"New Normal": Was bedeutet es für die Immobilienwirtschaft?

Home Office und Co. für die Mitarbeiter auf der einen, neue und sich verändernde Kundenbedürfnisse auf der anderen Seite: Sieben Unternehmen der Immobilienwirtschaft verraten, was sie aus der Corona-Situation mitnehmen.

Vernetztes Immobilienmanagement ist auf dem Vormarsch

Oliver Stamm, Geschäftsführer casavi GmbH

Von Lieferdienst bis Online-Shopping: Kunden haben sich seit 2020 wie nie zuvor mit digitalen Möglichkeiten auseinandergesetzt. Wir waren da keine Ausnahme – im Vergleich zum Vorjahr hat sich die durchschnittliche Registrierungsquote nochmals um 23 Prozent erhöht. Die Zahl der registrierten Mieter und Eigentümer hat im Laufe des Jahres die 50-Prozent-Marke überschritten. Damit haben es Immobilienunternehmen von nun an mit einer digitalen Mehrheit bei ihren Kunden zu tun.

Gleichzeitig mussten Mitarbeiter quasi über Nacht aus dem Home Office arbeiten, was nur mit einer konsequent digitalen Strategie möglich war. Unternehmen beginnen nun zum "Normalzustand" zurückzukehren, aber Flexibilität ist das neue "Normal".

Eins haben die letzten Monate mehr als deutlich gezeigt: Die Schere zwischen digital fortgeschrittenen und traditionell agierenden Unternehmen wird immer größer. Die Kosten- aber auch Qualitätsvorteile werden für erstere immer deutlicher, weshalb sich der Druck auf die Nachzügler weiter erhöht.

Leube Colliers Stamm Casavi
Links: Oliver Stamm, Casavi / Rechts: Matthias Leube, Colliers

Hybride Kultur im Büro und im Quartier

Matthias Leube, CEO von Colliers in Deutschland

Bei uns ist es möglich jeweils zwei Tage pro Woche Remote zu arbeiten. Insgesamt stellen wir fest, dass der Wunsch, zurück ins Büro zu kommen, groß ist. Die direkte Kommunikation ist die Motivation, da sie Kreativität fördert, und der Informationsaustausch enorm zum Erfolg beiträgt. Somit ist das Büro ein Tool, das hilft, Performance zu sichern und zu treiben.

Generell ist durch die hybride Arbeitswelt die Organisation von Arbeit komplexer geworden. Wir zeigen mit eigenen Konzepten auf, wie die Büroflächen der Zukunft konzipiert sind. Bei diesen geht es um eine neue Form des Arbeitens, des Führens, der Interaktion, der Kollaboration, bei gleichzeitig hoher Performance. Es geht also nicht allein um die Fläche, sondern um Unternehmenskultur und -philopsophie.

Unsere bebaute Umwelt und ihre Nachhaltigkeit stehen mehr denn je im Fokus von uns allen. Das Quartier nimmt dabei eine zentrale Rolle ein und bietet neue Lösungen. Hier werden wir mehr gemischt genutzte Gebäude sehen, die Übergänge zwischen den Assetklassen werden fließend und dem öffentlichen Räumen kommt als Begegnungsstätte eine höhere Bedeutung zu. Unsere Quartiere werden lebendiger und damit bunter. 

Portfolios müssen grün sein

Jan von Mallinckrodt, Head of Sustainability der Union Investment Real Estate GmbH

Der jüngste Bericht des Weltklimarats hat es ein weiteres Mal deutlich gemacht: An der Dekarbonisierung der Immobilienbestände führt kein Weg vorbei. Um die ambitionierten Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen, dürften in den kommenden Jahren lokale Gesetze, Verordnungen und Bauvorschriften der Mitgliedsstaaten immer weiter verschärft werden und könnten sogar mit Sanktionen verbunden werden, wenn Bestandshalter ihr Portfolio nicht entlang des aufgezeigten Klimapfads weiterentwickeln. Bei Union Investment ist Nachhaltigkeit im Immobiliensegment seit rund 15 Jahren ein wichtiges und strategisch fest verankertes Thema. Bereits im Jahr 2018 haben wir uns mit der Manage-to-Green-Strategie das Ziel gesetzt, mit dem Immobilienportfolio bis 2050 klimaneutral zu sein.

