Freiwillige Nachhaltigkeitsberichte

Warum Unternehmen freiwillig mehr liefern, als der VSME verlangt


VSME-Studie Scholz & Friends Reputation 1

Freiwillig, aber ambitioniert: Eine neue Studie untersucht, wie Unternehmen den freiwilligen Berichtsstandard VSME – künftig VS – nutzen. Dr. Norbert Taubken erklärt in diesem Gastbeitrag, warum viele Unternehmen bewusst über den Standard hinausgehen und Nachhaltigkeitsberichte strategisch ausrichten.

Mit den Omnibus-Beschlüssen der EU aus dem Jahr 2025 hat sich die Ausgangslage für die Nachhaltigkeitsberichterstattung in Europa grundlegend verändert. Rund 90 Prozent der Unternehmen, die ursprünglich unter die CSRD-Berichtspflicht gefallen wären, sind heute nicht mehr dazu verpflichtet. Dennoch zeigt sich in der Praxis ein bemerkenswertes Muster: Viele dieser Unternehmen berichten weiterhin – freiwillig, und überwiegend auf Basis des Voluntary Standard for Small and Medium Enterprises (VSME), den die EU-Kommission für diesen Zweck empfiehlt und der inzwischen als Voluntary Standard (VS) für die Berichtssaison 2026 zur Verfügung steht.

Die Nachhaltigkeitsberatung Scholz & Friends Reputation hat diese Entwicklung zum Anlass genommen, 53 freiwillig veröffentlichte VSME-Berichte aus den Geschäftsjahren 2024 und 2025 systematisch zu analysieren. Unsere VSME-Studie liefert ein differenziertes Bild davon, wie Unternehmen den freiwilligen Standard tatsächlich nutzen – und wo sie bewusst über die Mindestanforderungen hinausgehen.

Das Comprehensive Modul dominiert. Und die Umweltthemen brauchen Platz.

Ein zentrales Ergebnis: Der VSME sieht ein schlankes Basismodul mit elf Themenbereichen vor, das um ein umfassenderes „Comprehensive Modul“ erweitert werden kann. In der Praxis nutzen 8 von 10 Unternehmen dieses erweiterte Modul. Selbst bei Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitenden liegt der Anteil bei 7 von 10. Das Basismodul allein scheint für die meisten Unternehmen keine ausreichende Grundlage zu bieten, um ein belastbares Nachhaltigkeitsbild zu zeichnen. Innerhalb des ESG-Kanons nimmt die Berichterstattung zu Umweltthemen im Durchschnitt mehr Berichtsseiten ein als Soziales und Governance zusammen. Auffällig ist, dass allgemeine Informationen und weitere, nicht-VSME-spezifische Themenfelder im Schnitt 45 Prozent der Seiten füllen. 

Fünfmal „Plus“: Wo Unternehmen freiwillig draufsatteln und die VS-Vorgaben erweitern.

Die Studie identifiziert fünf Ebenen, auf denen Unternehmen über die VSME-Vorgaben hinausgehen:

Erstens erweitern rund 85 Prozent der Unternehmen den geforderten Datenkanon um zusätzliche, für sie strategisch relevante Kennzahlen. Ein Phänomen, das sich selbst bei kleineren Unternehmen mit reinem Basismodul zeigt.

Zweitens investieren etwa 7 von 10 Unternehmen erkennbar in die sprachliche und redaktionelle Qualität ihrer Berichte. Bei Unternehmen mit B2C-Bezug steigt dieser Anteil auf 9 von 10.

Drittens zeigt sich bei der gestalterischen Qualität ein gespaltenes Bild: Nur gut die Hälfte der Berichte ist professionell layoutet, wobei der Anteil mit Unternehmensgröße und Endkundenrelevanz deutlich steigt.

VSME-Studie Scholz & Friends Reputation 2

Viertens integrieren 7 von 10 Unternehmen eine Wesentlichkeitsanalyse in ihren Bericht, obwohl diese nach VSME – und auch künftig nach VS – nicht gefordert wird. Bemerkenswert: Die meisten nutzen dabei den Double-Materiality-Ansatz aus den ESRS, und zwar auch kleinere Unternehmen, die nie in den Anwendungsbereich der CSRD gefallen sind.

Fünftens ergänzen 60 Prozent der Unternehmen eine breite Übersicht über ihre ESG-Ziele. Wir verstehen das als Hinweis darauf, dass in der freiwilligen Berichterstattung nicht nur Transparenz, sondern auch die strategische Positionierung eine wichtige Rolle spielt.

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Die Rolle der freiwilligen Berichte: Vom Compliance-Dokument zum strategischen Statement.

Die Ergebnisse legen nahe, dass auch der Voluntary Standard VS von vielen Unternehmen nicht als finaler Datenkanon, sondern eher als Ausgangspunkt für das eigene Reporting verstanden wird. Wer sich in den vergangenen Jahren bereits mit der CSRD-Systematik befasst hat, nutzt diese Vorarbeit nun in der freiwilligen Berichterstattung weiter – etwa bei der Wesentlichkeitsanalyse oder bei spezifischen Daten.

Gleichzeitig zeigt die Studie ein Spannungsfeld auf: Insbesondere B2C-orientierte und große Unternehmen investieren tendenziell stärker in Gestaltung und Sprache. Dabei dürfen zentrale Stakeholder-Gruppen eines Reportings wie Banken oder Rating-Agenturen nicht aus dem Blick geraten. Die EFRAG entwickelt bereits ein digitales Template mit XBRL-Taxonomie für den Voluntary Standard – ein Hinweis darauf, dass Maschinenlesbarkeit auch für freiwillige Bericht künftig an Bedeutung gewinnen wird. Zwischen gutem Layout und eingängigen Storys auf der einen sowie Datenvalidität und Maschinenlesbarkeit auf der anderen Seite werden Unternehmen die unterschiedlichen Einsatzfelder für ihren Bericht zunehmend ausbalancieren müssen.

Verschiedene mögliche Rollen eines freiwilligen Berichts als Transparenz-Dokument wie auch zur Darlegung der eigenen strategischen Ausrichtung müssen von den Unternehmen zusammengebracht werden. Hier könnte sich eine Entwicklung abzeichnen, die den Transparenz-Aspekt stärker in ein eigenes „Lean-Reporting“-Dokument abspaltet, so dass die strategische Positionierung und Darlegung von Aktivitäten in den Mittelpunkt eines zweiten Mediums rücken kann. Das von uns in den letzten Jahren entwickelte Modell eines „Sustainability Hubs“ kann dann als Blaupause dienen, um beide Ansätze miteinander zu verbinden. Gerade vor dem Hintergrund der EmpCo-Anforderungen eine sicher interessante Perspektive.

Die vollständige VSME-Studie mit Detailergebnissen nach Unternehmensgröße, Zielgruppensegment und weiteren Kriterien sowie konkreten Handlungsempfehlungen für Unternehmen steht hier zum Download bereit.

 

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