EU-Verpackungsverordnung

PPWR in der Praxis: Lieferantendaten und die nächsten Schritte für den Mittelstand


Verpackung Socken

Ab August 2026 bringt die PPWR neue Verpackungsanforderungen. Lesen Sie, wie Unternehmen ihre Verpackungsdaten, Verantwortlichkeiten und Dokumentationsprozesse strukturiert aufbauen. Und wie sie damit die Basis legen für PPWR-Compliance und kommende Regularien auf Produktebene. 

Warum die PPWR jetzt auf die Agenda gehört

Die Packaging and Packaging Waste Regulation, kurz PPWR, ist mehr als ein neues Verpackungsgesetz. Sie verändert, wie Unternehmen Verpackungen betrachten, dokumentieren und steuern müssen. Verpackungen werden damit nicht mehr nur als Einkaufsmaterial, Transportmittel oder Abfallthema behandelt, sondern als regulierte Produktbestandteile mit eigenen Nachweis-, Dokumentations- und Governance-Anforderungen.

Die Verordnung wurde im Januar 2025 im Amtsblatt der EU veröffentlicht und gilt grundsätzlich ab dem 12. August 2026 unmittelbar in den Mitgliedstaaten. Damit ersetzt sie die bisherige Verpackungsrichtlinie durch eine direkt anwendbare EU-Verordnung.

Für viele Unternehmen entsteht genau hier die Unsicherheit: Was muss bis dahin wirklich stehen? Welche Daten werden gebraucht? Wer ist intern zuständig? Und wie lassen sich PPWR-Anforderungen umsetzen, ohne noch ein zusätzliches Datensilo aufzubauen?

Die gute Nachricht: Unternehmen müssen nicht alles auf einmal perfekt lösen. Aber sie sollten jetzt beginnen, die richtige Grundlage zu schaffen.

Schritt 1: Verpackungen überhaupt sichtbar machen

Der erste praktische Schritt ist banal – und gerade deshalb oft unterschätzt: Unternehmen brauchen ein belastbares Inventar ihrer Verpackungen.

Dazu gehören nicht nur Primärverpackungen, sondern auch Sekundär-, Transport- und Serviceverpackungen. Also etwa Produktverpackungen, Umkartons, Versandkartons, Paletten, Füllmaterialien, Etiketten oder Verpackungen, die über Lieferanten in die eigene Wertschöpfungskette kommen. Für jede relevante Verpackung sollten Unternehmen zumindest erfassen:

Materialien und Materialzusammensetzung, Gewichte und Mengen, Verpackungskomponenten, Lieferanten, Einsatzorte, betroffene Produkte oder Artikelvarianten sowie vorhandene Nachweise. Dazu kommen je nach Verpackung weitere Informationen, etwa Rezyklatanteile, Recyclingfähigkeit, Wiederverwendbarkeit oder substanzbezogene Angaben.

Das Ziel ist nicht sofort die perfekte Datenbank. Das Ziel ist zunächst Transparenz: Welche Verpackungen gibt es überhaupt, wo werden sie genutzt und wer kann dazu Informationen liefern?

Schritt 2: Rollen entlang der Wertschöpfungskette klären

Ein häufiger Fehler in PPWR-Projekten ist, direkt mit Einzeldatenpunkten zu starten, ohne vorher die eigene Rolle zu klären. Dabei hängen viele Pflichten davon ab, ob ein Unternehmen zum Beispiel als Erzeuger, Hersteller, Importeur, Vertreiber oder Produzent im Sinne der erweiterten Herstellerverantwortung betroffen ist.

Diese Rollen sind nicht immer deckungsgleich mit der Alltagssprache. Ein Unternehmen kann Verpackungen einkaufen, eigene Produkte darin verpacken, Verpackungen importieren oder verpackte Waren in einem Mitgliedstaat erstmals bereitstellen. Je nach Konstellation können unterschiedliche Pflichten entstehen.

