Klimaneutralität: "Efficiency first", aber nicht um jeden Preis

Einzelne Gebäude auf Top-Effizienzniveau zu bringen, bringt laut einer Studie im Auftrag von Wohnungswirtschaft und Dämmverband wenig und kostet viel. Wirtschaftlicher wäre eine höhere Sanierungsquote, die Mehrfamilienhäuser flächendeckend mit erneuerbaren Energien "Niedertemperatur-ready" macht.

Eine sehr hohe Sanierungstiefe bei vermieteten Mehrfamilienhäusern sei nicht zielführend, da diese Praxis zwar sehr hohe Kosten verursache, aber nur begrenzt weiteren Energieeinsparungen generiere, sagt Prof. Dr. Sven Bienert, Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft der International Real Estate Business School (Irebs) und Autor der Studie "Klimaneutralität vermieteter Mehrfamilienhäuser – aber wie?".

Die empirischen Daten zur Ableitung von politischen Empfehlungen hat Bienert im Auftrag des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft GdW und des Verbands für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM) aufbereitet. Manches in dem Papier ist im Ampel-Koalitionsvertrag bereits festgeschrieben.

Je höher der Standard, desto geringer die Energieeinspareffekte

Die Auswertung zeige, dass beim tatsächlich reduzierten Energieverbrauch die Kosten für die Vermeidung je eingesparter Kilowattstunde (kWh) in den hohen Effizienzklassen (EH 40 und 55) signifikant steigen, schreibt Studienautor Bienert. Ein Effizienzhaus-70-Standard sei für die Bestandssanierung zielführender. Dass andere Investitionen zur Erreichung der Klimaziele sinnvoller sind, sei mit der Studie empirisch belegt. Neben einer Steigerung der jährlichen Sanierungsrate auf zirka zwei Prozent wäre etwa ein intensiverer Ausbau von erneuerbaren Energien notwendig.

Der künftige Fokus des Gesetzgebers sollte auf die tatsächlichen Treibhausgas-Emissionen von Wohnimmobilien und Quartieren gerichtet sein. "Dabei ist ein Standard denkbar, der beschreibt, dass Gebäude im Rahmen einer Sanierung 'Niedertemperatur-ready' gemacht werden sollen, um für die Beheizung mit 'Power to Heat Systemen' überhaupt erst geeignet zu sein", fasst Bienert zusammen.

"Niedertemperatur-ready": Von Wärmepumpe bis Fernwärme

Der Irebs-Experte plädiert konkret dafür, viel mehr Gebäude technisch für Niedertemperatur-Heizungen umzurüsten, damit sie mit erneuerbaren Energien etwa über Wärmepumpen oder Fernwärme betrieben werden können, sie also flächendeckend "Niedrigtemperatur-ready" zu machen. Das sei als Zielvorgabe für die Wohnungswirtschaft sinnvoll. "Die Klimaziele werden dann zu volkswirtschaftlich optimalen Kosten erreicht, wenn verbleibende Verbräuche durch den forcierten Ausbau erneuerbarer Energie abgedeckt werden", so Bienert.

Eine stärkere Dekarbonisierung der Energiewirtschaft bis 2030 sei kostengünstiger als höhere Sanierungstiefen im Gebäudebestand. Allerdings müsste mehr Fördergeld in den Energiesektor und den Gebäudesektor gesteckt werden, um diese Ziele umzusetzen. Zudem sollten Transferleistungen insbesondere die unteren Einkommensgruppen dabei unterstützen, die zu erwartenden Mietkostensteigerungen nach energetischen Sanierungen zu stemmen.

"Der Grundsatz 'Efficiency First' darf nicht 'Efficiency um jeden Preis' bedeuten. Verpflichtende energetische Mindeststandards sind zur Zielerreichung sinnvoll, aber mit Maß und Ziel", heißt es in der Studie. "Wir brauchen jetzt mehr denn je realitätsnahe, schnell umsetzbare Konzepte statt hochgeschraubter Ideen und technisch überfrachteter Anforderungen, die sich weder Gebäudeeigentümer noch Mieter leisten können", sagt GdW-Chef Axel Gedaschko.

Irebs-Studie "Klimaneutralität vermieteter Mehrfamilienhäuser – aber wie?"

Neubau: Wie viel Dämmung verträgt der Klimaschutz?

