Nachverdichtung in den Städten: Chancen und Herausforderungen

Mit Blick auf den steigenden Wohnraumbedarf wird vor allem in den wachsenden Städten nachverdichtet. Brachflächenrecycling, Baulückenschluss und Aufstockung sind bereits gelebte Praxis und integrierte Stadtentwicklungskonzepte gefragter denn je. Auf der Expo Real darf das Thema darum nicht fehlen.

Bauland wird immer knapper und ist ein wesentlicher Kostentreiber von Wohnbauprojekten. Nachverdichtung bietet sich an, um Bestandsflächen optimal zu nutzen und weitere Flächenversiegelungen im Außenbereich zu vermeiden.

Nachverdichtung: Beitrag zur nachhaltigen Siedlungsflächenentwicklung

Weitere Vorteile liegen auf der Hand: Höhere Siedlungsdichten mit kompakten Siedlungsstrukturen sind hinsichtlich Energieverbrauch, Mobilitätsaufwand und Materialströmen ressourcenschonender als niedrige Siedlungsdichten durch disperse Siedlungsstrukturen. Vorhandene Infrastrukturen können besser ausgelastet werden.

Versorgungseinrichtungen, kulturelle Angebote und Bildungsangebote sind für mehr Menschen zugänglich. Der öffentliche Verkehr kann effizient organisiert werden. Außerdem sind Erschließungs- und Folgekosten im Vergleich zu Neubauvorhaben im Außenbereich vergleichsweise niedrig. Städtebauliche Nachverdichtung leistet demnach einen großen Beitrag zur Innenentwicklung und birgt mit Blick auf den Flächenverbrauch viel Potenzial für eine klimaverträgliche Stadtentwicklung.

Zielkonflikt: Höhere bauliche Dichte versus urbane Grün- und Freiflächen

Gleichwohl ist Nachverdichtung längst nicht mehr nur eine Frage von Städtebau und Architektur. Das Thema ist facettenreich. Der Zielkonflikt zwischen der Realisierung höherer baulicher Dichten auf der einen und der Sicherung von urbanen Grün- und Freiflächen auf der anderen Seite ist unvermeidlich. Klimaschutz und Klimaanpassung dürfen auch oder insbesondere in Ballungsräumen nicht auf der Strecke bleiben.

"Städte sind für 50 Prozent des Abfalls und 80 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich und nehmen 75 Prozent aller natürlichen Ressourcen in Anspruch." Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie 2016 der Bundesregierung (Auszug)

Neben der grundlegenden Notwendigkeit klimaschützender Maßnahmen sind für hochverdichtete Räume zunehmend auch Veränderungen des Mikroklimas erheblich: Die bebaute Stadt muss mit Extremwetterereignissen wie Starkregen, extremer Hitze und Trockenheit umgehen können. Dafür bedarf es Grün- und Freiflächen, die zu einer stärkeren Resilienz der Städte beitragen.

"Sofern für Nachverdichtungsprojekte Bebauungspläne aufgestellt werden, erfolgt gemäß den planungsrechtlichen Vorgaben eine Prüfung klimatischer Belange. Auf dieser Grundlage ist es möglich, durch planungsrechtliche Festsetzungen (…) negative lokale Klimafolgen zu vermeiden", heißt es im Gutachten "Städtebauliche Nachverdichtung im Klimawandel" des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) aus dem Jahr 2014.

"Diese Möglichkeiten werden aber in der Planungspraxis nur selten genutzt. Nachverdichtungsprojekte im Bestand werden häufig nach § 34 BauGB genehmigt, wobei keine Prüfung klimatischer Folgen erfolgt." BBSR-Gutachten "Städtebauliche Nachverdichtung im Klimawandel", 2014 (Auszug)

Vielfalt und Vitalität – oder Stress?

Dichte gilt auch als Voraussetzung für urbane Vielfalt. Das Innovationspotenzial steigt mit zunehmender Bevölkerungsdichte, da diese zu mehr menschlichen Interaktionen führt. Doch urbane Dichte bedeutet nicht nur Vitalität und Produktivität. Es kommt vermehrt zu Gesundheitsbeeinträchtigung aufgrund von Schadstoffemissionen und Lärm. Außerdem erzeugt Dichte auch Stress.

Zum Beispiel dann, wenn Infrastrukturen wie Busse und Bahnen, Straßen und öffentliche Einrichtungen permanent überlastet sind oder die Nutzungskonflikte in den verbleibenden öffentlichen Räumen zunehmen. "Wenn Städtebau zur Gesundheitsfrage wird“ titelte die Süddeutsche Zeitung vor knapp zwei Jahren. Mit Blick auf die wachsenden Städte ist zu fragen, wie sich die zunehmende Dichte in den Städten auf das Stresslevel der Menschen und Stress bedingte Erkrankungen auswirkt. Überdies wird Dichte recht unterschiedlich empfunden. Hier kommen subjektive, aber auch soziale und kulturelle Faktoren zum Tragen. Was sich für die Einen schon zu eng und zu voll anfühlt, birgt für die Anderen durchaus noch Platz für weitere Nutzungen.

