Small Sized Living: Gleiche Fläche, mehr Lebensqualität
Wie entstand die Idee zum Projekt "Small Sized Living"?
Dirk Büsing: Ausgangspunkt war ein Austausch im Netzwerk Universal Home. Dort arbeiten Unternehmen unterschiedlicher Branchen gemeinsam an Zukunftsfragen des Wohnens. Vor rund zweieinhalb Jahren kam die Beschlagsfirma Hettich mit der Frage auf uns zu, ob Tiny Living ein Thema für die Wohnungswirtschaft sei. Unsere erste Reaktion war eher zurückhaltend. Doch je intensiver wir uns damit beschäftigt haben, desto klarer wurde: Es geht nicht um Tiny Living im klassischen Sinn. Es geht darum, auf derselben Fläche mehr nutzbaren Raum zu schaffen.
Wir beobachten seit Jahren, dass bezahlbare Wohnungen fehlen und viele Haushalte mehr Flexibilität benötigen. Gleichzeitig stoßen klassische Lösungen an Grenzen. Nicht jede Wohnung lässt sich teilen, erweitern oder umbauen. Deshalb haben wir uns gefragt, wie sich vorhandener Wohnraum intelligenter nutzen lässt. Aus dieser Überlegung entstand die Kooperation mit Hettich unter dem Arbeitstitel "Small Sized Living".
Raumorganisierende Bauteile für unterschiedliche Nutzungen
Was unterscheidet Ihren Ansatz von bekannten Multifunktionsmöbel-Konzepten?
Büsing: Der entscheidende Unterschied ist: Wir entwickeln keine Möbel. Wir entwickeln raumorganisierende Bauteile. Viele Lösungen am Markt sind Einzelmöbel – etwa Klappbetten oder multifunktionale Schränke. Unser Ansatz ist grundsätzlicher. Wir schaffen bewegliche Raumstrukturen, die unterschiedliche Nutzungen ermöglichen.
Allen Lösungen gemeinsam ist: Die Nutzerinnen und Nutzer behalten überwiegend ihre eigenen Möbel. Das Bett bleibt das eigene Bett.
Wie funktionieren ihre Systeme genau?
Büsing: Beim "Roomspin Bed" wird das Bett auf einer von der Firma Hettich entwickelten Konstruktion gedreht. Dadurch entsteht auf der Rückseite ein vollständig nutzbarer Arbeitsbereich.
Beim "Roomslider" verschiebt sich eine Wand beziehungsweise ein Funktionsmodul. So kann beispielsweise ein Kinderzimmer tagsüber einen Lernarbeitsplatz bieten und abends wieder als Spiel- oder Wohnraum genutzt werden.
Die dritte Variante ist die "Roomslider Bridge". Hier wird ein Schreibtischmodul, zwischen dem das eigene Bett steht, angehoben oder abgesenkt und gleichzeitig zur Nutzung in den Raum hineingefahren. In einem Mikroapartment kann derselbe Bereich nacheinander als Schlafplatz, Sofa und Arbeitsplatz dienen.
Das klingt nach handwerklichem Aufwand. Wie tief greift der Einbau in die Bausubstanz einer Bestandswohnung ein?
Stephanie Spaan: Gar nicht. Das ist einer der wichtigsten Punkte. Bei keinem dieser Bauteile wird auch nur ein Stromkabel neu verlegt, eine Wand geöffnet oder ein Dübel gesetzt, der nicht wieder rückstandsfrei entfernt werden kann. Die Schiebekonstruktion des Roomsliders zum Beispiel ist so konzipiert, dass sie im Bestand nachrüstbar ist, ohne bautechnische Eingriffe an der Wohnung. Das war von Anfang an eine Grundbedingung.
Wir sind ein Wohnungsunternehmen mit einem hohen Standardisierungsgrad bei sichtbaren und nicht sichtbaren Bauteilen. Wir können und wollen keine Individuallösungen in Bestandswohnungen einbauen, die hohe Folgekosten verursachen. Geschulte Fachleute müssen den Einbau in wenigen Stunden erledigen können.
Grundproblem vieler Menschen: Eigentlich bräuchten sie ein Zimmer mehr
Für welche Menschen ist das Konzept Small Sized Living besonders interessant?
Spaan: Im Kern lösen wir ein Problem, das viele Menschen kennen: Eigentlich bräuchten sie eine Wohnung mit einem Zimmer mehr. Diese Wohnung ist aber oft nicht verfügbar oder nicht bezahlbar. Mehr Wohnfläche verursacht nicht nur höhere Mietkosten, sondern auch höhere Betriebs- und Energiekosten. Wenn es gelingt, auf derselben Fläche zusätzliche Funktionen zu schaffen, entsteht ein Mehrwert.
Stehen dabei bestimmte Nutzungsszenarien im Vordergrund und wie reagieren die Mieterinnen und Mieter auf das Konzept?
Spaan: Wir haben Mieterinnen und Mieter über unser Kundenportal befragt. Die Resonanz hat gezeigt: Der Bedarf ist da. Die drei meistgewünschten Eigenschaften waren Platzersparnis, Bezahlbarkeit und Multifunktionalität – genau in dieser Reihenfolge. Bei den gewünschten Nutzungsszenarien stand Homeoffice auf Platz eins. Interessant waren die weiteren Anwendungsfälle, die neben dem Homeoffice genannt wurden: Haushaltstätigkeiten, insbesondere Stauraum für Bügelbrett, Staubsauger oder Wäschepflege. Auch Sport, Gaming, Hobbys und die zeitweise Nutzung als Babybereich wurden häufig genannt.
