Mit der energetischen Sanierung gegen die Coronakrise?

Die Bundesregierung hat beschlossen, dass die Gebäudesanierung stärker gefördert werden soll. Konjunkturpakete zur Corona-Schadensbegrenzung und für den Klimaschutz sind geschnürt. Doch ob viel Geld viel hilft – auch unter Nachhaltigkeitsaspekten? Neue Studien liefern Lösungsmodelle.  

Das am 3. Juni verabschiedete Konjunkturpaket der Bundesregierung, das Unternehmen durch und aus der Coronakrise helfen soll, berücksichtigt auch die Klimaziele. Von insgesamt 130 Milliarden Euro sollen 30 bis 40 Milliarden Euro dem Klimaschutz zugute kommen. Die Mittel für das CO2-Gebäudesanierungsprogramm sollen zusätzlich aufgestockt werden – auf 2,5 Milliarden Euro. Die Regierung will die Weichen auch für die Zukunft stellen, wirtschaftlich und ökologisch. Eine Studie der Deutschen Energie-Agentur (Dena) konkretisiert Lösungsoptionen.

"Dem Gebäudesektor droht, dass die Auswirkungen der Krise den Sektor zeitverzögert erreichen werden. Die Unternehmen leben derzeit von ihrem Auftragsbestand, erhalten aber kaum Neuaufträge. Das ist nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern auch aus klimapolitischer Sicht bedenklich", Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Dena-Geschäftsführung

Jetzt heiße es Kurs zu halten, die Maßnahmen engagiert umzusetzen und die Förderprogramme verlässlich auszufinanzieren, so Dena-Chef Andreas Kuhlmann .

Dena-Krisen-Strategie am Beispiel Wohnungswirtschaft

Nicht nur die Baubranche ist von den Folgen der Covid-19-Pandemie betroffen. Für die Immobilien- und die Wohnungswirtschaft bedeutet die Coronakrise vor allem eins: Mietausfälle. Derzeit sehen sich laut Dena mehr als ein Fünftel der Unternehmen gezwungen, Investitionen in die Instandhaltung zu reduzieren – mehr als die Hälfte der Firmen rechnet mit Verzögerungen von zwei bis vier Monaten bei geplanten energetischen Sanierungen.

Geförderte Sanierungsvorhaben zügig vorantreiben und kontrollieren

Die Anpassungen bei der Grundsicherung, das verlängerte Kurzarbeitergeld und das Wohngeld reduzieren vor allem die Risiken der Vermieter. Das sorgt den Studien-Autoren zufolge kurzfristig für Liquidität für Sanierungs- und Bauinvestitionen. Bereits beantragte Vorhaben müssten nun von den Verwaltungen zügig bearbeitet und genehmigt werden. Mittelfristig sei neben anderen Maßnahmen ein "sehr engmaschiges monatliches Monitoring der Förderprogramme" notwendig.

Abschreibungsmöglichkeiten verbessern und iSEP-Offensive starten

Speziell für energetische Sanierungen fordert die Dena bessere Abschreibungsmöglichkeiten, indem etwa die lineare Abschreibung von zwei auf vier bis fünf Prozent erhöht wird. Der Bund solle zudem – mit den Ländern und Kommunen – eine breit angelegte Informationskampagne starten. Mit dem Ziel, möglichst viele Immobilieneigentümer zu motivieren. Um entscheidende Impulse zu setzen, solle eine Offensive gestartet werden, die in den kommenden zwei Jahren 200.000 kostenlose individuelle Sanierungspläne für Gebäude (iSFP) erstellt.

Digitalisierung und serielles Bauen weiterentwickeln

Langfristig sieht die Dena Nachbesserungsbedarf in erster Linie bei veralteten Verwaltungsabläufen. So müssten Prozesse dringend vereinfacht werden. Dazu gehören laut Dena auch digitale Bauakten oder digitale Bauanträge und -genehmigungen, die nach der Krise weiterentwickelt  werden müssten. Serielles Sanieren sollte den Experten zufolge ausgeweitet werden. 22 Wohnungsunternehmen seien Vorreiter in Deutschland. Um diesen Ansatz zum dauerhaften Erfolg zu bringen, müssen laut Dena im Blick auf die Zukunft die Produktionskapazitäten ausgebaut werden. Der Bund könnte dies als Vorbild etwa für 20.000 Sozialwohnungen übernehmen, heißt es im Dena-Marktmonitor.

