ERP & KI in der Wohnungswirtschaft

Der Rückstand sitzt in den Daten

ERP-Systeme in der Wohnungswirtschaft wandeln sich: Migrationen, Cloud-Strategien und KI verändern Prozesse in Wohnungsunternehmen. Was heute bereits produktiv läuft, warum Datenqualität entscheidend ist und ob ERP künftig zum Orchestrator wird – darüber sprechen drei Experten.

Dirigent

Über die Zukunft der ERP-Ökosysteme und die digitale Transformation in Wohnungsunternehmen gibt es viele Diskussionen.

Jörg Seifert spricht mit Jens Kramer, CEO von Promos Consult, Oliver Luttmann, CEO von Aareon Deutschland, und Dr. Christian Westphal, CEO von Crem Solutions, über Trends, Herausforderungen und die nächsten Schritte.

Wie würden Sie die Lage in der Wohnungswirtschaft beschreiben – spüren Sie Aufwind oder kämpfen Sie gerade gegen den Strom?

Oliver Luttmann: Wir haben viel zu tun. Wir befinden uns in der Umstellung von Wodis Sigma auf Wodis Yuneo und haben zahlreiche Migrationen vor uns – und gleichzeitig nutzen bereits 20 Prozent unserer Kundschaft die neuen integrierten KI-Assistenzen aktiv.

Jens Kramer: Wir hatten deutliches Wachstum und haben aktuell wieder viel zu tun – das sehen wir als sehr positiv.

Dr. Christian Westphal: Ähnliches Bild bei uns: gute Auftragsbücher, neue Kundinnen und Kunden, intensives Arbeiten mit dem Bestand. Das Wachstum ist wellenförmig, aber dauerhaft deutlich über dem Marktdurchschnitt.

SAP und Wohnungswirtschaft: Wenn der Hersteller den Takt vorgibt

Herr Luttmann, ist Aareon 2026 substanziell stärker aufgestellt?

Luttmann: Ich würde sagen: anders. Wir kommen aus einer Zeit, in der wir als Tochtergesellschaft einer börsennotierten Bank sehr strukturiert und berichtspflichtig gearbeitet haben. Heute sind wir ein eigenständiges Softwareunternehmen  und investieren gezielt in Entwicklungen für die Zukunftsfähigkeit unserer Kundschaft.

Herr Kramer, SAP drängt Wohnungsunternehmen in Richtung S/4HANA. Wie bewerten Sie die Strategie?

Kramer: Nahezu alle unsere Kundinnen und Kunden haben diesen Wechsel bereits vollzogen. Seit 2023 wird das bisherige Wohnungswirtschaftsmodul von SAP nicht mehr weiterentwickelt. Die Wartungszusage bis 2040 schafft eine Komfortzone – trotzdem sollte man sich jetzt ernsthaft mit den technologischen Konsequenzen auseinandersetzen.

Es geht nicht nur um SAP S/4HANA als Produkt, sondern um das gesamte Cloud-Konzept dahinter. Die Wartungszusage verschafft Zeit – aber diese Zeit sollte man nutzen.

ERP-Runde: Oliver Luttmann, Christian Westphal, Jens Kramer

Datenpflege und Immobilienverwaltung: unterschätzte Voraussetzung

Unterscheiden sich ERP-Systeme am Ende nur noch durch die Oberfläche?

Westphal: Aus der Vogelperspektive stimmt das zunächst. Aber ein System für Genossenschaften unterscheidet sich in der Detailausprägung erheblich von einem für die gewerbliche Verwaltung. Entscheidend ist nicht nur die Software, sondern Kompetenz im Vertrieb und im Consulting.

Luttmann: Mitnichten ist es das Gleiche. Unser Ziel ist es, KI tief im System zu verankern – ohne dass Daten hin und her geschoben werden müssen.

Kramer: Die Zukunft liegt für uns weniger in einem einzelnen Feature als in der Qualität der Kundenbeziehung.

Was läuft 2026 bereits produktiv beim Kunden – und wer profitiert: die Kundschaft oder Ihre Marge?

Luttmann: Wir sind mit KI schon sehr weit und werden ergänzend zu den bisherigen KI-Lösungen noch in diesem Jahr die KI-Unterstützung für die Betriebskostenabrechnung einführen – aktuell läuft ein kontrolliertes Release, die Begeisterung ist groß. Das Ziel ist, die KI-Nutzung für unsere Kundschaft möglichst kostengünstig zu halten.

Betriebskostenabrechnung, Mieteranfragen, Dokumentenversand

Wo liegt in der Wohnungswirtschaft das größte KI-Potenzial?

Kramer: Es braucht eine strukturierte Methodik. Wir arbeiten mit einer Matrix aus zwei Dimensionen: Wie teuer wird ein Fehler – und wie explizit ist das erforderliche Wissen? Wenn ein Mieter eine allgemeine Anfrage stellt, kann KI rund 20 Prozent dieser Fälle selbstständig beantworten – bei fünf Mitarbeitenden entspricht das einem eingesparten Vollzeit-Äquivalent.

Wie sauber sind die Daten in der Immobilienwirtschaft wirklich?

Westphal: Wenn wir Kundinnen und Kunden fragen, wie ihre Datenlage ist, lautet die Antwort fast immer „sehr gut" – schaut man dann in die Systeme, stellt man fest, dass Sachkonten in jedem Objekt anders geführt werden. Aufräumen ist Pflicht. Interessanterweise kann KI dabei selbst helfen. Hinzu kommt eine offene Haftungsfrage: Wer haftet, wenn KI einen Fehler macht?

ERP in der Wohnungswirtschaft: Dirigent oder Datensilo

Wird ERP künftig zum Orchestrator eines Ökosystems – oder gewinnt der monolithische Ansatz?

Kramer: Orchestrierung, klar. Der ERP-Anbieter wird zunehmend die Rolle eines Dirigenten einnehmen, der viele Systeme und Prozesse koordiniert.

Luttmann: Orchestrator, ganz klar. Aber wer keine gute Zusammenarbeit mit dem Ökosystem entwickelt, läuft Gefahr, zur Datensenke zu werden.

Westphal: Ich sehe zwei Szenarien: Das erste – es bleibt in etwa so wie heute. Das zweite – in fünf Jahren spricht man morgens kurz in sein System, die KI erledigt Abrechnungen, verschickt Dokumente und zieht Zahlungen ein. Heute lautet meine Antwort: Orchestrator, nicht Monolith. 

Das Gespräch wurde von Jörg Seifert, Managing Director der "Immobilienwirtschaft", im Rahmen der Real Estate Arena 2026 aufgezeichnet.


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