Zahl der Baugenehmigungen sinkt weiter

Im ersten Quartal 2019 wurden laut Statistischem Bundesamt bundesweit weniger neue Wohnungen genehmigt als von Januar bis März 2018. Am deutlichsten betraf das die Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. Die Wohnungswirtschaft zeigt sich alarmiert.

Insgesamt gingen die Baugenehmigungszahlen in den ersten drei Monaten 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,8 Prozent auf 75.600 Wohnungen zurück, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) errechnet hat. Bei Neubauwohnungen belief sich der Rückgang auf 3,4 Prozent. Genehmigt wurden demnach in diesem Zeitraum 65.700 Wohnungen und damit 2.300 Einheiten weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Vor allem die aktuell deutlich rückläufige Zahl der genehmigten Mehrfamilienhäuser (minus 4,4 Prozent) und Zweifamilienhäuser (minus vier Prozent) ist für die Wohnungswirtschaft sowie die Immobilienwirtschaft Anlass zur Sorge.

BFW: Fatale Folge einer verfehlten Wohnungspolitik

Der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) sieht die Schuld bei einer verfehlten Wohnungspolitik von Bund, Ländern und Kommunen.

"Mit ihrem falschen Fokus auf das Mietrecht läuft die Bundesregierung aber weiter in eine Sackgasse, statt umzudrehen und Kurs auf mehr Neubau zu nehmen. So werden die Schlangen vor den Wohnungsbesichtigungen auch künftig nicht kürzer." BFW-Präsident Andreas Ibel

Eine Trendwende beim Neubau sei nicht absehbar, warnte Ibel und verwies auf den jüngsten Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums, der eine weitere Verschärfung und Verlängerung der Mietpreisbremse vorsieht. In einer Umfrage des BFW unter den mittelständischen Mitgliedsunternehmen gaben knapp 70 Prozent der Befragten an, dass sich die Rahmenbedingungen für den Neubau im vergangenen Jahr weiter verschlechtert hätten.

"Was wir jetzt brauchen, ist der unbedingte politische Fokus auf den Neubau statt auf das Mietrecht, mehr Pragmatismus statt Ideologie, und mehr Miteinander statt Gegeneinander." BFW-Präsident Andreas Ibel

Mehr Einfamilienhäuser genehmigt: Mietwohnungsmarkt wird so nicht entlastet

Trotz der Wohnungsknappheit in den deutschen Großstädten und Ballungsgebieten sind im ersten Quartal dieses Jahres dem Statistischen Bundesamt zufolge lediglich die Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser (plus 2,3 Prozent) gestiegen. Doch Mangel herrscht insbesondere an Mehrfamilienhäusern, vor allem in den Großstädten. Ohne eine ausreichende Bautätigkeit in diesem Segment wird sich auch nach Aussagen der Bauindustrie der Mietwohnungsmarkt in den Ballungszentren nicht wieder entspannen.

"Den Wohnungsbau kurbelt man nicht an, indem man ständig über Enteignung und das Einfrieren der Mieten diskutiert. Hiermit erreicht man nur das Gegenteil: Die Investoren ziehen sich zurück." Dieter Babiel, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie

Babiel mahnte an, dass "jetzt endlich die wirklichen Probleme", wie fehlendes Bauland, die unterschiedlichen Landesbauordnungen, die Grundstücksspekulation und die Blockade der Sonderabschreibung, angegangen werden müssten.

GdW: Zu wenig Bauland, "Bau-Pipeline ist verstopft"

Für den Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW sind die rückläufigen Baugenehmigungszahlen ein Alarmsignal für die Zukunft des bezahlbaren Wohnens.

"Die Bau-Pipeline ist verstopft. Die Gründe: Zu wenig Bauland, zu wenig Mitarbeiter in den Behörden, zu wenig Kapazitäten in den Baufirmen und vielfach abschreckend hohe Preise für Bauland und Bauleistungen, sodass an der Zielgruppe vorbei gebaut wird." GdW-Präsident Axel Gedaschko

Die Lösungen für mehr und bezahlbare Wohnungen liegen Gedaschko zufolge "auf dem Tisch":

  • das Planungs- und Baubeschleunigungsgesetz müsste zügig kommen,
  • steuerliche Verbesserungen für den Wohnungsbau wären gefragt,
  • eine aktive Liegenschafts- und Bodenpolitik der Städte und Kommunen sowie interkommunale Lösungen und Stadt-Umland-Kooperationen seien wünschenswert,
  • die Kommunen sollten Grundstücke grundsätzlich nach dem Gebot der Konzeptvergabe und nicht nach Höchstgebot abgeben,
  • die Genehmigungskapazitäten in den Ämtern müssten erhöht und
  • die Ergebnisse der Baukostensenkungskommission umgesetzt werden.

