Bewährte Mobilitätslösungen greifen im Unternehmenskontext oft zu kurz
Urban oder ländlich, zentrale oder dezentrale Standortstruktur, Mobilitätswünsche der Beschäftigten – es gibt viele Aspekte, die hineinspielen, wenn ein Unternehmen den Weg der Beschäftigten zur Arbeit nachhaltig gestalten möchte. Es genügt also nicht, Benchmarks und Trendstudien zu Mobilitätslösungen zu konsultieren.
Tiefergehende Analyse
Forschende des Instituts für Mobilität an der Universität St. Gallen haben deshalb gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen PwC genauer hingeschaut. Schon 2025 hat das Institut für Mobilität die quantitative Studie „Berufliche Mobilität neu gestalten“ veröffentlicht, die Trends in Corporate Mobility in Deutschland und in der Schweiz aufzeigt. In den beiden Ländern herrschen sehr unterschiedliche Bedingungen, etwa in steuerlichen Belangen. Steuerliche Vorschriften, Meldepflichten und rechtliche Auflagen können bestimmte Lösungen etwa bei Dienstwagen, Dienstrad oder Anreizsetzung für den Arbeitsweg unterstützen oder erschweren. Auch die geografische Lage ist zweifellos eine entscheidende Einflussgröße, da auf dem Land oft nicht ausreichend Alternativen im öffentlichen Nahverkehr zur Anreise mit dem Auto vorhanden sind.
Die Studienautorinnen und -autoren zählen 15 mögliche Faktoren auf, die den Kontext für betriebliche Mobilität beeinflussen. Doch welche davon sind wirklich ausschlaggebend?
Die Archetypen des Mobilitätsmanagements
Um theoretische Annahmen in der realen Unternehmenspraxis zu validieren, haben die Forschungspartner 35 Interviews in Deutschland und der Schweiz geführt. Sie befragten Personen aus dem Mobilitätsmanagement von Unternehmen, Mobilitätsdienstleister und Beratungsunternehmen. Mit dem Ergebnis, dass vor allem sieben Dimensionen besonders relevant für Mobilitätskonzepte sind: Branche, Standort, Standortstruktur, Mobilitätsprofil der Beschäftigten, Flottentyp, Parkinfrastruktur und strategische Treiber des Unternehmens wie etwa CO₂-Emissionsminderungsziele.
Basierend auf den sich wiederholenden Mustern und Kombinationen dieser Merkmale umreißt die Studie drei Archetypen typischer Mobilitätskontexte und welche Lösungen unter diesen Bedingungen funktionieren.
1. Auto-abhängige Produktionsstandorte (Car-Dependent Production Sites)
Dieser Typus von Unternehmen ist im Produktionssektor aktiv, angesiedelt in einer eher ländlichen Region. Die Standortstruktur ist stark zentralisiert, es gibt meist ein Hauptwerk. Die Beschäftigten arbeiten primär ortsgebunden, häufig in Schichtarbeit. Da der ÖPNV in solchen Regionen oft lückenhaft ist, besteht eine hohe Abhängigkeit vom Auto. Diese Unternehmen verfügen meist über eine umfassende Parkplatzinfrastruktur und einen Fuhrpark, der hauptsächlich aus Dienstwagen besteht. CO₂-Reduktion ist zwar strategisch manchmal Thema, aber dass Mitarbeitende pendeln, macht einen geringeren Teil der gesamten Unternehmensemissionen aus.
Nachhaltige Lösungen: Da es schwer ist, im ländlichen Raum auf das Auto zu verzichten, geht es vor allem darum, die Autofahrten anders zu gestalten. Unternehmen können Fahrgemeinschaften fördern, Corporate Carsharing mit E-Fahrzeugen im Pool zur dienstlichen und privaten Nutzung einführen, kostenlose oder geförderte Ladeinfrastruktur am Standort anbieten oder fördern, dass Mitarbeitende zu Hause laden. Auch Alternativen zu herkömmlichen Firmenwagenmodellen und Mobilitätsbudgets als Alternative zum festen Dienstwagen sind passende Optionen.
