Greenwashing-Alarm: Jede zweite Firma kommuniziert regelwidrig
Die Ausgangslage: Kurz vor dem Stichtag
Sieben Wochen vor Inkrafttreten der neuen EU-Vorgaben haben Wortliga und media4nature 476 Unternehmenswebseiten zur Nachhaltigkeitskommunikation geprüft. Grundlage war ein sechsteiliges Prüfschema. Es bildet sowohl das geltende Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) als auch die kommenden Anforderungen der EmpCo-Richtlinie ab.
Das Ergebnis: 181 der geprüften Seiten (38 Prozent) verstoßen gegen die Prüfkriterien. Nur 170 Seiten (36 Prozent) halten sie vollständig ein. Auf den übrigen 124 Seiten finden sich keine eigenen Nachhaltigkeitsclaims.
Unternehmensebene: 51 Prozent mit Verstößen
Auf Unternehmensebene zeigt sich ein noch deutlicheres Bild: Von 345 Firmen, die aktiv mit Nachhaltigkeitsaussagen werben, weisen 176 – also 51 Prozent – mindestens einen Verstoß auf. Nur 167 Unternehmen (48 Prozent) kommunizieren regelkonform. Bei zwei Firmen war kein eindeutiges Urteil möglich.
Die häufigsten Mängel sind struktureller Natur. In 100 Fällen nutzen die Seiten pauschale Begriffe wie „grün“ oder „nachhaltig“, ohne einen Beleg im unmittelbaren Sichtbereich der Aussage zu liefern. 57 Seiten führen Vergleiche an, ohne ein Basisjahr zu nennen. Das gilt als klassische Form irreführender Umweltkommunikation.
„Klimaneutral“ auf Kompensationsbasis: bald unzulässig
Ein Befund wiegt besonders schwer: 42 Websites werben mit dem Begriff „klimaneutral“, stützen ihn aber ausschließlich auf Kompensationsmaßnahmen. Diese Praxis ist ab 27.9.2026 mit Umsetzung der EmpCo-Richtlinie in Deutschland rechtlich unzulässig.
Bei 25 der 181 beanstandeten Seiten ist dies der einzige Verstoß. Zieht man diese Fälle ab, liegen nach bereits heute geltendem Recht 156 von 476 Seiten (33 Prozent) im roten Bereich. Das zeigt: Der Handlungsbedarf ist schon vor dem Stichtag hoch.
Empfehlung der Redaktion: Regulatorik-Frühstück – Deep Dive in die EmpCo-Richtlinie und ihre UmsetzungAufzeichnung | Stand 17.07.2026 | ca. 60 Minuten Mit der EmpCo und der Novelle des deutschen Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (kurz: UWG) wird die Nachhaltigkeitskommunikation grundlegend verändert. Antje Münch und Astrid Luedtke bringen Sie im „regulatorischen Frühstück“ auf den aktuellen Stand! |
Was konforme Kommunikation auszeichnet
Ein Blick auf die regelkonformen Seiten zeigt, wie es geht. 166 der 170 als „compliant“ bewerteten Seiten (98 Prozent) erfüllen die Belegpflicht aktiv. Sie nennen etwa klar definierte Zwischenziele, nachvollziehbare Methoden oder direkt verknüpfte Nachweise.
Gidon Wagner, Geschäftsführer der Wortliga Tools GmbH, bringt es auf den Punkt: „Wer seine Nachhaltigkeitsbelege am Ort der Aussage führt, kommt ohne Greenwashing aus.“
Magnus Herkner Hetz, Geschäftsführer von media4nature, sieht in den Studiendaten vor allem einen Impuls für die interne Zusammenarbeit: „Die Zahlen geben Unternehmen die nötigen Argumente, um Kommunikation und Compliance an einen Tisch zu holen.“ Entscheidend sei, ob ein außenstehender Dritter verstehe, was hinter der Aussage steckt – und nach welchem Standard, zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Mitteln sie belegt wird.
Handlungsbedarf für ESG- und Marketingverantwortliche
Für Fachleute im Nachhaltigkeitsmanagement ist die Botschaft klar: Vage Formulierungen, ungestützte Claims und kompensationsbasierte Klimaneutralitätsaussagen sind kein Stilthema mehr. Sie werden zu einem Compliance-Risiko mit Haftungspotenzial.
Die Studie steht auf der Website von Wortliga zum Download bereit . Die Stichprobe ist nach Angaben der Autoren nicht repräsentativ für die Gesamtwirtschaft.
Das könnte Sie auch interessieren:
EmpCo-Richtlinie: Ein scharfes Schwert gegen Greenwashing
Von „grün“ zu gerichtsfest: Die EmpCo verändert die Nachhaltigkeitskommunikation
Interview: Was ab September 2026 nicht mehr auf die Verpackung darf
-
EmpCo-Richtlinie: Ein scharfes Schwert gegen Greenwashing
85
-
ESG – Definition und Bedeutung für Unternehmen und Investoren
47
-
PPWR in der Praxis: Lieferantendaten und die nächsten Schritte für den Mittelstand
45
-
EU-Kommission verabschiedet überarbeitete Nachhaltigkeitsberichtsstandards
41
-
VSME wird zum VS – Kommission verabschiedet „Voluntary Standard“
34
-
Von „grün“ zu gerichtsfest: Die EmpCo verändert die Nachhaltigkeitskommunikation
32
-
Socialbee: Jobvermittlung, die anders rechnet
25
-
EFRAG legt Berichtsentwurf für Nicht-EU-Unternehmen vor
10
-
Berufsfeld Nachhaltigkeit: Gehälter und Budgets im Sinkflug
10
-
Banken als Transformationsmotor: Neue Herausforderungen für die ESG-Datenbeschaffung
9
-
Weniger CSRD, bessere ESG-Informationen: Warum der Pflichtbericht nicht mehr im Mittelpunkt stehen sollte
09.09.2026
-
Greenwashing-Alarm: Jede zweite Firma kommuniziert regelwidrig
09.09.2026
-
Ventilator gekauft, Problem gelöst? Erst rechnen, dann in Klimaanpassung investieren
09.09.2026
-
EmpCo: Ist Greenwashing ab September Geschichte?
08.09.2026
-
Bewährte Mobilitätslösungen greifen im Unternehmenskontext oft zu kurz
04.09.2026
-
Vom Sustainability Manager zum Sustainable Transformation Manager
02.09.2026
-
36 Grad und es wird noch heißer. Wie Schwitzen zur Chefsache wird.
02.09.2026
-
Besser um die Zukunft streiten: Strategische Werkzeuge
27.08.2026
-
Hitze trifft alle. Warum die Rechnung trotzdem unterschiedlich ausfällt
26.08.2026
-
Verantwortung in der Lieferkette beginnt da, wo das Gesetz aufhört
26.08.2026