Deutschland wird schneller "alt" als barrierefrei (um)gebaut wird

Der demografische Wandel treibt den Bedarf an barriere­armem Wohnraum. Bis zum Jahr 2035 werden nach Angaben der Bundesregierung zwei Millionen Wohnungen für Senioren fehlen. Diese Lücke wird sich ohne Investitionsanreize nicht schließen lassen, stellen Wissenschaftler fest.

In zehn Jahren werden knapp 22 Millionen Deutsche (26 Prozent) älter als 65 Jahre sein, derzeit sind es nach Zahlen des Statistischen Bundesamts 18,3 Millionen Menschen (22 Prozent). Wie die Bundesregierung unter Berufung auf eine Studie von KfW Research mitteilt, wird der Bedarf an altersgerechten Wohnungen das Angebot bis 2035 um etwa zwei Millionen übersteigen. Eine Differenzierung nach Bundesländern liegt nicht vor.

Gemäß der Evaluations-Studie, die im Auftrag des Bundesbauministeriums erstellt worden war, waren im Jahr 2018 von 37 Millionen Wohnungen (inklusive Einfamilienhäusern) nur 560.000 (1,5 Prozent) barrierearm, also zum Beispiel ohne Schwellen oder Stufen, mit ausreichender Bewegungsfreiheit oder bodengleichen Duschen.

Bundesregierung: Hohe Nachfrage nach KfW-Zuschüssen

Die Nachfrage nach einem KfW-Zuschussprogramm zum altersgerechten Umbau sei so hoch, dass die Bundesmittel in diesem Jahr auf 150 Millionen Euro aufgestockt worden seien, erklärt die Bundesregierung weiter. Davon seien bis zum 30.9.2020 rund 122 Millionen Euro für die Barrierereduzierung mit Neuzusagen gebunden gewesen, heißt es weiter. Somit stehen für das letzte Quartal noch Programmmittel in Höhe von knapp 28 Millionen Euro zur Verfügung.

Die hohe Nachfrage nach den Zuschüssen spiegele den Bedarf wider. In den vergangenen Jahren wurden die Mittel in der Regel jeweils vor Jahresablauf ausgeschöpft. Insgesamt wurden bereits bis Ende September 2020 knapp 16.700 Wohnungen gefördert, im gesamten Jahr 2019 waren es rund 13.600 Wohnungen, 2018 nur knapp 6.300 Wohnungen.

Im Regierungsentwurf für den Haushalt 2021 sind laut Bundesregierung wie im Finanzplan vorgesehen Programmmittel in Höhe von 75 Millionen Euro für den Programmteil "Barrierereduzierung" veranschlagt.

Vermieter nutzen KfW-Förderung kaum

Wie die Bundesregierung aufschlüsselt, werden die Zuschüsse für das altersgerechte Umbauen eher von Eigennutzern (bis zu zwei Wohnungen je Gebäude) in Anspruch genommen. Nur etwa ein Prozent der Anfragen nach Zuschüssen für die Barrierereduzierung kamen etwa im September 2020 von Vermietern (mehr als zwei Wohneinheiten). Bei den Kreditanfragen für den altersgerechten Umbau waren es knapp 19 Prozent der Vermieter.

Neben der KfW-Förderung gewährt der Bund den Ländern für Investitionen im Bereich des sozialen Wohnungsbaus Bundesfinanzhilfen. In den Jahren 2020 bis 2024 seien hierfür jeweils eine Milliarde Euro vorgesehen, schreibt die Bundesregierung. Die Mittel könnten von den Ländern für den Neubau von barrierefreien Wohnungen oder auch für Umbaumaßnahmen verwendet werden. Die Ausgestaltung der Förderprogramme obliegt der ausschließlichen Zuständigkeit der Länder.

Pestel-Institut: 500 Millionen Euro pro Jahr an Fördermitteln nötig

Laut einer Studie des Pestel Instituts von 2019 im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) werden ab 2035 rund 24 Millionen Menschen in Deutschland zur Altersgruppe "65plus" gehören – das wären rund sechs Millionen mehr als heute. Für den altersgerechten Umbau und die Modernisierung bis 2030 veranschlagen die Forscher rund 50 Milliarden Euro an Investitionen. Hier sei nur mit direkten Zuschüssen effektiv etwas zu erreichen.

Das Pestel-Institut kommt in seiner Studie zu dem Schluss, dass mindestens 500 Millionen Euro jährlich an Fördermitteln für den barrierefreien Bau- und Umbau erforderlich sind. Es koste im Schnitt rund 16.000 Euro, eine Wohnung barrierearm umzubauen. Die Wissenschaftler plädieren zudem dafür, ältere Menschen zum Ausprobieren neuer Wohnformen – wie etwa zum gemeinschaftlichen Wohnen – zu motivieren. Hierfür müsse die Politik auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene bereits aber die Weichen stellen.

Um die enorme Versorgungslücke zu verringern, setzen die KfW und die Bundesregierung seit 2009 mit dem Förderprogramm "Altersgerecht Umbauen" Investitionsanreize. Im Zeitraum 2014 bis 2018 wurden in diesem Programm laut KfW für barrierereduzierende Maßnahmen zirka 99.000 Kredite und Zuschüsse abgerufen. Mit einem Fördervolumen von 1,8 Milliarden Euro in diesem Zeitraum wurden damit etwa 189.000 Wohneinheiten umgebaut 100.000 mit Krediten und 89.000 mit Investitionszuschüssen. Ein Drittel aller geförderten Wohnungen (61.000) wurde von Vermietern (Wohnungsunternehmen, Genossenschaften) mit Kreditförderung umgebaut.

Evaluations-Studie: "Barrierearmer Wohnraum: Bedarf steigt durch Alterungsteil – Förderung wirkt"


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