In unserem Lab in Recklinghausen, in dem wir das Konzept weiterentwickeln, stehen ein Staubsauger, ein Bügelbrett und Getränkekisten. Alles Gegenstände, die in Wohnungen ohne Abstellraum einfach immer im Weg stehen. Wir bieten mit unseren Lösungen nicht nur Stauraum für das Bügelbrett, sondern auch die Möglichkeit, mit wenigen Handgriffen eine Bügelzone einzurichten und wieder zu entfernen.
Wird das System bereits praktisch erprobt?
Spaan: Eine Vivawest-Kollegin aus Köln testet ein Modul. Ihr fehlte in ihrer Anderthalbzimmerwohnung ein Ort zum Nähen. Sie hat hinter dem Roomslider ihre Arbeitsfläche eingerichtet: mit integriertem Licht und Steckdose, um die Nähmaschine anzuschließen. Sie hat das Element dann nach ihrem eigenen Geschmack gestaltet.
Das war wichtig für uns zu sehen: Wird es im Alltag wirklich so genutzt, wie wir es uns in der Theorie vorgestellt haben? Die Antwort ist ja. Vor allem hat der Test gezeigt, dass Robustheit entscheidend ist. Unsere Systeme müssen wartungsarm und alltagstauglich sein.
"Kein fünftes Regal kaufen und irgendwann entsorgen"
Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit in Ihrem Konzept?
Büsing: Eine große. Wir denken die Systeme von Beginn an so, dass sie mehrfach genutzt werden können. Deshalb setzen wir zunehmend auf Metallkonstruktionen. Nach einer Mindestlaufzeit können Mietende die Module zurückgeben. Dann werden die Bauteile aufgearbeitet und in der nächsten Wohnung weitergenutzt. Kein fünftes Regal kaufen und irgendwann entsorgen, sondern ein langlebiges, robustes Bauteil im Kreislauf halten. Das ist gleichzeitig ein Nachhaltigkeitsgedanke und ein wichtiger Bestandteil unseres geplanten Geschäftsmodells.
Sie sind gerade noch in der Erprobungsphase. Wie könnte denn ein solches Geschäftsmodell für Vivawest aussehen?
Büsing: Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit des Verkaufs oder der Vermietung. Viele Menschen scheuen hohe Einmalinvestitionen. Wenn eine Lösung dagegen für einen überschaubaren monatlichen Betrag genutzt werden kann, sinkt die Einstiegshürde. Das spricht für die Vermietung der Module. Ein Vorteil wäre auch, dass die Kontrolle über Wartung, Qualität und Wiederverwendung der Systeme bei uns als Wohnungsunternehmen verbleiben würde.
Wie viel müssen die Mietenden denn aufbringen, wenn Sie sich für eine der drei Lösungen entscheiden?
Büsing: Bei konkreten Zahlen tue ich mich noch schwer, weil wir uns gerade in der Phase befinden, die Herstellungskosten verlässlich zu kalkulieren. Aber das Prinzip ist klar: Das Bauteil muss wesentlich günstiger sein als der Mehrpreis, den Bewohnerinnen und Bewohner zahlen würden, wenn sie eine Wohnung mit einem zusätzlichen Zimmer mieten wollen. Denn sonst würde man direkt die größere Wohnung wählen.
Gerade in Zeiten steigender Mieten ist das ein wichtiger Punkt. Im Ruhrgebiet, wo wir unseren Bestand haben, liegt dieser Mehrpreis für ein weiteres Zimmer oft bei rund 200 Euro monatlich. Unsere Lösung muss also deutlich darunter liegen.
Was sind die nächsten Schritte?
Büsing: Wir befinden uns gerade in der Phase des Übergangs vom Prototyp zur vorindustriellen Serie. Das Geschäftsmodell soll noch in diesem Jahr konkrete Gestalt annehmen und damit soll auch geklärt werden, wie wir die Modullösung passend vertreiben können. Für Bestandsmieter wird es wahrscheinlich eine digitale Anwendung geben, in der Grundrisse von Vivawest-Wohnungen hinterlegt sind. Mietende könnten dann per Drag-and-drop prüfen, welches Bauteil in welchen Raum passt und wie es dort funktioniert. Die nächste Generation der Bauteile dient als Grundlage für eine verlässliche Kalkulation. Was wir aber jetzt schon wissen ist, dass das Konzept funktioniert. Das war lange nicht selbstverständlich.
Abschließend gefragt: Ist das ein Modell nur für Vivawest – oder für die gesamte Branche?
Büsing: Wir sind sachgetrieben, nicht interessengetrieben. Wenn die Lösung irgendwann auch anderen Wohnungsunternehmen mit angespannten Wohnungsmärkten nutzt, ist das sinnvoll. Wir stehen mit den Kolleginnen und Kollegen in München oder Berlin nicht im Wettbewerb. Unser Ziel ist es, eine praktikable Antwort auf die Frage zu finden, wie Menschen künftig auf begrenztem Raum besser wohnen können. Genau darin sehen wir das eigentliche Potenzial von "Small Sized Living". Wenn das Konzept trägt, kann auch die ganze Branche davon profitieren.
Der Beitrag ist aus der Ausgabe DW 07 2026 des Fachmagazins "DW Die Wohnungswirtschaft". Das gesamte Heft gibt es auch in der DW-App .
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