Umfrage: Deutsche für energetische Sanierung, wenn die Kosten nicht wären

Mittel- und längerfristige Maßnahmen zur Bewältigung der Auswirkungen der Pandemie dürften nicht den "Bemühungen des unternehmerischen Klimaschutzes entgegenlaufen", mahnte vor Kurzem auch eine Allianz aus 68 Unternehmen – darunter der Wohnungskonzern Deutsche Wohnen, die Wohnungsgesellschaft Nassauische Heimstätte | Wohnstadt, der Fondsinitiator Union Investment, die Bausparkasse Schwäbisch Hall sowie die Immobiliendienstleister Ista und LR Facility Services. Die Deutsche Wohnen schlägt in einem eigenen Klimakonzept-Papier vor, dass sich der Energie- und Klimafonds (EKF) an der Modernisierung beteiligt.

Dass den Deutschen der Klimaschutz sehr wichtig ist, zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar TNS im Auftrag der Deutsche Wohnen. 72 Prozent sehen den Klimaschutz trotz Coronakrise als Topthema und eine Mehrheit (57 Prozent) befürwortet energetische Gebäudesanierungen. Allerdings sagten 79 Prozent der Befragten, dass die Kosten – sowohl für Mieter als auch für Vermieter – bislang die größte Hürde darstellten. 87 Prozent gaben an, nicht mehr als 50 Euro pro Monat dafür ausgeben zu wollen. Die zentrale Rolle des Gebäudebestands für das Erreichen der Klimaziele ist nur zwei Prozent der Bürger bekannt.

BMU-Forschungsprojekt empfiehlt zusätzliche Anreizprogramme

Laut Bundesregierung entfallen auf öffentliche und private Gebäude für Heizung, Warmwasser und Beleuchtung 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland und knapp 20 Prozent des CO2-Ausstoßes. Ein Forschungsprojekt im Auftrag des Bundesumweltministeriums (BMU), an dem vier Wirtschaftsforschungsinstitute beteiligt waren, empfiehlt eine zeitlich befristete Förderung zusätzlich zu bestehenden Anreizprogrammen, um den Klimaschutz im Gebäudebereich und die Umstellung fossiler Heizungen auf erneuerbare Energieträger zu forcieren.

Bereits gefördert wird der Einbau klimafreundlicher Heizungen durch das Gebäudesanierungsprogramm der Bundesregierung. Die will in Zukunft auch mehr Geld in die energetische Sanierung von kommunalen Gebäuden stecken. Wie viel das genau sein wird, hat die Große Koalition aber bisher noch nicht beschlossen. Eine Verschärfung wurde jedoch in Sachen Ölheizungen angekündigt: Der aktuelle Entwurf zum Gebäudeenergiegesetz, der sich gerade in Bearbeitung befindet, sieht zu viele Ausnahmen vom grundsätzlichen Verbot des Einbaus von Ölheizungen nach 2026 vor – heißt es im BMU-Forschungsprojekt.

HIntergrund: Klimaschutz-Fahrplan von EU und Bundesregierung

Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen im Gebäudebereich von derzeit etwa 120 Millionen auf 70 Millionen Tonnen sinken. Laut Studien des Bundeswirtschafts- und des Bundesumweltministeriums sowie der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (Geea) droht nach derzeitigem Stand allerdings eine "CO2-Lücke" von acht bis 17 Millionen Tonnen.

Die Regierung hat mit den klimafreundlich ausgerichteten Konjunktur- und Investitionsprogrammen einen ersten wichtigen Schritt getan. Weitere Forderungen, die laut wurden, wie etwa die konsequente Ausgestaltung eines ambitionierten und konstruktiven "Green Deals" oder die Erarbeitung von konkreten Programmen für die nächste Weltklimakonferenz dürften eine größere Vorlaufzeit benötigen.

Beim zentralen Klimaschutz-Vorhaben der EU-Kommission für dieses Jahr – der Prüfung und Verschärfung des Klimaziels für 2030 – wollen die Politiker im Zeitplan bleiben. Andere Vorhaben der Europäischen Union könnten sich verzögern. Die Grünen fürchten, dass der sogenannte "Green Deal" in der "Mottenkiste" landen könnte – einzelne EU-Länder stellen sich bereits quer. In der FDP und der CDU wurden zudem die bereits beschlossenen Maßnahmen wie die Einführung des CO2-Preises auf Heizöl und Erdgas ab 2021 angezweifelt.

Die FDP im Bundestag hält den im Klimapaket beschlossenen CO2-Preis für verfassungswidrig und will vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen klagen.


Dena-Marktmonitor "Perspektiven des Gebäude­sektors ­in­ der­ Coronakrise"

BMU-Forschungspapier "Sozial-ökologisch ausgerichtete Konjunkturpolitik in und nach der Corona-Krise"

Positionspapier Deutsche Wohnen: "Konzept für einen sozialverträglichen Klimaschutz im Gebäudesektor"


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Schlagworte zum Thema:  Klimaschutz, Coronavirus, Immobilienbranche