Mehr Dämmung, als das geltende Gebäudeenergiegesetz (GEG) fordert, führe nur zu geringen Einsparungen des Heizwärmebedarfs – und wegen des Ressourcenaufwands sogar gleichzeitig zu höheren CO2-Emissionen, heißt es auch in einer Studie von Prof. Dr. Manfred Norbert Fisch (Steinbeis-Innovationszentrum siz energieplus) und Prof. Dr. Kunibert Lennerts (Karlsruher Institut für Technologie, KIT) im Auftrag des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA). Um den CO2-Ausstoß zu minimieren, setzen die Autoren auf Betriebsoptimierung, Solarpanels auf den Dächern zur Stromproduktion, den Ausbau von Fernwärmenetzen und die verstärkte Nutzung von Wärmepumpen.

Bei Wohnimmobilien seien durch Betriebsoptimierungen im Schnitt CO2-Einsparungen von acht bis zehn Prozent realistisch, heißt es in der Studie. Das Kosten-Nutzenverhältnis sei in der Regel günstiger und die Maßnahmen ließen sich noch dazu zeitnah umsetzen – vorausgesetzt, der Fördersatz für Effizienzmaßnahmen an der Anlagentechnik in der BEG-Förderung würde deutlich erhöht.

ZIA-Studie "Erreichung der Klimaschutzziele im Gebäudesektor unter Berücksichtigung der Förderlandschaft und der notwendigen Ressourcen" (pdf)

Energieeffizienz Heizung digital

TU Dortmund: Heizkosten sparen via Verbrauchsinformation

Statistiker der Technischen Universität (TU) Dortmund und Experten des Energiedienstleisters Ista haben sich angeschaut, wie in älteren Mehrfamilienhäusern Energie und Kosten beim Heizen drastisch gesenkt werden können. Sie kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass sich allein durch häufigere und zeitnahe Verbrauchsinformationen für die Bewohner zehn Prozent der Heizenergie im Gebäude einsparen ließen.

Knapp die Hälfte der rund 40 Millionen Wohnungen in Deutschland befindet sich laut der Studie in Mehrfamilienhäusern. Untersucht haben die Studienautoren für ihre Auswertung bundesweit mehr als 74.000 Wohngebäude. Im Schnitt wurde das typische Mehrfamilienhaus im Jahr 1978 gebaut, hat sieben Wohnungen mit einer mittleren Größe von 65 Quadratmetern und verfügt insgesamt über 521 Quadratmeter Heizfläche.

Geheizt wird überwiegend mit Erdgas (65,2 Prozent der Gebäude), die Heizungsanlage wurde im Schnitt um 1997 eingebaut. In sanierten Gebäuden – das trifft nicht auf alle der analysierten Häuser zu – wurde am häufigsten die Heizanlage erneuert (48 Prozent). Auf Dach, Fenster und die oberste Geschossdecke entfällt jeweils ein Anteil von 43 Prozent. Der Energiekennwert des Gebäudes liegt im Schnitt bei 118, was der mittleren Kategorie D auf dem Energieausweis entspricht. Die Skala reicht von A+ (höchste Energieeffizienz) bis H (niedrigste Energieeffizienz).

Digitalisierung und Mieterverhalten machen den Unterschied

Neben der Gebäudesanierung und der Modernisierung der Heizanlage ist laut Ista-Chef Thomas Zinnöcker das Heizverhalten ein wichtiger Hebel für mehr Energieeffizienz – und kann im Mehrfamilienhaus den Unterschied machen. Voraussetzung für mehr Energieeffizienz sei nicht nur, dass die Verbrauchsinformationen für die Mieter häufiger und zeitnaher kommen, die Wärmeverbräuche im Gebäude müssten auch digital erfasst werden.

Die Wohnhäuser in den neuen Bundesländern sind laut Studie meistens besser saniert als in den alten Bundesländern: Brandenburg liegt im Vergleich klar vorn (Dach 66 Prozent, oberste Geschossdecke 67 Prozent, Außenwand 61 Prozent, Fenster 71 Prozent, Kellerdecke 49 Prozent). Die einzige Ausnahme bildet die Sanierung der Heizungsanlage: Hier nimmt Schleswig-Holstein im Westen mit 58 Prozent den Spitzenplatz ein.

Die Berechnung der Sanierungsquoten basiert auf rund 25.000 Mehrfamilienhäusern mit einem Energieausweis von 2018. Dabei gelten Dach, oberste Geschossdecke, Außenwand, Fenster und Kellerdecke als saniert, wenn sie der Wärmeschutzverordnung 1995 entsprechen. Heizanlagen dürfen nicht 20 Jahre oder älter sein.

Studie zur Energieeffizienz in Mehrfamilienhäusern (pdf)


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