wohnraumförderung die Anwendung von BIM für den Neubau von Mehrfamilienhäusern ab 50 Wohneinheiten zur Förderbedingung gemacht werden, fordern die Freien Demokraten.

Die deutsche Bauwirtschaft gehört zu den am wenigsten digitalisierten Branchen überhaupt, zitiert die FDP in ihrem Antrag das Think Tank McKinsey Global Institute (MGI). "Wenn Deutschland sein digitales Potenzial optimal nutzen würde, könnte das Bruttoinlandsprodukt bis 2025 um einen Prozentpunkt jährlich zusätzlich wachsen – das sind umgerechnet insgesamt rund 500 Milliarden Euro", schrieb McKinsey-Seniorpartner Karel Dörner bereits im Juni 2016 in der MGI-Studie "Digital Europe".

Das größte Hindernis bleiben fehlende Regeln und Standards, wie eine Umfrage unter Vetretern der Bau- und Immobilienwirtschaft auf der Messe "BIM World Munich" von Ende 2019 zeigt: Die häufigsten Nennungen mit Blick auf Forderungen an die Politik lauteten unter anderem "Standardisierung fördern" und eine "stärkere Vorbildfunktion im Einsatz von BIM" des Bundes bei eigenen Bauprojekten.

Verbände: Verlässliche Rahmenbedingungen für Digitalisierung schaffen

Vertreter von Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden haben bei der Anhörung im Bundestag angemahnt, verlässliche Rahmenbedingungen für Planungs- und Bauunternehmen bei der Digitalisierung zu schaffen.

Die Politik könne Investitionssicherheit schaffen, sagte der Leiter der Hauptabteilung Wirtschaft beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe, Andreas Geyer. Wichtig sei es etwa bei Ausschreibungen, dass klare Erwartungen mit Blick auf Building Information Modeling (BIM) formuliert würden. Die öffentliche Hand müsse eine Vorreiterrolle übernehmen, ergänzte René Hagemann-Miksits, Geschäftsbereichsleiter Technik, Bausparten und Nachhaltigkeit beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie: Unter anderem sollten Pilotprojekte verstetigt werden.

Auch bei der Normung sehe man die öffentliche Hand in der Pflicht, sagte Johannes Reischböck von der Plattform BIMobject Deutschland GmbH. Jan Tulke, Geschäftsführer des Bündnisses planen-bauen 4.0 GmbH, hob die Rolle von Modellvorhaben hervor: Kleineren Unternehmen falle es dann leichter, sich an neuen Prozessen zu beteiligen.

Wissenschaftler Daniel Mondino, Professor für Digitales Integriertes Prozessmanagement - Planen an der HafenCity Universität Hamburg, unterstrich die Bedeutung der Menschen hinter der Digitalisierung: Die Einstellung derer, die Prozesse einsetzten und gestalteten, sei essenziell, es müsse das Bewusstsein für Chancen der Digitalisierung geweckt werden. Dies sei um so wichtiger, als die Branche in kleinteiligen Netzwerken organisiert sei, bestätigte Martin Müller, Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer. Man brauche explizit auch das Handwerk, nicht zuletzt da Bauvorhaben zum überwiegenden Teil im Bestand erfolgten.

Die Digitalisierung begünstige es, Dinge auszuprobieren, ermunterte Walter Palmetshofer von der Open Knowledge Foundation Deutschland zur Fehlerkultur und zum Experimentieren. Dies sei auch mit Blick auf das Ziel wichtig, mehr bezahlbaren Wohnraum für Deutschland zu schaffen.


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