Wohnquartiere am Limit: Corona schürt vorhandene Konflikte

Konflikte unter Nachbarn in sozial belasteten Wohnvierteln könnten sich durch die Corona-Situation verschärfen – ein "Weiter-so-wie-bisher" dürfe es nicht geben, warnt GdW-Chef Axel Gedaschko. Eine Studie im Auftrag des Verbands zeigt, wie friedliches Zusammenleben in den Quartieren klappen könnte.

In Folge gesellschaftlicher Unterschiede sei es schon vor der Krise in sozial benachteiligten Wohnquartieren zu einem Anstieg von Gewalt, Ruhestörungen und Missachtungen der Hausordnung gekommen, hinzu kämen interkulturelle und Generationenkonflikte, sagte Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft GdW, anlässlich des Verbandstages in Berlin.

Die Corona-Pandemie stelle die soziale Stabilität von Wohnvierteln noch mehr auf die Probe und wirke wie ein Katalysator, so Gedaschko. "In belasteten Quartieren drohen sich die sozialen Probleme weiter zu verschärfen, in wenig belasteten Quartieren verstärken sich die sozialen Netzwerke infolge der Ausnahmesituation." Unter anderem mit den Teil-Lockdowns wegen der Corona-Pandemie haben auch soziale Spannungen innerhalb von Familien und in den Vierteln zugenommen, wie die GdW-Unternehmen berichten.

Corona-Krise: Forderung nach Kompetenzzentrum "Zusammenleben im Quartier" wird lauter

"Was wir für ein friedliches Miteinander in den Wohnvierteln zuallererst brauchen, ist politischer Wille", sagte Gedaschko. Im Hinblick auf die Corona-Krise müssten Lösungen auch für Wohnviertel abseits der Zentren und Einkaufsstraßen geschaffen werden. Ganz konkret denkt der GdW-Chef – wie vom Verband schon im Vorjahr gefordert – an ein bundesweites Kompetenzzentrum "Zusammenleben im Quartier", das durch Bundesmittel gefördert werden soll. Ergänzend sollte ein Innovationsprogramm aufgelegt werden, mit dem Forschungs- und Modellprojekte zur Stärkung des Zusammenlebens und der Teilhabe im Quartier finanziert werden können.

Damit könnte laut GdW ein Grundstein für eine Intensivierung der Quartiersarbeit gelegt werden, was ein entscheidender Schritt für den weiteren Ausbau des Engagements vor allem der sozialverantwortlichen Wohnungsunternehmen für ein stabiles Wohnumfeld sein könnte.

Stabile Quartiere setzen ein strategisches und langfristig finanziertes Quartiersmanagement mit festen Orten und Sprechzeiten von "Kümmerern" voraus, so Gedaschko. Dafür sei auch eine verstärkte Vernetzung und Kooperation aller Akteure aus Kommunen, Wohnungswirtschaft und sozialen Trägern notwendig. Nicht zuletzt gelte es, die Quartiersbewohner mithilfe von Begegnungsräumen im Quartier, wie Nachbarschaftstreffs und öffentliche Veranstaltungen, für gemeinsame Aktivitäten zu mobilisieren. Wie stark die Corona-Krise die Belastung in den Quartieren verstärken wird, hänge davon ab, ob ein funktionierendes Quartiersmanagement bereits vorhanden ist und wie stabil die Nachbarschaft bereits ist.

Handlungsempfehlungen dafür, wie das gehen kann, zeigt die Vertiefungsstudie "Herausforderung: Zusammenleben im Quartier", die von der Minor Wissenschaftsgesellschaft im Auftrag des GdW erstellt wurde. Sie will allen Akteuren Handlungsempfehlungen an die Hand geben und ist die Fortsetzung einer Umfrage von 2018, die im November 2019 veröffentlicht worden war.

GdW-Studie 2019: Situation in fast jedem zweiten Wohnquartier verschlechtert

Dass an erster Stelle der Konfliktgründe im Quartier die soziale Situation der Mieter steht, hat bereits die entsprechende Umfrage unter den GdW-Wohnungsunternehmen aus dem Vorjahr gezeigt. Die Mitarbeiter der Unternehmen berichteten von zunehmender Gewalt ihnen persönlich gegenüber, auch von tätlichen Angriffen. Insgesamt habe sich in den vergangenen fünf Jahren die Situation mit Blick auf das Zusammenleben der Mieter in fast jedem zweiten Wohnquartier verschlechtert, hieß es in der Studie 2019. Auch die Segregation, also die ungleiche Verteilung von unterschiedlichen Bewohnergruppen in den betrachteten Quartieren, hat zugenommen.

"Wir brauchen eine verantwortungsbewusste politische Haltung, sich in den Städten eindeutig gegen Segregationstendenzen zu stellen", erklärte im Vorjahr Minor-Geschäftsführer Dr. Christian Pfeffer-Hoffmann. Dafür würden erhebliche Investitionen benötigt, die mit einer besseren räumlichen Verteilung preiswerten Wohnraums in allen Stadtteilen zusammenhängen. Auch für Wohnungsunternehmen müsse es Förderprogramme geben, hatte Gedaschko ergänzt.

Nach Auffassung des Verbandes stehen die Wohnungsunternehmen in belasteten Quartieren vor Problemen wie Kinderarmut, geringem Bildungsstand, Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit, interkulturellen Konflikten, Perspektivlosigkeit, Gewalt in Familien sowie Alkoholismus. Lärmbelästigung, Vandalismus, Verschmutzung, verbale Gewalt und Schlägereien bis hin zu Drogenhandel sorgen für Ärger. Insbesondere die alteingesessene Mieterschaft reagiere mit Wut, Verzweiflung, Unverständnis und fordere den Erhalt des sozialen Friedens.


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dpa
Schlagworte zum Thema:  Wohnungsunternehmen, Stadtentwicklung