Praktisch bedeutet das: Unternehmen sollten ihre wichtigsten Verpackungsflüsse einmal systematisch durchgehen. Wer entscheidet über Design und Spezifikation der Verpackung? Wer bringt sie erstmals auf den EU-Markt? Wer importiert sie aus einem Drittland? Wer stellt sie in einem Mitgliedstaat bereit? Und wer muss gegenüber Behörden, Kund:innen oder Geschäftspartner:innen Nachweise liefern? Diese Rollenklärung ist die Grundlage für alle weiteren Arbeitsabläufe.

Schritt 3: Lieferanten früh einbinden

Viele PPWR-Daten liegen nicht im eigenen Unternehmen, sondern bei Verpackungs- und Rohstofflieferanten, Lohnfertigern oder Importpartnern. Wer erst kurz vor der Anwendbarkeit der Pflichten mit Datenanfragen startet, wird schnell merken: Lieferanten benötigen Zeit, um Materialdaten, Konformitätsnachweise oder technische Dokumentation bereitzustellen.

Deshalb sollten Unternehmen jetzt einen klaren Supplier-Workflow aufsetzen. Dazu gehört ein standardisierter Fragebogen, der die wichtigsten Verpackungsdaten und Nachweise abfragt. Ebenso wichtig ist ein Prozess, um Antworten zu prüfen, fehlende Informationen nachzufassen und Dokumente versioniert abzulegen.

Besonders relevant sind Angaben zu Materialzusammensetzung, Gewichten, Rezyklatanteilen, Recyclingfähigkeit, Stoffbeschränkungen, PFAS, Schwermetallen, Substances of Concern sowie vorhandene Zertifikate oder technische Unterlagen.

Wichtig: Lieferanten sind nicht automatisch für alle Pflichten verantwortlich. Aber sie sind oft die einzige realistische Quelle für die Daten, die Hersteller, Importeure oder Produzenten später benötigen.

Schritt 4: Technische Dokumentation und Konformität vorbereiten

Die PPWR bringt Anforderungen an Konformitätsbewertung, technische Dokumentation und EU-Konformitätserklärung mit sich. Die Verordnung nennt unter anderem technische Dokumentation und die EU-Konformitätserklärung als zentrale Nachweisformate; viele wesentliche Konformitätsanforderungen greifen mit dem Geltungsbeginn im August 2026.

In der Praxis bedeutet das: Unternehmen sollten nicht nur Daten sammeln, sondern auch festlegen, wie aus diesen Daten prüfbare Nachweise entstehen. Wer erstellt die technische Dokumentation? Wer prüft die Vollständigkeit oder gibt Verpackungen frei? Wer unterschreibt oder verwaltet Konformitätserklärungen? Und wie wird sichergestellt, dass die Dokumentation zur tatsächlich verwendeten Verpackung passt?

Gerade bei vielen Produkten oder Verpackungsvarianten lohnt es sich, mit einer klaren Struktur zu arbeiten: Verpackungskomponenten, Verpackungskonfigurationen, zugehörige Produkte, Lieferantennachweise und interne Freigaben sollten miteinander verknüpft sein. Sonst entsteht schnell ein Ordner voller PDFs, aber kein belastbarer Compliance-Prozess.

Schritt 5: PPWR-Daten auch für ESRS, Umweltmanagement und Co. nutzen

Der größte Hebel liegt darin, die PPWR nicht isoliert zu betrachten. Viele Informationen, die Unternehmen für Verpackungs-Compliance benötigen, sind auch für andere Nachhaltigkeits-, Reporting- und Risikoprozesse wertvoll. Das gilt nicht nur für einzelne Datenpunkte, sondern auch für die Prozesse, die im Zuge der PPWR entstehen: Lieferantenanfragen, Dokumentenmanagement, Freigaben, Nachweisführung und interne Governance.

