Smart City Fujisawa: vernetzt und überwacht

Mit Fujisawa ist in Japan eine Smart City der Superlative entstanden. Hinter dem ehrgeizigen Projekt steht der Panasonic-Konzern. Der Preis, den die Bewohner für das optimierte Leben zahlen, ist hoch: Sie lassen sich komplett überwachen. In Deutschland mag das futuristisch klingen – doch ist es das?

Öko und smart, damit lässt sich die Grundidee hinter der auf dem Reißbrett entstandenen Stadt kurz und knapp zusammenfassen: In Fujisawa in der Nähe der japanischen Hauptstadt Tokio sollen die Bewohner im Zuge einer vollständig internetbasierten Vernetzung untereinander, mit der Verwaltung sowie dem Konzern Panasonic Ressourcen sparen und so städtisches Leben optimieren.

Das Konzept umfasst sämtliche Lebensbereiche von Energie über Mobilität, Gemeinschaft, Gesundheit und soziale Interaktion. Auf dem früheren, 19 Hektar großen Gelände sind bisher mehrere hundert Häuser für etwa 1.500 Einwohner entstanden – und damit eine Art Versuchslabor für eine "Stadt", in das Panasonic einen Millionenbetrag in mittlerer dreistelliger Höhe investiert hat. 2022 soll die Fujisawa Sustainable Smart Town (SST) mit 1.000 Häusern komplettiert sein.

Panasonic weiß stets, wer wie lang bei welcher Temperatur duscht

Durch optimal vernetzte Technologien will Panasonic CO2, Wasser und Strom signifikant einsparen. Die Innovationen reichen von Asphalt, der Wärme speichern kann, bis hin zu einer nahezu autarken Stromversorgung dank Solarpanelen, wandelbaren Stadtmöbeln und Straßenbeleuchtung, die sich nur beim Annähern eines Menschen einschaltet. Möglich werden solche technologischen Finessen durch einen immensen "Datenschatz", den die Bewohner selbst permanent nähren: Panasonic weiß beispielsweise stets, wer wie lang bei welcher Temperatur duscht und wie dieses Verhalten vom Durchschnittsverbrauch in der Stadt abweicht.

Auch die Bewohner selbst können ihren Ressourcenverbrauch in Echtzeit zu Hause verfolgen. Wer wann wo etwas einkauft, an einem Yogakurs teilnimmt, ob er dahin mit dem E-Bike und in welcher Geschwindigkeit kommt – in der von einer Bildschirmwand dominierten Zentrale laufen alle erdenkbaren Daten zusammen. Fujisawa  wird ohne Zaun und Mauern bewacht.

 Central Park Fujisawa
Wo sich Bürgerzentrum und Carsharing befinden, gibt es auch den Central Park, in dem etwa Events stattfinden

Sicherheit spielt eine große Rolle

Unter den Einwohnern, die sich für einen Umzug nach Fujisawa entschieden haben, befinden sich viele Ältere, die beispielsweise aufgeschreckt durch die Fukushima-Katastrophe aus den Metropolen geflohen sind und ihren Ruhestand in Sicherheit verbringen wollen. Schutzräume und -zelte für den Fall eines Erdbebens bilden neben Prinzipien des Umwelt- und Ressourcenschutzes eine wichtige Säule des stadträumlichen Konzepts. Dazu kommt: Die Bevölkerung in Japan altert rasant.

Panasonic zufolge leben derzeit knapp 100 Menschen, die älter als 70 sind, in den Einfamilienhäusern, mehr als 200 dieser Altersklasse in Einrichtungen wie betreutem Wohnen und in Seniorenwohnanlagen. Sie profitieren etwa von einem "Wellness Square" mit Apotheken und ärztlicher Versorgung. Ein öffentlicher Bereich, der gezielt den Mehrgenerationenaustausch fördern soll, gehört auch zum Angebot. Darüber hinaus strebt Panasonic an, die medizinische Versorgung zu erweitern: Menschen, die aus dem Krankenhaus oder der ärztlichen Behandlung entlassen werden, sollen in den eigenen vier Wänden weiter so umsorgt werden, wie sie es sich wünschen. Möglich wird dies durch zentrale Schnittstellen, an denen die verschiedenen Daten des einzelnen Patienten zusammenlaufen und dauerhaft überwacht und ausgewertet werden. Im Haus erfassen Sensoren, Kameras und intelligente Klimaanlagen das Verhalten der älteren Bewohner, bei Abweichungen von normalen Abläufen können Pfleger und Ärzte so schnell reagieren.

Herausforderung demografischer Wandel

Für Ohren und Augen hierzulande mögen solche Ansätze futuristisch klingen – doch sind sie es? Fujisawa fußt zum großen Teil auf Daten, die längst vorliegen und lediglich vernetzt und genutzt werden müssen. Auch Deutschland befindet sich mitten im demografischen Wandel; das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass bis 2040 mehr als 21 Millionen Deutsche mindestens 67 Jahre alt sein werden.

