Wohnen, Wandel, Widerstandsfähigkeit
Beim Wohnzukunftstag des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen am 26.6.2026 auf dem EUREF-Campus in Berlin trafen Entscheider, Praktiker und Vordenker aufeinander.
Die Stimmung: konzentriert, manchmal unbequem, aber produktiv.
Cybersecurity: IT-Problem und Aufgabe des Managements
Was passiert, wenn das ERP-System nicht mehr startet? Keine Dokumente, keine Zahlungen, keine Aufträge, keine Kommunikation. Technisch ist das ein IT-Problem. In der Praxis ist es längst eine Managementaufgabe.
Sandra Balicki (Visario Connect GmbH) brachte es im Panel "Cybersecurity in der Wohnungswirtschaft: Lernen aus der Praxis" auf den Punkt: Cybersecurity wirkt nicht allein durch Technik. Sie braucht Organisation, Führung und eine Kultur, in der Mitarbeitende Risiken erkennen, Unsicherheiten einordnen und Verdachtsfälle früh melden.
Jens Huthoff zeigte am Beispiel der GAG Ludwigshafen, wie das konkret aussieht: Statt eines klassischen Penetrationstests wurde der Ernstfall realistisch durchgespielt. Das Ziel war nicht, Schwachstellen in Systemen zu finden, sondern die tatsächliche Widerstandsfähigkeit der Organisation sichtbar zu machen.
In beiden Fällen kann Resilienz für zukünftige Krisen entstehen, sofern Mitarbeitende und die Führungsebene von Anfang in engem Austausch stehen und Rollen klar definiert werden.
Energie im Wohnquartier: Technik und Regulatorik
Mieterstrom, Photovoltaik, Wärmepumpen, Contracting: Die Lösungen liegen auf dem Tisch und die Wohnungswirtschaft ist bereit zu investieren. Was sie aktuell noch bremst, ist ein Mangel an politischer Verlässlichkeit.
Kay Gröne (Howoge Wärme GmbH) zeigte, welche Potenziale in Quartiers- und Mieterstromkonzepten stecken: Mehr Versorgungssicherheit, stabile Energiekosten, direkte Teilhabe der Mieterinnen und Mieter an der Energiewende. Doch die höchstrichterliche Rechtsprechung zu Kundenanlagen bremst Investitionen derzeit aus.
Dr. Sarah Debor (Naturstom AG) ergänzte aus der Praxis: Technisch ist vieles möglich. Entscheidend ist, dass Energiekonzepte zunächst fachlich und wirtschaftlich geplant werden, das Betreibermodell folgt danach. Dabei ist Contracting kein Selbstzweck, sondern eines von mehreren möglichen Modellen.
Das Fazit aus dem Panel: Die Wohnungswirtschaft braucht einen stabilen Rahmen, damit Investitionen in klimafreundliche Quartiersenergie wirtschaftlich bleiben.
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Klimafinanzierung: Lücke bei Dekarbonisierung im Bestand
"Entsetzlich" – so beschrieb ein Panelteilnehmer die Finanzierungslücke, die bei der Dekarbonisierung des Gebäudebestands klafft. Michael Neitzel (Neitzel Consultants GmbH) und Franz-Bernd Große-Wilde (Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH) machten deutlich: Die notwendigen Investitionen übersteigen die wirtschaftlichen Möglichkeiten vieler Wohnungsunternehmen deutlich.
Die Antwort kann nicht im Einzelobjekt liegen. Sie liegt im Gesamtbestand, in Skaleneffekten und in neuen Kooperationsmodellen. Pooling, Kapitalmarktzugang, belastbare Daten statt Hochrechnungen, das sind die Werkzeuge, die die Branche jetzt braucht.
Auch in diesem Feld kam der Regulatorik eine Schlüsselrolle zu. Denn pauschale Lösungen greifen zu kurz. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen vor Ort und die Frage, ob Wohnungsunternehmen auf diese Rahmenbedingungen vertrauen können.
Zirkuläres Bauen: Vom Strategiepapier auf die Baustelle
Kreislaufwirtschaft im Bau ist kein abstraktes Zukunftsthema mehr. Sie entscheidet heute über Rohstoffeinsatz, Kosten und die Zukunftsfähigkeit des Bestands. Das machte das Panel unter Moderation von GdW-Experte Fabian Viehrig unmissverständlich klar.
Mike Eley (Ascherslebener Gebäude- und Wohnungsgesellschaft mbH) zeigte aus der Praxis, was möglich ist: Gebäude lassen sich nicht nur sanieren, sondern als Rohstoffdepots denken. Kreislauffähige Materialien und rückbaubare Konstruktionen eröffnen neue wirtschaftliche Perspektiven.
Aus einem alten Fenster muss kein Abfall werden, es kann der Beginn eines neuen Lebenszyklus sein. Was nach Werbeslogan klingt, ist in Aschersleben bereits Praxis.
Die Botschaft: Zirkuläres Bauen bietet entscheidende Potenziale für den Wohnungsbau. Es scheitert aktuell noch häufig an Strukturen, die zu sehr auf Linearität ausgerichtet sind. Was jetzt fehlt, sind Pilotprojekte, Kooperationen und der Mut, Dinge im Bestand konkret auszuprobieren.
Resilienz: Die Frage ist nicht ob, sondern wann
Kein Thema zog sich so konsequent durch den gesamten Wohnzukunfstag wie Resilienz. Der Berliner Stromausfall war allen Anwesenden eine noch präsente Warnung.
CDU-Politiker Tim Richter (Stellvertretender Bezirksbürgermeister Steglitz-Zehlendorf) berichtete, was ein großflächiger Stromausfall in der Praxis bedeutet. Uwe Nerger (Brigadegeneral a.D.) ordnete das Thema aus Sicht der Bundeswehr ein: Resilienz auf allen Ebenen ist eine entscheidende Voraussetzung für Handlungsfähigkeit im Krisenfall.
Der GdW erarbeitet gegenwärtig gemeinsam mit den Regionalverbänden Empfehlungen für Wohnungsunternehmen, von Notfall- und Krisenplänen bis zur Mieterkommunikation vor, während und nach der Krise.
Die Bauministerin vor Ort und Preise für positive Signale
Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) übernahm die Schirmherrschaft für den Deutschen Bauherrenpreis 2026 und war persönlich vor Ort. Seit 1986 würdigt der Preis Projekte, die hohe architektonische Qualität und bezahlbare Kosten verbinden. Hubertz versicherte, den Preis trotz schwieriger Haushaltslage weiter zu unterstützen – und machte damit deutlich, dass nachhaltiges und bezahlbares Bauen auch in der Politik Priorität hat.
Beim DW-Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft 2026 führte Iris Jachertz ("DW Die Wohnungswirtschaft") gemeinsam mit Carsten Wiese (Aareon), Axel Gedaschko (GdW) und der Juryvorsitzenden Elisabeth Endres durch die Preisverleihung.
Vier Projekte überzeugten: energetische Sanierung mit Erdwärme und Photovoltaik in Lippstadt, ein smartes Quartier mit digitaler Infrastruktur und Telemedizin in Jena-Lobeda, generationenübergreifendes Wohnen unter einem Dach in Tübingen sowie genossenschaftliches Mitbauen in München. Was alle vier verbindet: Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit und ein konkreter Mehrwert für die Menschen vor Ort.
Der Wohnzukunftstag 2026 war keine Veranstaltung der einfachen Antworten. Aber er stellte die richtigen Fragen zur richtigen Zeit.
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