Verpackungsdaten können etwa die ESRS- und CSRD-Berichterstattung unterstützen, insbesondere bei Informationen zu Ressourcennutzung, Kreislaufwirtschaft und Abfall. Unternehmen sollten Verpackungsdaten auf Material- und Stücklistenebene deshalb als gemeinsame Datenquelle nutzen, statt PPWR und Nachhaltigkeitsberichterstattung separat aufzubauen.

Auch für Umweltmanagementsysteme, etwa nach ISO 14001, sind PPWR-Daten relevant. Materialeinsatz, Verpackungsabfälle, Lieferant:inneninformationen und Verbesserungsmaßnahmen können direkt in Umweltaspekte, Zielprogramme, operative Kontrollen und kontinuierliche Verbesserungsprozesse einfließen.

Hinzu kommt Carbon Accounting: Verpackungsgewichte, Materialzusammensetzungen und Verpackungsstücklisten sind wichtige Grundlagen, um Emissionsfaktoren zuzuordnen, Product Carbon Footprints zu berechnen oder Scope-3-Daten belastbarer zu machen.

Dasselbe gilt für das Supplier Risk Management. Wer im Rahmen der PPWR Lieferanten, Materialien, Substanzen und Nachweise strukturiert erfasst, schafft gleichzeitig eine bessere Grundlage für Beschaffungsrisiken, Nachhaltigkeitsbewertungen und Due-Diligence-Prozesse.

Kurz gesagt: die PPWR ist Pflicht. Aber die entstehende Daten- und Prozessbasis kann deutlich mehr leisten, wenn Unternehmen sie von Anfang an als wiederverwendbare Grundlage für Nachhaltigkeitsmanagement, Reporting und Risikosteuerung aufbauen.

Pragmatische Umsetzung: Was Unternehmen kurzfristig tun sollten
Für die nächsten Monate empfiehlt sich ein pragmatischer Umsetzungsplan.

  1. Verantwortlichkeiten klären: PPWR betrifft nicht nur Sustainability, sondern auch Einkauf, Produktmanagement, Packaging, Legal, Qualität, Logistik und Vertrieb.
  2. Verpackungsinventar aufbauen: Unternehmen sollten mit den wichtigsten Produkten, Verpackungen und Lieferanten starten, statt auf eine perfekte Gesamtlösung zu warten.
  3. Rollen und Pflichten zuordnen: Für jede Verpackungsart sollte klar sein, welche Rolle das Unternehmen einnimmt und welche Nachweise daraus folgen.
  4. Lieferantendaten anfragen: Je früher die Datenerhebung beginnt, desto besser lassen sich Lücken erkennen.
  5. Dokumentationsstruktur definieren: Daten, Nachweise, technische Dokumentation und Konformitätserklärungen sollten nicht getrennt voneinander gepflegt werden.
  6. Schnittstellen zu CSRD, Umweltmanagement und Supplier Risk mitdenken: So wird aus einem kurzfristigen Compliance-Projekt eine langfristig nutzbare Datenbasis.

Fazit: Jetzt starten und mit der PPWR die Datengrundlage für Morgen legen

Viele Unternehmen wünschen sich aktuell noch mehr Klarheit zur konkreten Umsetzung der PPWR. Gleichzeitig sind die grundlegenden Handlungsfelder bereits deutlich, die schon jetzt angegangen werden können: Verpackungen identifizieren, Daten sammeln, Rollen klären, Lieferant:innen einbinden und Nachweise vorbereiten.

Wer jetzt startet, reduziert nicht nur das Risiko hektischer Nacharbeiten. Unternehmen schaffen auch eine Datenstruktur, die über PPWR hinaus nutzbar ist – für CSRD, ESRS, Umweltmanagement, Carbon Accounting und Lieferantensteuerung.
Die PPWR ist damit nicht nur eine neue Compliance-Aufgabe. Sie ist ein guter Anlass, Verpackungsdaten endlich so aufzubauen, wie Unternehmen sie künftig benötigen: strukturiert, prüfbar und wiederverwendbar.

Mehr dazu erfahren Sie im PPWR-Webinar von Code Gaia.

 

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