Virtueller Wohnzukunftstag: Mit Volldampf in die digitale Zukunft

GdW goes digital: Am 17. Juni traf sich die Branche beim Wohnzukunftstag des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft. Dieses Jahr fand das Event – im Gegensatz zu anderen Großveranstaltungen, die aufgrund der Coronakrise abgesagt werden mussten – erstmals virtuell statt.

Mehr als 600 Teilnehmer loggten sich pünktlich um 9:30 Uhr in den digitalen Zwilling des Wohnzukunftstags ein. „Das sind 50 Prozent mehr, als wir sonst normalerweise vor Ort begrüßen“, verkündete Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, im Rahmen seiner Begrüßung. „Corona hat der Digitalisierung einen Schub verpasst“, ergänzte er, „und der Wohnzukunftstag soll ein Musterbeispiel dafür sein, dass virtuelle Formate funktionieren“.

Virtueller Wohnzukunftstag: „Wie Netflix für Vorträge“

Ob er damit Recht hatte, konnten die Teilnehmer einen Tag lang ausgiebig testen (Anm. d. Red.: Der GdW hat die Inhalte nachträglich bis zum 24.6. verfügbar gemacht). In der virtuellen „Lobby“ des Wohnzukunftstags – ein gezeichnetes Faksimile einer typischen Messesituation mit interaktiven Elementen – waren verschiedene Räume wie die Start-up-Area, Messe- und Infostände und letztlich auch Panels und Talks nur einen Klick entfernt. Müde Füße nach einem langen Messetag – Fehlanzeige.

WZT Lobby_Virtueller WohnZukunftsTag 2020
Ein Klick und schon ging es los: Die virtuelle Lobby machte den Teilnehmern das Navigieren der Veranstaltung leicht

Bei der Veranstaltung wechselten sich moderierte Live-Formate mit frei verfügbaren vorbereiteten Video-Panels ab. Zu festen Uhrzeiten, morgens, mittags und zum Abschluss am Nachmittag, trafen sich die Teilnehmer im Livestream, dazwischen hatten sie die Möglichkeit, die zahlreichen Videovorträge zu sehen und sich über die Chatfunktion direkt zu den unterschiedlichen Themen auszutauschen. „Wie Netflix für Vorträge“, erklärte Gedaschko das einfache, aber effektive Konzept.

Ebenfalls Teil der Veranstaltung war ein vom Startup-Accelerator „Hubitation“ organisierter Startup-Pitch, bei dem die Teilnehmer per Abstimmung einen Publikumsliebling küren konnten. Am Ende des Tages konnte sich unter den sechs Auserwählten von insgesamt 90 Startups schließlich Lumoview durchsetzen. Das Unternehmen ist eine Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und hat eine intelligente Lösung für die Analyse und das Vermessen von Gebäuden entwickelt.

„Wir müssen aufpassen, sonst brennt die Straße“

Den Startschuss für den Wohnzukunftstag gab eine Keynote von Dr. Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Unter dem Titel „Die neue Normalität“ ging Wiener auf die wirtschaftlichen Auswirkungen und Effekte der Covid-19-Pandemie ein. Zwar dürfte die Krise den generellen Wachstumstrend zunächst dämpfen, allerdings böte sie mittel- bis langfristig auch Chancen, so der Volkswirt – das jedoch nur, wenn jetzt Potenziale und Chancen wie die Digitalisierung aktiv genutzt würden. Der GDV-Geschäftsführer forderte einen intelligenten Umgang mit dem Virusrisiko und warnte, selbst angesichts der aktuellen Erholung der Märkte sei die Krise noch nicht vorbei.

„Wir haben es hier mit dem stärksten Konjunktureinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Bis das Bruttoinlandsprodukt sein Vor-Krisen-Niveau wieder erreicht, können gut ein bis zwei Jahre vergehen.“ Dr. Klaus Wiener, Chefvolkswirt und Mitglied der Geschäftsführung beim GDV

Anschließend schaltete sich Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar zu. Trotz eines anfänglichen Echos (übrigens der einzige kleine technische Schluckauf, den die Redaktion mitbekommen hat) sprach Yogeshwar gewohnt souverän über die sozialen Verschiebungen, die die Coronakrise auslöst und die der Wohnungswirtschaft angesichts des Spannungsfeldes zwischen Metropolregionen und ländlichen Räumen wohlbekannt sind. Die gesellschaftliche Spaltung in Arm und Reich dürfe nicht weiter zunehmen, warnte der mehrfach mit einer Ehrendoktorwürde ausgezeichnete Wissenschaftler.

WZT Ranga Yogeshwar Wohnzukunftstag
In einem kurzen Video-Teaser meldete sich Yogeshwar bereits im Vorfeld der Veranstaltung zu Wort

„Wenn wir nicht aufpassen, brennt irgendwann die Straße“, sagte Yogeshwar und wies auf die Entwicklungen rund um das Volksbegehren „Deutsche Wohnen enteignen“ hin. Hinzu komme, dass die Immobilienbranche kluge Wege finden müsse, auf die rasenden Entwicklungen und Anforderungen der heutigen Zeit zu reagieren: Neben dem „permanenten Updaten“ (Sanieren) von Beständen aufgrund energetischer Vorgaben sei es ebenso wichtig, neue „Wohnbiografien“ zu berücksichtigen – beispielsweise mit flexiblen Grundrissen, Serviceangeboten und Mieter-Flatrates. 

