Wie gelingt Klimaanpassung in Unternehmen?

Nord, Ost, Süd, West: Wo schwitzen zum betriebswirtschaftlichen Risiko wird

Acht Tage über 35 Grad im Saarland, nur einer in Schleswig-Holstein: Dieselbe Hitzewelle, völlig unterschiedliche Betroffenheit. Für Nachhaltigkeitsverantwortliche liegt darin eine zentrale Erkenntnis des Klimarisikomanagements: Nicht das Wetter allein bestimmt das Risiko, sondern die Frage, welche Standorte, Mitarbeitenden, Lieferanten und Infrastrukturen exponiert sind. Teil 2 unserer Reihe zum Hitzesommer 2026 zeigt, warum die geografische Lage oft wichtiger ist als der bundesweite Durchschnitt.

Serienelemente
Duerreschaden_Hitze_Ausgetrockneter_See

Dieselbe Hitze, achtfacher Unterschied

Die Hitzewelle vom 18. bis 28. Juni 2026 hat der Deutsche Wetterdienst als historisch eingestuft: Noch nie seit Aufzeichnungsbeginn gab es in Deutschland und weiten Teilen Europas eine so lange und intensive Hitzewelle so früh im Sommer. An 467 von 488 DWD-Stationen wurden Allzeit- oder Monatsrekorde der Höchsttemperatur gemessen, dazu 339 Rekorde beim höchsten Tagesminimum. 

Dabei gibt es große regionale Unterschiede. Im Zeitraum vom 17. bis 30. Juni zählte das Saarland acht Tage über 35 Grad. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kamen auf je vier, Hessen und Sachsen-Anhalt auf je drei, Bayern auf zwei, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sogar nur auf je einen einzigen Tag und das trotz identischer Großwetterlage. 

Für Unternehmen zeigt das eine zentrale Herausforderung des Klimarisikomanagements: Ein Wetterereignis, das wie die Hitzewelle flächendeckend dokumentiert wird, kann je nach Standort sehr unterschiedlich relevant für die eigene Geschäftstätigkeit sein. 

Der Grund dafür liegt in der Exposition. Exposition beschreibt, welche Teile einer Geschäftstätigkeit einer Klimagefahr ausgesetzt sind. Dazu zählen nicht nur eigene Standorte, sondern auch Mitarbeitende, Lieferanten, Kunden, Logistikrouten, Energie- und Kommunikationsnetze sowie kritische Absatzmärkte.

Für Unternehmen beginnt Klimarisikomanagement deshalb mit einer scheinbar einfachen, aber strategisch entscheidenden Frage: Wo entlang unserer Wertschöpfungskette treffen Hitzebelastungen auf geschäftskritische Aktivitäten?

Denn dieselbe Hitzewelle kann für den einen Standort kaum spürbar sein und für den anderen erhebliche Auswirkungen auf Betrieb, Personal oder Lieferfähigkeit haben

Warum Mittelwerte diese Frage nicht beantworten

Wie groß die Unterschiede zwischen globalem Klimatrend, nationaler Projektion und konkreter Standortbelastung sein können, zeigen Klimaprojektionen. Global beschreibt das 2-Grad-Ziel eine Leitplanke für das Klimasystem. Lokal können diese 2 Grad mehr aber bis zu 4 oder 6 Grad mehr bedeuten. Wie stark sich die Erwärmung regional unterscheidet, verdeutlicht Abbildung 1. Sie zeigt, dass sich nicht nur das Temperaturniveau insgesamt verschiebt, sondern einzelne Regionen überdurchschnittlich betroffen sind.

Hitze in den Regionen

Ein einheitlicher überregionaler Mittelwert und Durchschnittswerte reichen für die betriebliche Risikobewertung häufig nicht aus. Sie beschreiben die allgemeine Richtung der Klimaveränderung, liefern jedoch nur begrenzte Aussagen über die tatsächliche Betroffenheit eines Standorts. Entscheidend sind klimatische Schwellenwerte, deren Überschreitung zu operativen Auswirkungen führt. Um das für den eigenen Standort zu bewerten, braucht es die richtigen Indikatoren: Tage über 30 °C, tropische Nächte und die Dauer von Hitzeperioden. Erst solche Schwellenwerte machen aus einer abstrakten Klimaprojektion eine steuerbare Managementgröße. Aus „es wird wärmer“ wird dann eine prüfbare Frage: Reichen unsere Kühlkapazitäten noch aus? Müssen Arbeitszeiten angepasst werden? Sind Lieferwege oder Außenarbeitsplätze regelmäßig betroffen?