Grundsätzlich sollte sich die Immobilienbranche auf nachhaltige Revitalisierungen konzentrieren. Aber auch die Politik ist gefordert, die nachhaltige Transformation nun wirklich zu ermöglichen. Hier gilt es, eine ausgewogene Lösung zu finden, die Kosten gerecht zu verteilen und Hürden, insbesondere auch im Aufsichts- und Steuerrecht zu minimieren.

Mallinckrodt Union Investment Jacobi Immomio
Links: Jan von Mallinckrodt, Union Investment / Rechts: Nicolas Jacobi, Immomio

Das Vertrieblerherz blutet, die Umwelt freut sich

Nicolas Jacobi, Geschäftsführer Immomio GmbH

Wir sind natürlich auch alle ins Home Office gegangen. Insgesamt war der Einfluss auf uns als Unternehmen jedoch sehr gering, da wir bereits vor der Pandemie flexible Home-Office-Regelungen hatten. Als Digitalunternehmen sind wir natürlich absolute Digital Nerds und so hat die Pandemie keinen Einfluss auf unsere interne Digitalisierung gehabt. Alles was digital geht und auch digital Sinn ergibt ist bei Immomio bereits digital.

Spannend war es die Auswirkung des ersten Lockdowns auf den Traffic unserer Plattform zu beobachten. Nach ein paar Wochen mit nahezu Stillstand bei den Vermietungen, hat sich das Vermietungsaufkommen schnell wieder auf den Ausgangswert erholt. Diesen Einbruch gab es dann beim zweiten Lockdown gar nicht mehr. Hier hat sich gezeigt, dass sich die Unternehmen auf die geänderten Marktbedingungen eingestellt haben und resistenter geworden sind.

Gerade im Vertrieb unserer Lösungen hat sich das "New Normal" bereits diesen Sommer gezeigt. Das bedeutet wesentlich häufigere Web Demos und kaum noch Präsenztermine beim Kunden. Da blutet natürlich das Vertrieblerherz und die persönlichen Beziehungen leiden. Die Umwelt freut sich jedoch und die Produktivität ist deutlich höher, da weniger Zeit auf der Straße verbracht wird.

Digitale Besichtigungen und Leben auf dem Land sind im Trend

Sven Odia, Vorstandsvorsitzender der Engel & Völkers AG

War es für uns noch Anfang 2020 völlig normal, nahezu ausschließlich in der Unternehmenszentrale zu arbeiten, haben wir über die Monate des Lockdowns viel über die Vorteile und Chancen von Remote Work gelernt, wie zum Beispiel den positiven Einfluss auf die Work-Life-Balance sowie die Produktivität und Effizienz. Gleichzeitig werden aber auch Aspekte des täglichen Bürolebens, wie beispielsweise die direkte Kommunikation, das Socialising oder die Unternehmenskultur, von unseren Mitarbeitern noch mehr wertgeschätzt. Daher führen wir künftig ein hybrides Arbeitsmodell ein.

Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass Online-Angeboten weiter Auftrieb verliehen wurde. Die Bereitstellung von Dienstleistungen über eine digitale Plattform ist ein Schlüsselelement für einen modernen Immobiliendienstleister. Daher haben wir schon unabhängig von der Corona-Krise in die Digitalisierung investiert. Mit Erfolg: Während Corona konnten wir unseren Kunden virtuell zeit- und ortsunabhängig eine Objektbegehung ermöglichen. In Zukunft werden wir noch einen stärkeren Fokus auf den Ausbau der digitalen Services und innovative Technologien für unsere Mitarbeiter und Immobilienberater legen.

