Warum ESG-Daten kein Unternehmen verändern
Die Herausforderung: ESG-Daten und ihre fehlende strategische Nutzung
Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie ESG. Während große Unternehmen erhebliche Ressourcen in die Erhebung von Nachhaltigkeitsdaten investieren, fragen sich viele mittelständische Unternehmen noch immer, warum sie sich überhaupt mit ESG beschäftigen sollten. Schließlich sind sie häufig nicht berichtspflichtig und sehen sich mit „ganz anderen“ Herausforderungen konfrontiert: Fachkräftemangel, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, volatile Lieferketten, steigende Energie- und Rohstoffpreise oder die Unternehmensnachfolge bestimmen den Alltag.
Genau darin liegt jedoch ein häufig unterschätztes Missverständnis. Denn diese Herausforderungen sind ESG. Sie entscheiden darüber, wie widerstandsfähig, wettbewerbsfähig und zukunftsfähig ein Unternehmen langfristig sein wird. Wer ESG ausschließlich mit Berichterstattung verbindet, übersieht den eigentlichen Kern des Themas.
Die Konsequenz: Dadurch entstehen derzeit zwei sehr unterschiedliche Realitäten.
Auf der einen Seite stehen tausende mittelständische Unternehmen, die bislang kaum ESG-Daten erheben, weil sie weder regulatorisch dazu verpflichtet sind noch den unmittelbaren Nutzen erkennen. Damit fehlen häufig nicht nur Kennzahlen, sondern vor allem Transparenz über zentrale Zukunftsfragen des eigenen Geschäftsmodells. Wo entstehen künftig Risiken? Welche Lieferketten sind besonders anfällig? Welche Kompetenzen fehlen in fünf Jahren? Welche Auswirkungen haben steigende CO₂- oder Energiepreise auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit? Ohne entsprechende Daten bleiben diese Fragen häufig unbeantwortet.
Auf der anderen Seite stehen Unternehmen, die bereits seit Jahren ESG-Daten sammeln. Dort zeigt sich inzwischen ein anderes Problem. Die Daten sind vorhanden – ihre Wirkung bleibt jedoch häufig aus.
Das eigentliche Problem: Fehlende Integration der ESG-Daten in Entscheidungen
Genau dieses Muster zeigt sich regelmäßig in Strategieworkshops mit Führungskräften einer Bank. Bemerkenswert war dabei weniger die Diskussion über neue Kennzahlen als vielmehr die Frage, welchen konkreten Mehrwert die bereits vorhandenen ESG-Daten eigentlich erzeugen. Die Teilnehmenden hinterfragten, warum umfangreiche Informationen zu Kundinnen und Kunden erhoben werden, wenn daraus weder eine bessere Beratung noch neue Dienstleistungen oder konkrete Steuerungsimpulse entstehen.
Diese Diskussion blieb kein Einzelfall. Über sämtliche Arbeitsgruppen hinweg zeigte sich ein bemerkenswert einheitliches Bild. Unabhängig davon, ob über Wohnen, Firmenkunden, Personal, Energie oder regionale Entwicklung diskutiert wurde, tauchten immer wieder dieselben Forderungen auf: ESG-Daten stärker für Beratung und Kundenmehrwert nutzen, Zielsysteme und Prozesscockpits daran ausrichten, Entscheidungskompetenzen weiterentwickeln, die Wirkung von Finanzierungen transparenter machen und vorhandene Informationen intelligenter miteinander verknüpfen.
Damit wird deutlich, dass das eigentliche Defizit heute häufig nicht nur in der fehlenden Datenerhebung liegt, sondern in der nicht vorhandenen Integration der Informationen in Managementprozesse.
Denn Daten verändern zunächst nichts. Sie beschreiben lediglich einen Ist-Zustand. Erst wenn sie Investitionsentscheidungen beeinflussen, Innovationen priorisieren, Risiken frühzeitig sichtbar machen oder Führungskräften als Grundlage für Entscheidungen dienen, entsteht daraus unternehmerische Wirkung.
Genau an dieser Stelle entsteht jedoch häufig eine Lücke. Mitarbeitende investieren erhebliche Zeit in die Erhebung von ESG-Daten, erleben jedoch kaum, dass diese Informationen ihren Arbeitsalltag oder unternehmerische Entscheidungen tatsächlich verändern. ESG oder „Nachhaltigkeit“ wird dadurch schnell als zusätzlicher Verwaltungsaufwand wahrgenommen, obwohl das eigentliche Problem nicht die Datenerhebung selbst ist, sondern deren fehlende Konsequenz.
Noch kritischer wird diese Entwicklung auf Kundenseite. Viele Unternehmen liefern heute umfangreiche ESG-Informationen an Banken, Versicherungen oder Geschäftspartner. Sie beantworten Fragebögen, stellen Emissionsdaten bereit und investieren personelle Ressourcen in die Aufbereitung der Informationen. Gleichzeitig erleben viele von ihnen, dass diese Daten bislang kaum Einfluss auf Beratungsgespräche oder Finanzierungslösungen haben. Der wahrgenommene Aufwand steigt – der erlebbare Nutzen bleibt aus.
Wie können ESG-Daten unternehmerischen Mehrwert schaffen?
Die entscheidende Managementfrage lautet deshalb nicht mehr, welche ESG-Kennzahl zusätzlich erhoben werden sollte. Viel wichtiger ist die Frage, welche Entscheidung morgen anders getroffen wird, weil diese (neue) Information vorliegt.
Für mittelständische Unternehmen bedeutet dies zunächst, Transparenz über die eigene Zukunftsfähigkeit zu schaffen. Für Unternehmen mit hoher ESG-Reife bedeutet es dagegen, vorhandene Informationen endlich konsequent in Strategie, Prozesse und Steuerung zu integrieren.
Die nächste Entwicklungsstufe des Nachhaltigkeitsmanagements wird deshalb nicht durch noch mehr voneinander isolierte Daten entstehen. Sie entsteht dort, wo ESG-Daten vom Reporting in das Management wandern. Erst wenn Informationen Entscheidungen verändern, entfalten sie ihren eigentlichen Wert. Genau daran wird sich künftig messen lassen, ob ESG tatsächlich zur Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens beiträgt – oder lediglich eine weitere Berichtspflicht bleibt.
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