Stadtentwicklung der Superlative: "The Line" in Saudi-Arabien

Der saudische Kronprinz will noch in diesem Frühjahr mit dem Bau einer Stadt der Superlative beginnen. Sie soll ohne Straßen und ohne CO2-Emissionen entstehen, Urbanität auf kurzen Wegen ermöglichen und dem Staat perspektivisch sogar Geld in die Kasse spülen. Schöne neue Welt?

Genau genommen soll es eine Stadt der Nullen werden, die Saudi-Arabien am Roten Meer plant: Null Autos, null Straßen, null Emissionen – aber dafür maximale Lebensqualität für eine Million Menschen, die nicht zu Lasten anderer Menschen und der Umwelt geht. Was wie eine gigantische Utopie klingt, ist zumindest in den Augen von Initiator Kronprinz Mohammed bin Salman ein handfester realistischer Plan. „The Line“ ist Teil seines mehrere hundert Milliarden Dollar schweren Zukunftsprojekts NEOM, einer Vision von Städten, Häfen, Wirtschaft und Forschungseinrichtungen am Roten Meer, die allesamt ohne CO2-Emissionen und ohne Erdöl entstehen und funktionieren. Der Bau von „The Line“ soll noch im ersten Quartal dieses Jahres beginnen.

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So fassen die Projektverantwortlichen "The Line" zusammen

Konkret plant der Kronprinz eine Millionenstadt mit mehreren Zentren entlang einer Linie – daher der Name des Projekts. Diese Zentren verbindet ausschließlich eine unterirdische Verkehrs- und Strominfrastruktur, und zwar auf einer Länge von 170 Kilometern. Durch diese Röhren fahren Hochgeschwindigkeits-U-Bahnen und selbstfahrende Autos – so schnell, dass „keine Fahrt länger als 20 Minuten dauern wird“, wie die Projektverantwortlichen ankündigen. Sollte das bedeuten, dass man vom einen Ende der Stadt zum anderen gerade einmal 20 Minuten braucht, müssten Bahnen und autonome Autos mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 500 Kilometern pro Stunde unterwegs sein, Zwischenhalte nicht mit eingerechnet.

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Der Verkehr soll unter die Erde verbannt werden – auf die Ebene, die die Planer als "Wirbelsäule" des Projekts bezeichnen

Der überirdische Platz soll Fußgängern und Radfahrern vorbehalten bleiben, Parks, Schulen, Einrichtungen für die Gesundheitsversorgung. Straßen soll es in der Retortenstadt nicht geben. Auch hier gilt das Prinzip der kurzen Wege: Dank einer intelligenten Organisation sollen die Bewohner alles Alltägliche innerhalb von fünf Minuten erledigen können. Damit orientiert sich „The Line“ an der stadtplanerischen Idee einer „15-Minuten-Stadt“, wie es sich etwa Paris auf die Fahnen geschrieben hat. Ähnliche Vorhaben gibt es auch in Paris und Melbourne, nirgends indes so radikal gedacht wie in Saudi-Arabien.

Versorgungsleitungen sollen ebenfalls in das unterirdische System integriert und so in ihrer Organisation möglichst geräuschlos und umweltfreundlich bleiben. Selbstredend, dass der Bezug von Energie ausschließlich aus erneuerbaren Quellen erfolgen soll – Solar, Wind und Wasserkraft. Jede der einzelnen Siedlung entlang „The Line“ funktioniere energieautark, heißt es. Dank der sauberen Energie soll es darüber hinaus möglich sein, Produktionsstätten konfliktfrei neben Wohnbebauung zu ermöglichen.

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380.000 Jobs sollen der Vision des Kronprinzen zufolge in "The Line" angesiedelt werden

Künstliche Intelligenz: Basis der Smart City

Schlüssel zu dieser schönen neuen Welt wird der umfassende Einsatz Künstlicher Intelligenz. Etwa 90 Prozent erhobener Daten sollten genutzt werden, um in einem fortwährenden Prozess die Infrastruktur zu verbessern und auf das Alltagsleben der Menschen abzustimmen, erklärt das Projektmanagement. Das sei ein Vielfaches von dem, was sonst an erhobenen Daten analysiert und weiterverwendet wird.

Der Kronprinz veranschlagt die Kosten für „The Line“ auf etwa 200 Milliarden Dollar, die für NEOM in seiner Gänze auf etwa 500 Milliarden Dollar. Er hat vorgerechnet, dass sich zumindest die Kosten für „The Line“ innerhalb weniger Jahre amortisieren und das Projekt vielmehr zum Wachstum des Landes beitragen würden: 380.000 Arbeitsplätze sollen bis 2030 entstehen und einen Beitrag von umgerechnet 48 Milliarden Dollar zum Bruttoinlandsprodukt leisten.

Stadtplaner: Enorme soziologische Herausforderungen 

Was in den Hochglanzbroschüren und Videos freilich nicht vorkommt: Für die schöne, neue Welt müssen Siedlungen und ihre Bewohner weichen. Menschenrechtler warnen darüber hinaus vor Investitionen in das Projekt und verweisen auf die menschenrechtliche Situation und die allgemeinen politischen Zustände in Saudi-Arabien sowie den seit Jahren andauernden Krieg im Jemen, in dem die Nachbarn kräftig mitmischten.

Abseits dieser politischen Dimension weist der Stadtplaner Dirk Wittowsky auf stadtsoziologische Fragestellungen hin, die sich aus der Projektplanung ergeben würden: Technisch und planerisch sei „The Line“ durchaus ein realistisches Projekt, sagt der Professor für Mobilitäts- und Stadtplanung an der Universität Duisburg-Essen und verweist auf die immensen Investitionsgelder, die bereit stünden. Ähnliche Pläne verfolge schließlich auch Toyota mit seiner „verflochtenen Stadt“ in Japan – allerdings in weit kleinerem Maßstab. Datenschutzrechtliche Aspekte würden zudem in Saudi-Arabien mutmaßlich eine weniger gewichtige Rolle spielen als hierzulande.

„Aber man muss sich natürlich auch überlegen: Welche Menschen sollen dort leben – und wie wollen sie leben?“, gibt Wittowsky zu Bedenken. Grundsätzlich müssten die Bewohner dazu befähigt werden, die smarten Technologien nutzen und überblicken zu können, also auch kompetent sein. Er stellt indes vor allem den Top-Down-Ansatz des Vorhabens in Frage. „Eine Stadt ist ein hoch komplexes System, von den sie durchziehenden Adern bis hin zu Stresssituationen auf verschiedenen Niveaus.“ Entsprechend schwierig sei es, Urbanität auf dem Reißbrett festzulegen. „Nur wenn die in diesem System lebenden Menschen es mitgestalten können, kann sich eine Stadt zu einem langfristig lebenden Gefüge entwickeln“, sagt Wittowsky. 


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