"Wegschauen ist keine Option"
Bei der Real Estate Arena 2026 sprach DW-Chefredakteurin Iris Jachertz auf der Haufe-Bühne mit Dr. Susanne Schmitt, Verbandsdirektorin des VdW Niedersachsen und Bremen, Julia Langkopf, Vorständin des Bauvereins Neustadt am Rübenberge eG (Leine Heimat), und Kathrin Tietz, Vorständin des Wunstorfer Bauvereins eG, über Haltung, Praxis, gesellschaftliche Verantwortung und die im Rahmen der Kampagne nötige enge Vernetzung mit Polizei und Beratungsstellen.
Frau Dr. Schmitt, die Kampagne startete Anfang des Jahres als Pilotprojekt mit 13 Wohnungsunternehmen. Auf den ersten Blick klingt das nach einem sozialpolitischen Thema, das eigentlich in den Zuständigkeitsbereich von Polizei und Sozialbehörden fällt. Warum ist häusliche Gewalt ein Thema für die Wohnungswirtschaft und was war der konkrete Auslöser für diese Initiative?
Dr. Susanne Schmitt: Es stimmt, dass es sich auf den ersten Blick um ein sozialpolitisches Thema handelt. Aber wir sind sozial orientierte Vermieter. Bei den Unternehmen, die im VdW organisiert sind, geht es um weit mehr als die bloße Bereitstellung von Wohnraum – wir haben den Menschen als Ganzes im Blick. Wir wollen unseren Mieterinnen und Mietern ein gutes, sicheres und möglichst unversehrtes Wohnen ermöglichen.
Häusliche Gewalt reicht in vielen Fällen bis hin zu schweren Straftaten. Wenn Menschen in unseren Wohnungsbeständen verletzt werden oder in ihrer Freiheit beeinträchtigt werden, dürfen wir nicht wegschauen.
Und entscheidend ist: Wir sind diejenigen, die unmittelbaren Zugang zu den Mieterinnen und Mietern haben. Unsere Mitarbeitenden gehen in die Wohnungen, stehen in engem Kontakt mit den Menschen – diese Nähe bringt Verantwortung mit sich. Deshalb haben wir gemeinsam mit dem Landespräventionsrat Niedersachsen und der Polizei Niedersachsen diese Kampagne auf den Weg gebracht.
"Wir machen mit und zeigen Verantwortung"
Frau Langkopf, Genossenschaften sind traditionell besonders nah an ihren Mitgliedern. Wie haben Sie und Ihr Team reagiert, als die Kampagne an Sie herangetragen wurde – und warum war die Entscheidung zur Teilnahme offenbar schnell getroffen?
Julia Langkopf: Meine ersten Berührungspunkte mit dem Thema hatte ich vor etwa drei Jahren in einem Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt, in dem ich eine Kollegin vertreten habe. Dort wurde mir erst wirklich klar, welche Dimension dieses Problem hat: Allein in Niedersachsen waren rund 30.000 Frauen und Männer betroffen. Als die Anfrage zur Kampagnenteilnahme kam, war für uns deshalb sofort klar: Wir machen mit und zeigen Verantwortung.
Frau Tietz, der Wunstorfer Bauverein geht beim Thema Sichtbarkeit besonders weit – mit Bauzaunbannern, Flaggen und Plakaten. Was hat den Ausschlag gegeben, so offensiv an die Öffentlichkeit zu gehen, und wie haben Ihre Mieterinnen und Mieter darauf reagiert?
Kathrin Tietz: Wir beschäftigen uns schon seit Jahren mit dem Thema Sicheres Wohnen. Und wenn wir etwas tun, dann richtig – Halbherzigkeit ist bei uns keine Option. Die Frage war also nicht, ob wir mutig genug sind, sondern wie wir etwas bewirken können. Wir wollen nicht einfach Plakate hängen, sondern Fälle verhindern.
Die Reaktionen im Bestand waren tatsächlich gemischt. Es gab viele positive Rückmeldungen und Gespräche, die ohne die Plakate vielleicht nie stattgefunden hätten. Gleichzeitig wurden in zwei Gebäuden die Aushänge entfernt – von wem, wissen wir nicht. Im besten Fall haben sich Betroffene Hilfe geholt und wollten die Plakate nicht mehr sehen. Im schlechtesten Fall haben Täter sie abgehangen. Auch das zeigt, wie wichtig und wie real dieses Thema ist.
Was ist häusliche Gewalt überhaupt?
Ein zentrales Element der Kampagne sind Schulungen für Mitarbeitende. Was lernen die Beschäftigten in diesen Workshops konkret – und welche Hürden müssen sie überwinden, um bei einem so sensiblen Thema handlungsfähig zu werden?