Für die Ermittlung dieser Kennzahlen stehen mehrere öffentliche Datenquellen zur Verfügung. Historische und projizierte Kenntage wie heiße Tage, Sommertage oder Tropennächte lassen sich standortbezogen über den Deutschen Klimaatlas des DWD abrufen. Für internationale Standorte bietet der Copernicus Climate Change Service (C3S) über den Climate Data Store und den interaktiven Klima-Atlas frei zugängliche Beobachtungs- und Projektionsdaten. Ergänzend konkretisieren kommunale Klimaanalyse- und Hitzekarten die lokale Betroffenheit bis auf Quartiers- und Standortebene.

Klimagefahren enden nicht am Werkstor

Besonders relevant ist dabei: Ein erheblicher Teil der Exposition liegt außerhalb des eigenen Unternehmens. Straßen, Schienenwege, Stromnetze oder Wasserstraßen können entscheidende Auswirkungen auf die eigene Geschäftstätigkeit haben. Werden diese Infrastrukturen durch Hitze beeinträchtigt, entstehen Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette, auf die häufig nur ein bedingter Einfluss besteht. Die Exposition kritischer Infrastrukturen ist damit oft relevanter als die Temperatur am eigenen Standort.

Hinzu kommt Exposition betrifft nicht nur direkte Hitzeeinwirkungen: Viele Folgen entstehen indirekt, weil langanhaltende Hitzeperioden häufig mit Trockenheit oder Phänomenen wie Niedrigwasser einhergehen. So verdeutlicht derzeit das Niedrigwasser des Rheins, warum Exposition ein räumliches Konzept ist. Bestimmte Engstellen wie der Pegel Kaub haben eine überproportionale Bedeutung für den Gütertransport. Unternehmen, deren Lieferketten von dieser Route abhängen, sind daher deutlich stärker exponiert als Unternehmen ohne Rheinabhängigkeit. Die unterschiedliche Betroffenheit entsteht nicht durch das Wetterereignis allein, sondern durch die Lage kritischer logistischer Knotenpunkte innerhalb der Wertschöpfungskette.

Von der Klimagefahr zum Klimarisiko

Exposition ist aber nur die halbe Wahrheit. Sie zeigt, wo Hitze überhaupt auftrifft – nicht, wie hart es einen Standort am Ende trifft. Zwei Werke können derselben Hitzewelle ausgesetzt sein und trotzdem völlig unterschiedlich davonkommen. Den Unterschied macht die Vulnerabilität: Wie empfindlich reagieren Gebäude, Anlagen, Beschäftigte und Prozesse auf die Belastung? Und welche Schutzmaßnahmen greifen bereits?

Exposition beantwortet also die Frage: Wo bin ich betroffen? – ob daraus tatsächlich ein Schaden entsteht, entscheidet die Vulnerabilität. Mehr dazu nächste Woche in Teil 3 unserer Reihe: Hitzesommer 2026.

Takeaway für Ihr Unternehmen:

Kartieren Sie Ihre Exposition

Betrachten Sie Exposition nicht als abstrakten Klimabegriff, sondern als konkrete Managementaufgabe. Skizzieren Sie die gesamte Wertschöpfungskette von Standorten, zentralen Lieferanten, kritischen Logistikrouten und wichtigen Infrastrukturabhängigkeiten, um die Klimagefahr Hitze ganzheitlich einordnen zu können. Identifizieren Sie die Bereiche, in denen hohe Hitzebelastung auf geschäftskritische Prozesse trifft.

Arbeiten Sie mit den richtigen Kennzahlen 

Relevant sind nicht Durchschnittstemperaturen, sondern z. B. heiße Tage, tropische Nächte und die Dauer von Hitzeperioden. Eine wirksame Klimaanpassung beginnt mit der Frage, wo die eigene Geschäftstätigkeit tatsächlich exponiert ist.

Bauen Sie Klimakompetenz auf

Klimadaten zu verstehen und ihre betrieblichen Auswirkungen richtig einzuordnen, wird zunehmend zur unternehmerischen Kernkompetenz. Externe Partner können hier wertvoll unterstützen – bei der Datenbeschaffung, der Modellierung und der Einordnung komplexer Klimaszenarien für den eigenen Standort. Die Bewertung und Steuerung klimabedingter Risiken sollte jedoch im Unternehmen selbst verankert sein und bleiben.

 

Das könnte Sie auch interessieren:

So bedroht der Klimawandel deutsche Regionen

Hitze als wirtschaftliches Risiko - zehn Sofortmaßnahmen

Hitze am Arbeitsplatz - Was konkret zu tun ist (€)

0 Kommentare
Sie haben noch keinen Text eingegeben.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion