Wenn Überschuldung im Quartier ankommt
Die Initiative von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, Verbraucherinsolvenz- und Entschuldungsverfahren zu erleichtern und Betroffenen damit den Weg zu einer zweiten Chance nach der Überschuldung zu ebnen, verweist auf ein Thema, das auch für die Wohnungswirtschaft weiter an Bedeutung gewinnt. Denn wachsende Überschuldung ist nicht nur ein individuelles oder sozialpolitisches Problem. Sie berührt zunehmend auch die Frage, wie stabil Haushalte, Nachbarschaften und Quartiere sind – und wie früh Wohnungsunternehmen und Kommunen soziale Überforderung erkennen können.
Für Wohnungsunternehmen zeigt sich das sehr konkret. Zum einen wird es immer aufwändiger bis teilweise unmöglich, ausstehende Mietzahlungen einzutreiben. Das verursacht hohe Kosten und führt letztlich doch oft zu keinem guten Ergebnis, wenn Haushalte ausziehen müssen. Zum anderen verlieren Unternehmen manchmal auch eigentlich sehr treue Mieterinnen und Mieter, die häufig unverschuldet in eine finanzielle Notlage geraten sind.
"Pandemie der Einsamkeit" wird verstärkt
Dabei ist die Verschuldung von Haushalten längst Normalität – doch außerhalb bestimmter Milieus ist das Thema nach wie vor in hohem Maße stigmatisiert. Menschen, die unerwartet in eine solche Lage geraten, suchen nicht immer frühzeitig Unterstützung. Häufig ziehen sie sich aus Scham zurück und isolieren sich.
Damit hat die Verschuldungskrise das Potenzial, die sogenannte "Pandemie der Einsamkeit" weiter zu verstärken – mit all den negativen Folgen von Einsamkeit für die Betroffenen selbst, für Nachbarschaften und für die Gesellschaft.
Gerade hier zeigt sich, warum Überschuldung nicht isoliert betrachtet werden sollte. Im Rahmen unserer Arbeit beim Forschungsinstitut InWIS, das sich auf die sozialen und räumlichen Aspekte der Wohnungswirtschaft spezialisiert hat, beobachten wir seit Jahren, dass sich soziale Probleme in manchen Quartieren und bei manchen Bevölkerungsgruppen verfestigen oder sogar zunehmen. Das hat häufig auch eine sozialräumliche Komponente: Es kommt zu "überforderten Quartieren".
Ist es erst einmal so weit, wird es immer schwieriger für Kommunen und Immobilieneigentümer, wirksam zu handeln. Damit rückt ein Punkt in den Vordergrund, der in der öffentlichen Debatte häufig zu spät betrachtet wird: Prävention.
Wenn finanzielle Überforderung erst sichtbar wird, wenn Mietrückstände entstanden sind, Verfahren laufen oder Haushalte ihre Wohnung verlieren, sind viele Handlungsmöglichkeiten bereits eingeschränkt.
Umso wichtiger wird es für Wohnungsunternehmen und Kommunen, solche Entwicklungen kleinräumig und regelmäßig im Blick zu behalten. Nur so lassen sich frühzeitig passgenaue Angebote entwickeln, damit Haushalte möglichst gar nicht erst in diese Lage geraten.
Genau darin liegt auch eine zentrale Dimension des "S" in ESG. Die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit beginnen nicht erst im Berichtswesen, sondern beispielsweise bereits dort, wo Menschen wohnen: bei der Stabilität von Haushalten, bei der Erreichbarkeit von Menschen in belasteten Lebenslagen, bei tragfähigen Nachbarschaften und bei der Fähigkeit, soziale Risiken frühzeitig zu erkennen. Denn wer soziale Verantwortung ernst nimmt, braucht belastbare Analysen, fachliche Einordnung und den Transfer in konkrete Maßnahmen.
Der Beitrag ist aus der Ausgabe DW 06/2026 des Fachmagazins "DW Die Wohnungswirtschaft". Das gesamte Heft gibt es auch in der DW-App.
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