Dr. Susanne Schmitt: Wir wollten keine reine Plakatkampagne – davon gibt es bereits genug. Unser Ziel ist es, wirklich zu helfen. Deshalb sind Workshops ein fester Bestandteil der Kampagne. Diese werden von Mädchen- und Frauenberatungsstellen sowie von der Polizei durchgeführt.
Zunächst geht es um Aufklärung: Was ist häusliche Gewalt überhaupt? Das Spektrum reicht von körperlicher Gewalt über psychische Einschüchterung bis hin zu finanzieller Kontrolle. Viele Menschen wissen das nicht.
Im zweiten Schritt werden die Mitarbeitenden sensibilisiert, ein ungutes Bauchgefühl einzuordnen und richtig zu reagieren. Als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter eines Wohnungsunternehmens bin ich keine Beratungsstelle – aber ich kann auf Hilfsangebote hinweisen. Ich kann im Umfeld aufmerksam sein. Und ich kann mich an die richtigen Stellen wenden.
Deshalb ist die Vernetzung mit dem Landespräventionsrat und der Polizei so wesentlich: Im Anschluss an die Schulungen sind regelmäßige Runde Tische geplant, bei denen sich die Mitarbeitenden unserer Unternehmen mit Beratungsstellen und der Polizei austauschen, Fälle besprechen und ihre Handlungskompetenzen kontinuierlich weiterentwickeln. Wenn ein Techniker, der in einer Wohnung einen Wasserhahn austauscht, weiß, worauf er achten soll – und was er dann tun kann –, dann ist das schon enorm wertvoll.
Frau Langkopf, gab es in Ihrer Genossenschaft bereits konkrete Situationen, in denen der Verdacht auf häusliche Gewalt im Raum stand – und wie sind Ihre Mitarbeitenden damit umgegangen?
Julia Langkopf: Ja, solche Situationen gab es. Mitarbeitende haben Hinweise von Nachbarinnen und Nachbarn erhalten, oder ein Bauchgefühl hat sich bemerkbar gemacht. Das sind oft keine eindeutigen Fälle – eher ein leises Signal, das sich schwer greifen lässt. Genau für diese Momente ist die Schulung so wichtig. Und ebenso wichtig ist, dass unsere Mitarbeitenden in solchen Situationen nicht allein sind: Wir haben Netzwerke und Kooperationspartnerinnen und -partner bei Polizei und Beratungsstellen, an die sie sich wenden können.
Kurze Wege, schnelle unbürokratische Hilfe
Frau Tietz, Sie arbeiten in Wunstorf bereits in bestehenden Präventionskreisen und Quartiersrunden eng mit der Polizei zusammen. Wie sieht diese Zusammenarbeit in der Praxis aus – und was passiert konkret, wenn ein Verdacht entsteht?
Kathrin Tietz: In Wunstorf haben wir den Vorteil sehr gut etablierter Strukturen. In unseren Präventions- und Arbeitskreisen sowie in den Quartiersrunden kennen wir uns alle persönlich: Polizistinnen und Polizisten, Beratungsstellen, Schulen, Kindertagesstätten, wir als Wohnungsgenossenschaft. Das ermöglicht kurze Wege und schnelle, unbürokratische Hilfe – nicht auf dem Papier, sondern in der Praxis.
Das Thema Sicherheit ist bei uns strukturell verankert: Schon bei Modernisierungen und Neubauten fließt es in die Planung ein. Wir wurden zuletzt von der Sicherheitspartnerschaft Niedersachsen als Botschafter für Sicheres Wohnen ausgezeichnet. Und wir haben sogar eine Polizistin als Kontaktbeamtin in unserem Aufsichtsrat.
Vernetzung ist für uns kein Schlagwort, sondern gelebte Praxis. Wir werden diese Probleme nicht allein lösen können – aber wenn Vereine, Polizei, Schulen und Wohnungsunternehmen vor Ort zusammenarbeiten, dann bewegt sich etwas.
Das Podium hier auf der Haufe-Bühne ist heute ausschließlich weiblich besetzt. Ist häusliche Gewalt ein Thema, das in der Wohnungswirtschaft bislang vor allem von Frauen getragen wird?
Dr. Susanne Schmitt: Ich würde das so nicht stehen lassen wollen. Dass wir heute zu viert als Frauen auf dem Podium stehen, ist eher Zufall als Programm. Ich selbst habe einen männlichen Vorstandskollegen, der für andere Ressorts zuständig ist – deshalb bin ich hier. Und ich kann versichern: Es gibt viele männliche Vorstände und Geschäftsführer, die ihre Unternehmen an dieser Kampagne beteiligen oder bereits signalisiert haben, beim nächsten Durchgang dabei zu sein.