Die bisherige Zurückhaltung bei der Auswertung von Daten im internationalen Vergleich führen Branchenbeobachter unter anderem auf den strengen Datenschutz in Deutschland zurück, verbunden mit einer restriktiven Grundeinstellung in der Gesellschaft. Persönliche Daten, vom Kühlschrankinhalt bis zum eingeschalteten Fernsehprogramm – hierzulande ist die Bereitschaft zur Preisgabe solcher Details weitaus weniger ausgeprägt als in Ländern wie Japan oder Schweden, wo sich Familien für Feldversuche zur Energieoptimierung bereitwillig und öffentlich über längere Zeiträume durchleuchten lassen.

Future Living Berlin
Das Projekt "Future Living Berlin": Die GSW Sigmaringen testet damit ein Zukunftsmodell für vernetzte Stadtquartiere

"Future Living" in Berlin: Alter und Teilhabe

Die deutsche Wohnungswirtschaft hat längst begonnen, der Herausforderung der demografischen Entwicklung mit Möglichkeiten neuer Technologien und der Digitalisierung zu begegnen. Dabei machten vor allem Unternehmen und Genossenschaften abseits der Metropolen mit Modellprojekten von sich reden – es sind Regionen, in denen der Anteil älterer Menschen besonders rasch steigt.

Die Westsächsische Wohn- und Baugenossenschaft Zwickau und die sächsische Wohnungsbaugenossenschaft Burgstädt etwa haben bei der Erprobung technischer Assistenzsysteme mit Hochschulen kooperiert. Inzwischen sind auch Modellprojekte und konkrete Vorhaben angelaufen, die weiter in Quartier und Stadt wirken wollen – mit einer ähnlichen Stoßrichtung wie Fujisawa.

In Berlin entsteht derzeit mit dem "Future Living" eine neue Siedlung, die Überlegungen von Alter und Teilhabe von vornherein in die räumliche und technische Konzeption einbezieht. Neben smarten Technologien in den Wohnungen selbst zeichne sich etwa der zwischen den Gebäuden aufgetragene Luwadur-Bodenbelag genauso durch seine umwelt- und klimaschonende Wasserdurchlässigkeit aus wie durch das barrierefreie Begehen, erklärt die Bereichsleiterin Smart Home/AAL bei der GSW Baden-Württemberg, Birgid Eberhardt. Das Unternehmen steht hinter dem Berliner Projekt. Auch die Mülltonnen seien niedrigschwellig zugänglich.

Eine weitreichende Überwachung mit Bildschirmen und Sensoren im weiteren Umfeld wie in Fujisawa hält Eberhardt in Deutschland für kaum denkbar. "Rein rechtlich ginge das schon wegen der Zuständigkeiten nicht", sagt sie. Den öffentlichen Raum verantworte die Kommune. Außerdem seien mit der Datenschutzgrundverordnung rechtlich strenge Grenzen gesetzt, sagt Eberhardt, die auch für die Datennutzungen in der Berliner Siedlung eng mit Anwälten und Datenschützern zusammenarbeitet.

Projekt "Urban Life+": Mensch-Technik-Interaktion (MTI) in Mönchengladbach

Die Stadt Mönchengladbach untersucht derweil mit Projektpartnern auch aus der Privatwirtschaft, wie sich ältere Bewohner sicher im Stadtraum bewegen können. Dazu sollen städtebauliche Objekte mithilfe innovativer Ansätze der Mensch-Technik-Interaktion (MTI) in smarte städtebauliche Objekte transformiert werden, die Senioren bedarfsgerecht technisch unterstützen. Es geht um Straßenlampen, die ihre Helligkeit dem Sehvermögen der Passanten anpassen, Gehwege, die Fußgänger mit Handicap sicher an Gefahrenstellen vorbeileiten, oder Systeme, die ihre Benutzer bei Schwäche- oder Schwindelanfällen zur nächsten freien Sitzmöglichkeit führen. Das Projekt "Urban Life+" läuft bis 2020 und wird vom Bundesforschungsministerium gefördert.

Mit Blick auf die Initiativen von Panasonic in Japan rät der Wissenschaftler Jens Libbe vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) bei solchen Kooperationen zwischen Kommunen und Privatwirtschaft dringend zu einem Verhandeln auf Augenhöhe. Die öffentliche Hand müsse im Interesse der Bürger den Zugriff auf Daten wahren und dürfe sich nicht in die Abhängigkeit von Unternehmen bringen, sagt Libbe: "Sonst würde sie auch jegliche politische Steuerung abgeben, langfristig orientierte Ziele wie das Gemeinwohl würden zur untergeordneten Rolle werden"


Der vollständige Artikel erschien im Magazin "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 10/2019.


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