Die Interessen der ansässigen Bevölkerung spielen somit auch eine Rolle für weiteres Bauen in der Stadt, wie es im BBSR-Gutachen zur Nachverdichtung von 2014 heißt. So bestehe häufig die Sorge, dass zusätzliche Verkehrs- und Lärmbelastungen die Lebensqualität beeinträchtigen, Freiräume reduziert und Gentrifizierungsprozesse verstärkt werden oder dass das (historische) Stadtbild verändert wird.

"Durch eine frühzeitige Information und Beteiligung der Menschen kann die Akzeptanz mitunter verbessert werden." BBSR-Gutachten "Städtebauliche Nachverdichtung im Klimawandel", 2014 (Auszug)

Doppelte Innenentwicklung – Schnittstelle zwischen Städtebau, Freiraumplanung, Natur- und Klimaschutz

In Anbetracht bestehender Konfliktfelder wird in der bundespolitischen Diskussion sowie auf kommunaler Ebene zunehmend über das "richtige" Maß und den angemessenen Umgang mit baulicher Dichte diskutiert. Die Sicherung gesunder Lebensverhältnisse in dicht bebauten Städten gehört zu den großen Herausforderungen einer doppelten Innenentwicklung.

Wenn Stadtquartiere durch Baulückenschluss, Anbauten und Aufstockungen nachverdichtet werden, ist gleichzeitig die weitere Qualifizierung von Grünräumen zu sichern. Insbesondere wohnungsbezogenes Grün wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus (Staubbindung, Kühlung, Wohlbefinden, Bewegung, soziale Kontakte), heißt es im Grünbuch Stadtgrün des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) von 2015.

"Auch wenn der Wohnraumbedarf enorm ist, so sind Frischluftschneisen, ökologische Nischen sowie Erholungs-, Spiel- und Sportflächen in der dichten Stadt unabdingbar." Grünbuch Stadtgrün, BMUB 2015 (Auszug)

Wenn es also letztendlich gelingt, durch eine doppelte Innenentwicklung Mehrwerte für die ansässige Bevölkerung zu schaffen, kann auch eine breitere Akzeptanz in der Bevölkerung hinsichtlich weiterer Bauvorhaben erzeugt werden.

Die Qualifizierung bestehender Grünräume sowie die Etablierung von Dach- und Fassadengrün sind wesentliche Bestandteile einer lebenswerten, dichten Stadt. Derartige Qualitätsstandards werden jedoch oftmals als Hindernis und Kostentreiber für Bauvorhaben angesehen. Insbesondere vor dem gegenwärtigen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum, zeichnet sich hier ein weiterer Zielkonflikt ab.

Ziel: Integrierte Stadtentwicklungskonzepte und vorausschauende Bodenpolitik

Es bleibt zu resümieren, dass städtebauliche Nachverdichtung vielschichtig ist. In der Planungspraxis sind, mit Blick auf die Siedlungsflächenentwicklung vor Ort, all diese Aspekte in den Blick zu nehmen und abzuwägen. Für die Zukunft ist die Frage wesentlich, wie höhere Dichten in der Stadt adäquat kompensiert werden können, um städtische Lebensräume attraktiv, gesund und klimaoptimiert zu gestalten. Nachverdichtung und die Weiterentwicklung der grünen Infrastruktur müssen Hand in Hand gehen. Ebenso müssen die Kapazitäten technischer und sozialer Infrastrukturen überprüft und gegebenfalls angepasst werden.

Dementsprechend bedarf es einer gesamtstädtischen, strategischen Koordinierung sowie einer integrierten Planung. Integrierte Stadtentwicklungskonzepte können sowohl die bebaubaren Flächenpotenziale einer Stadt darstellen, als auch die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung sowie Grün- und Freiflächen berücksichtigen, so dass aufgezeigt werden kann, welche Möglichkeiten und Grenzen hier im Zusammenspiel bestehen. Und letztendlich ist eine vorausschauende Bodenpolitik gefragt, um mit den vorhandenen Potenzialen verantwortungsbewusst umzugehen.

Veranstaltungstipps zum Thema:

Noch ganz dicht? Städtische Verdichtung als Chance und Problem

8. Oktober 2019

15:00 - 15:50 Uhr

Halle C2, Stand 320

Moderator: Arnold Voss, Office for the Art of Planning OfAP

Teilnehmer: Dr. Marion Klemme, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Franz-Josef Höing, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Freie und Hansestadt Hamburg, Hermann Brandstetter, Schörghuber Unternehmensgruppe, Sandra Wehrmann, Degewo AG


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Schlagworte zum Thema:  Expo Real, Nachverdichtung