2. Multimodale städtische Dienstleister (Multi-Modal Urban Services)
In Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen in urbanen Zentren sind Standorte oft dezentral über die Stadt verteilt. Da die Parkplatzkapazitäten in Innenstädten begrenzt sind, aber gleichzeitig eine gute ÖPNV-Anbindung existiert, steht das Auto hier nicht im Mittelpunkt. Die Mitarbeitenden arbeiten standortbezogen, aber sehr flexibel und haben häufig auch Remote-Work-Optionen. Der eigene Fuhrpark ist deshalb meist klein. Mobilitätsentscheidungen hängen unter diesen Voraussetzungen weniger von betrieblichen Erfordernissen als vielmehr von Flexibilität, Kostentransparenz und den Präferenzen der Mitarbeitenden ab.
Nachhaltige Lösungen: Für den urbanen Kontext eigenen sich Zuschüsse für den öffentlichen Nahverkehr und flexible Mobilitätsbudgets, die zweckgebunden sind für Verkehrsmittel wie Bahn, Bike-Sharing oder E-Scooter. Die Autorinnen und Autoren empfehlen auch Anreize für das Pendeln ohne Auto. Beispielweise können Unternehmen regeln, dass nur Mitarbeitende mit sehr langen Pendelwegen Anspruch auf einen Parkplatz haben. Wer auf den Parkplatz verzichtet, könnte im Gegenzug eine monatliche Barauszahlung erhalten. Ein Ansatz ist auch, die Pendelaktivitäten auf die Richtlinien für Remote-Work abzustimmen, indem man zum Beispiel nur ins Büro kommt, wenn Meetings anstehen, um Energieverbrauch zuhause für virtuelle Termine einzusparen.
3. Flottenintensive Hub-Betriebe (Fleet-Intensive Hub Operations)
Dieser Archetyp umfasst Unternehmen mit stark operativen Aufgaben wie Logistik, Pflege- oder Servicedienste, bei denen Mobilität ein integraler Bestandteil des täglichen Kerngeschäfts ist. Sie sind meist in städtischen oder vorstädtischen Räumen angesiedelt. Obwohl die operative Arbeit dezentral verteilt ist, gibt es feste Knotenpunkte (Hubs). Fahrzeuge und Mitarbeitende kehren regelmäßig zu diesen Punkten zurück. Die Fahrten der Beschäftigten sind stark an konkrete operative Aufgaben gebunden wie etwa der Besuch von Patienten, Kunden oder Einsatzorten. Diese Betriebe haben in der Regel einen großen Fuhrpark, der primär aus Nutzfahrzeugen wie Lieferwagen besteht und weniger aus klassischen Dienstwagen. Zentraler Treiber für Mobilitätsentscheidungen ist es hier, flottenbezogene Emissionen zu reduzieren.
Nachhaltige Lösungen: Für diesen Unternehmensarchetyp empfiehlt die Studie, die Flotten konsequent zu elektrifizieren und ein digitales Parkraummanagement einzuführen, um die Flächen an den Hubs optimal zu nutzen. Auf regelmäßig befahrenen Strecken mit hohem Verkehrsaufkommen können Shuttle-Dienste eine Option sein, auf Kurzstrecken Bike-Sharing-Angebote. In Vororten sind Fahrkarten für den ÖPNV ein Mittel der Wahl.
Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung
Die Studie empfiehlt Unternehmen folgendes Vorgehen, wenn sie an ihren Mobilitätslösungen arbeiten möchten:
- Klare Zuständigkeiten und Ziele festlegen,
- kleine Anzahl strategischer Ziele setzen, beispielsweise Emissionsminderung, Kostenkontrolle, Attraktivität als Arbeitgeber oder Betriebsoptimierung,
- die Zuordnung zu den Archetypen vornehmen und auf der Grundlage die derzeitigen Lösungen prüfen und
- sich auf zentrale Lösungsbereiche konzentrieren, Reiserichtlinien und Arbeitsabläufe anpassen, Daten als Entscheidungsgrundlage nutzen und Pilotprojekte starten.
Die Archetypen bilden Musterorganisationen ab, können also nicht alle Unternehmenskontexte erfassen. Für kleine Unternehmen oder Verwaltungsorganisationen passt unter Umständen keines der Mobilitätstypen. Große Organisationen wiederum können aus mehreren Archetypen bestehen. Wer eine unternehmensweite Analyse durchführt, sollte deshalb möglicherweise einzelne Standorte separat betrachten.
Da die vorliegende Studie Mobilitätslösungen in Deutschland und der Schweiz analysiert, müssen Unternehmen unter Umständen in anderen Ländern weitere oder andere Faktoren berücksichtigen.
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