Themen auf dem Wohnzukunftstag: Von der Außenanlagenpflege bis Robotik alles dabei

An Themenvielfalt mangelte es dem Wohnzukunftstag nicht, auch wenn ein deutlicher Schwerpunkt auf dem Megathema Digitalisierung erkennbar war. Diese ist mittlerweile auch im Garten- und Landschaftsbau angekommen: Henning Russ, Geschäftsführer der Wisag Garten- und Landschaftspflege GmbH & Co. KG stellte in seinem Vortrag über „Wertsteigernde Pflege“ ein ganzheitliches Pflege- und Steuerungssystem vor, das sich vor allem für große Bestände mit umfangreichen Außenanlagen lohnt. Vom Jahrespflegeplan bis zum Bauzeitenplan für Sanierungsarbeiten, der Erfassung von Daten zu Flächen und Bestand und die Dokumentation der Arbeiten könne alles digitalisiert werden. „Ein Vorteil der digitalen Erfassung aller relevanten Daten liegt darin zu sehen, welcher Flächenanteil welchen Kostenanteil besitzt. Kleine, intensiv bepflanzte Flächen wie Rosenbeete sind zum Beispiel deutlich kostenintensiver als pflegeextensive Flächen“, erklärte Russ.

Ein weiterer der mehr als 30 Videovorträge widmete sich der Frage, „Wie Automatisierung und Robotik das Bauwesen verändern“. Der Änderungsdruck auf das Baugewerbe nehme stetig zu und insbesondere in den Zuzugsregionen bleibe der Wohnungsbau eine zentrale Aufgabe – der Blick auf die Baustellen offenbare jedoch, dass die technologische Entwicklung noch nicht sehr weit vorangekommen sei. Unter Moderation von GdW-Referent Fabian Viehrig überlegten und erklärten Anne Katrin Bohle, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Prof. Frank Will und Prof. Jens Otto (beide Technische Universität Dresden), inwiefern Robotik dabei helfen kann, mit weniger Personal schneller, besser, effizienter und günstiger zu bauen – etwa mithilfe von Beton-3D-Druck, Mauerrobotern und natürlich der Digitalisierung.

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So sahen die Video-Panels aus. Hier GdW-Referent Fabian Viehrig im Gespräch mit Prof. Will von der TU Dresden

Natürlich auch auf dem Wohnzukunftstag ein Thema: PropTechs und das Spannungsfeld zwischen ihnen und Wohnungsunternehmen. Es eröffnet neue Chancen, wenn sich beide Partner gemeinsam mit Mut und Spaß auf neue Wege begeben, waren sich Ingeborg Esser, GdW-Hauptgeschäftsführerin, Dr. Benjamin Allbach von der GBG Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft, Alexander Ubach-Utermöhl, Geschäftsführer Blackprintpartners GmbH, Karsten Nölling von Kiwi.Ki und Ludwig von Busse, Geschäftsführer der Simplifa GmbH, in dem zugehörigen Video-Panel einig.

„Wohnungsunternehmen und PropTechs kommen aus unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen Sprachen und unterschiedlichen Geschwindigkeiten.“ Dr. Benjamin Allbach, GBG Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft

Es bedürfe Zeit, aufeinander zuzugehen, Lust auf Neues, Spaß am gemeinsamen Ausprobieren und keiner Scheu vor dem Scheitern, so der Tenor des Panels.

Analog vs. Digital: Eins geht nicht ohne das andere

„Wir mussten die Entscheidung, den Wohnzukunftstag in seiner gewohnten Form abzusagen, schweren Herzens treffen“, gestand GdW-Hauptgeschäftsführerin Ingeborg Esser in einem Live-Zwischenfazit. Sie könne auch verstehen, dass die Teilnehmer die traditionelle Housewarming-Party am Vorabend vermissten. Insgesamt sei sie persönlich aber begeistert vom virtuellen Wohnzukunftstag. Die Party würde man im kommenden Jahr gebührend nachholen, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

WZT Fazit Gedaschko Wohnzukunftstag
Die Live-Segmente des Wohnzukunftstags, hier das Veranstaltungs-Fazit von GdW-Präsident Gedaschko im Gespräch mit Moderatorin Katie Gallus, wurden aus Berlin gestreamt

Auch bei den Teilnehmern kam das Format gut an: „Ich habe schon einige virtuelle Messen durch. Der Wohnzukunftstag gefällt mir bisher am besten“, meldete sich etwa Wolf-Bodo Friers, Vorstand der Baugenossenschaft Langen, auf Twitter zu Wort. Eine Bildschirmveranstaltung soll der Wohnzukunftstag nach Möglichkeit aber nicht bleiben. „So gut es mittlerweile alles funktioniert, wir werden immer auch analoges Networking brauchen, um digital zusammenarbeiten zu können“, resümierte GdW-Präsident Axel Gedaschko am Ende des letzten Live-Parts. „Wir brauchen beides!“ 

Die Haufe Group mit den beiden Fachmagazinen "DW Die Wohnungswirtschaft" und „immobilienwirtschaft“ hat die virtuelle Veranstaltung als Medienpartner begleitet.

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