Die Bedeutung eines schönen und sicheren Zuhauses hat in der Corona-Krise weiter zugenommen. Die Nachfrage nach Immobilien hat einen weiteren Schub erfahren, denn besonders in Krisenzeiten erweisen sich Häuser und  Eigentumswohnungen als wertstabile Geldanlage. Neben den Top-Lagen in den deutschen Innenstädten verzeichnen die Vororte und ländliche Regionen im Umland der großen Metropolen derzeit ein deutliches Nachfragewachstum.

Odia Engel & Völkers Szeidl Drees & Sommer Lochen sigo
Links: Sven Odia, Engel & Völkers / Mitte: Steffen Szeidl, Drees & Sommer / Rechts: Tobias Lochen, sigo

Es kommt zu einer Verzahnung der Assetklassen

Steffen Szeidl, Sprecher des Vorstands der Drees & Sommer SE

Die Pandemie hat viele Entwicklungen wie mobiles Arbeiten beschleunigt, die über kurz oder lang ohnehin auf uns zugekommen wären – gerade mit Blick auf die Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Die Rolle des Büros verändert sich enorm. Es wandelt sich vom schlichten Arbeitsort mit Pflichtaufenthalt zum Ort des persönlichen Kontakts, der menschlichen Nähe und zum Netzwerk-Treffpunkt des Austauschs der Mitarbeiter untereinander, mit Geschäftspartnern und Kunden. Das verlangt eine Wohnzimmeratmosphäre, die ein "Wir-Gefühl" schafft und eine hohe Erlebnis- und Aufenthaltsqualität bietet. Salopp formuliert: Das Büro der Zukunft muss neben einem Touchpoint für persönliche Kontakte mehr bieten, cooler sein als das Home Office, um als Anziehungspunkt zu fungieren.

Es kommt außerdem zunehmend zu einer Verzahnung der diversen Assetklassen. Die Branche Wohnen muss sich viel mehr Gedanken machen um den Heimarbeitsplatz. Und das klassische Office entwickelt sich im wahrsten Sinne des Wortes zum Lebensraum. Insgesamt müssen wir unsere Gebäude und unsere Infrastruktur resilienter gestalten. Damit meine ich, dass wir bei unseren Bauvorhaben oder Sanierungen die digitale Transformation, ökonomische Schocks wie die Corona-Pandemie und vor allem auch die Folgen des Klimawandels mitdenken müssen.

Radverkehr war der Gewinner in der Pandemie

Tobias Lochen, Gründer und Geschäftsführer der sigo GmbH

Die Pandemie hat dem Radverkehr und dem Lastenrad im Besonderen eine große Aufmerksamkeit geschenkt. Eine Herausforderung war es, die Partner einige Wochen nicht besuchen zu können, um ihnen das System des E-Lastenrad Sharings persönlich vorzuführen. Das musste im Lockdown virtuell vermittelt werden.

Die meisten von uns, sofern möglich, waren in der "Hoch-Zeit" der Inzidenz im Home Office. Unsere Prozesse waren schon vor der Pandemie digital, sodass die Situation nicht für einen "Digitalisierungs-Boost" gesorgt hat. Nun sind wir nach und nach ins Büro zurückgekehrt. Wir haben unseren Mitarbeitenden eine 3:2-Lösung angeboten: 3 Tage im Büro und zwei Tage die Möglichkeit, von Zuhause zu arbeiten. Präsenz ist wichtig für den kleinen Ideenaustausch in der Kaffeeküche und fürs "Wir-Gefühl".

In Bezug auf die Stadtentwicklung beobachten wir, dass durch die Pandemie öffentliche Räume sehr wichtig geworden sind. Viele kreative Ideen sind entstanden und Entwicklungen, die ohnehin auf dem Weg waren, haben sich beschleunigt. Man denke nur an die Pop-up-Radwege und die Umwidmung von Straßen in Begegnungsstätten. Es ist wichtig, dass Städte Visionen entwickeln und wahr machen, damit die Menschen sehen, dass beispielsweise die Umverteilung des Straßenverkehrs zugunsten aller positiv ist.


Das könnte Sie auch interessieren:

Analyse: Wie Corona die Immobilienmärkte bewegt

Homeoffice und das Potenzial von "Ex-Büro-Wohnungen"