Potenzial im seriellen Bauen

Es liege an der Politik, die Bedingungen für eine schnellere bundesweite Realisierung der innovativen Wohnungsbaukonzepte zu schaffen, etwa für eine vereinfachte und beschleunigte Grundstücksvergabe sowie eine einheitliche Typenbaugenehmigung, meinte Gedaschko. Nur so könne etwa das serielle und modulare Bauen einen wirksamen Beitrag dazu leisten, die Zahl der Wohnungsfertigstellungen und das Angebot an bezahlbarem Wohnraum in möglichst kurzer Zeit zu erhöhen.

"Die Politik vergeudet hier wertvolle Zeit." Dr. Andreas Mattner, Präsident des ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss

Um die Planungsprozesse zu beschleunigen und das serielle Bauen zu fördern, wäre zudem die Einführung einer digitalen Bauakte, die Einführung einer Muster-Hochhausrichtlinie oder die Harmonisierung der 16 unterschiedlichen Landesbauordnungen hilfreich.

IVD: Mehrwertsteuer und Grunderwerbsteuer senken

Die Nachfrage nach günstigem Wohnraum lasse sich nur befriedigen, wenn wieder mehr und preisgünstiger gebaut werde, sagte Jürgen Michael Schick, Präsident des Immobilienverbandes IVD.

"Bund, Länder und Kommunen zählen jedoch zu den größten Kostentreibern und Bauverhinderern. Sie sollten erwägen, die beim Wohnungsneubau fällige Mehrwertsteuer und die Grunderwerbsteuer zu senken." Jürgen Michael Schick, Präsident des Immobilienverbandes IVD.

Die Steuerbelastung von Wohnungsneubau sei erheblich, so Schick. Die Bauleistungen seien nach dem normalen Steuersatz von 19 Prozent mehrwertsteuerpflichtig. Dazu komme die Grunderwerbsteuer, die je nach Bundesland zwischen 3,5 Prozent und 6,5 Prozent des Grundstückspreises betrage. Häufig werde die Grunderwerbsteuer sogar zweimal fällig, beim Erwerb des Grundstücks durch den Projektentwickler und beim Verkauf an den Eigentümer. Insgesamt könne die kumulative Steuerbelastung beim Wohnungsneubau auf über 20 Prozent steigen.

"Ausreißer" Thüringen: Mehr Wohnungen in Mehrfamilienhäusern genehmigt

Die Forderungen der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft sind nicht neu, bereits nach den Bundestagswahlen 2019 und während der langwierigen Regierungsbildung hatten die Verbände die Politik gedrängt, Maßnahmen für den bezahlbaren Wohnungsbau in die Wege zu leiten. Ein Ergebnis dieser Bemühungen war beispielsweise der Wohngipfel 2018.

Ein konträres Bild zur Entwicklung auf Bundesebene bietet Thüringen: Hier wurden im ersten Quartal 2019 im Vergleich zum ersten Quartal 2018 nach Angaben des Statistischen Landesamts 45,2 Prozent mehr Baugenehmigungen (knapp 1.500 neue Wohnungen) erteilt. Und während sich die Zahl der Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern um 2,8 Prozent verringerte, verdoppelten sich in Thüringen die genehmigten Wohnungen in Mehrfamilienhäusern.

Hochburg des Wohnungsbaus ist nach den Zahlen der Statistiker Erfurt mit mehr als 600 neuen Wohnungen in diesem Zeitraum. Die Landeshauptstadt verzeichnet derzeit einen Bevölkerungszuwachs.


Das könnte Sie auch interessieren:

Studie: Es wird zu wenig und zu teuer gebaut

Serielles und modulares Bauen: Das plant der Bund

Schlagworte zum Thema:  Baugenehmigung