Dennoch ist die Frage berechtigt. Es mag sein, dass manche Männer eine höhere Hemmschwelle haben, über dieses Thema öffentlich zu sprechen – möglicherweise weil die Täterrolle statistisch häufiger mit Männern verbunden wird und das Unbehagen erzeugt. Das wäre aber kein Grund zum Schweigen, sondern umgekehrt ein Grund mehr, sich zu positionieren. Innerhalb des VdW entwickeln wir übrigens gerade einen Frauenförderplan und wollen Frauen in Führungspositionen der Wohnungswirtschaft gezielt sichtbarer machen – auch auf Bühnen wie dieser.
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Anfragen aus mehreren Bundesländern
Frau Dr. Schmitt, die Pilotphase endet im Spätsommer. Wie messen Sie den Erfolg der Kampagne – und wie groß ist das Interesse weiterer Unternehmen an einer Beteiligung?
Dr. Susanne Schmitt: Wir haben mit 13 Unternehmen gestartet, weil wir zunächst die Strukturen erproben mussten: Wie werden die Workshops vor Ort organisiert? Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen und Polizei in der jeweiligen Region? Diese Modellphase endet im Spätsommer. Bereits jetzt stehen viele Mitgliedsunternehmen in den Startlöchern.
Parallel bauen wir in Bremen eine vergleichbare Struktur auf. Und aus vier bis fünf Bundesländern haben wir bereits Anfragen, ob die Kampagne übernommen und bundesweit ausgerollt werden kann. Das zeigt das Potenzial. Als Verband nehmen wir dabei eine Scharnierfunktion ein: zwischen den Wohnungsunternehmen auf der einen und Polizei, Beratungsstellen und Präventionsträgern auf der anderen Seite.
Erfolg definiere ich nicht über eine starre Messlatte, aber ich würde mir wünschen, dass wir in einem Jahr 40 bis 50 Unternehmen in der Kampagne haben, ergänzt um zwei bis drei Landesverbände. Und dass diese Unternehmen nicht nur Plakate kleben und eine Homepage schalten, sondern aktiv schulen, sensibilisieren und vor Ort vernetzt arbeiten. Das wäre für mich nachhaltiger Erfolg.
Frau Langkopf, eine solche Haltung im Unternehmen zu verankern kostet Zeit und Ressourcen. Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass dieses Engagement auf dem richtigen Weg ist?
Julia Langkopf: Die Sicherheit kommt aus den Menschen selbst – aus unseren Bewohnerinnen und Bewohnern, aus unserem Team, aus den Rückmeldungen, die wir erhalten. Und ganz ehrlich: Es fühlt sich auch einfach richtig an. Eine Wohnung ist mehr als nur vier Wände. Sie ist Schutz, Sicherheit – vor allem aber ein Zuhause. Wenn wir dazu beitragen können, dass dieses Zuhause wirklich sicher ist, dann sollten wir das tun.
"Hinter jeder Tür wohnen Menschen"
Was ist Ihre Botschaft an Kolleginnen und Kollegen der Branche, die vielleicht noch nicht überzeugt sind, sich ebenfalls zu engagieren?
Dr. Susanne Schmitt: Häuser bauen und Wohnungen vermieten ist immer mehr als Steine und ein dichtes Dach über dem Kopf. Am Ende geht es darum, dass Menschen – Familien, Ältere, Jüngere, Frauen und Männer – sicher in unseren Wohnungen leben können. Dafür tragen wir alle Verantwortung.
Und ich würde mir nicht nur für die Bau- und Wohnungswirtschaft, sondern gesamtgesellschaftlich mehr Aufmerksamkeit für die Not anderer wünschen. Hinschauen statt wegschauen. Hinter jeder Tür wohnen Menschen wie du und ich. Und jeder kann in eine Situation geraten, in der Unterstützung von außen nötig ist.
Julia Langkopf: Ich würde alle bitten, kurz innezuhalten und sich vorzustellen: Was, wenn das in Ihrem eigenen Wohnungsbestand passiert – hinter den Türen Ihrer Mieterinnen und Mieter? Sie sind Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger. Sie haben die Möglichkeit, etwas zu verändern und für jemanden einen Unterschied zu machen.
Kathrin Tietz: Das Thema passiert mitten in unseren Quartieren, in unseren Beständen. Worauf warten alle noch? Wegschauen ist keine Option.
Webseite Kampagne gegen häusliche Gewalt in Niedersachsen
Der Beitrag ist eine Vorabveröffentlichung aus der Ausgabe DW 08/2026 des Fachmagazins "DW Die Wohnungswirtschaft". Das gesamte Heft gibt es auch in der DW-App.
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