Recht auf Reparatur

Warum Reparierbarkeit zum Maßstab glaubwürdiger Kreislaufwirtschaftsstrategien wird

Das Right to Repair verändert den Fokus der Kreislaufwirtschaft: von Recycling zu längeren Produktlebenszyklen. Was das für Produktdesign, Geschäftsmodelle und die Umwelt bedeutet, erklärt Alexandre Tanay in diesem Gastkommentar.

Smartphone Reparatur

Zum 31. Juli 2026 trat in Deutschland das Gesetz zur Umsetzung der europäischen Right-to-Repair-Richtlinie in Kraft. Damit wird Reparierbarkeit verbindlich im Verbraucherrecht verankert. Für Herstellende bedeutet das einen Wandel hin zu längeren Produktlebenszyklen, gesicherter Ersatzteilverfügbarkeit und mehr Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette. In Deutschland bietet dies zudem die Chance, durch Reparatur- und Aufbereitungsbetriebe Arbeitsplätze zu schaffen und die lokale Wirtschaft anzukurbeln.

Für Nachhaltigkeitsmanager:innen rückt ein bislang oft zwischen Gewährleistungsrecht und Verbraucherschutz verortetes Thema ins Zentrum der Kreislaufwirtschaft – mit Folgen für Produktdesign, Lieferketten und Kommunikation.

Was sich regulatorisch ändert

Die Richtlinie (EU) 2024/1799 verpflichtet Herstellende bestimmter Produktgruppen wie Smartphones, Waschmaschinen und Kühlschränke, Verbraucher:innen auch außerhalb der gesetzlichen Gewährleistungsfrist ein Recht auf Reparatur einzuräumen. Herstellende dürfen eine Reparatur künftig nicht mehr verweigern, wenn sie technisch möglich ist. Sie muss zudem zu einem angemessenen Preis und innerhalb einer angemessenen Frist erfolgen.

Zugleich stärkt die Richtlinie unabhängige Reparaturbetriebe und fördert einen offenen Reparaturmarkt. Herstellende dürfen Reparaturen nicht ablehnen, weil ein Produkt zuvor von einer anderen Werkstatt oder einem Refurbisher repariert wurde. Auch dürfen sie Reparaturen außerhalb autorisierter Netzwerke nicht durch Fehlermeldungen oder das Sperren von Ersatzteilen behindern.

Ein weiterer Anreiz: Entscheiden sich Verbraucher:innen innerhalb der Gewährleistungsfrist für eine Reparatur statt für einen Austausch, verlängert sich die Gewährleistung einmalig um zwölf Monate. Zudem sind Informationen zu Reparaturleistungen, Preisen, Fristen sowie zu Ersatzteilen und Werkzeugen leichter zugänglich zu machen. Ein europäisches Reparaturinformationsformular und eine Online-Plattform sollen zusätzliche Transparenz schaffen.

Chancen und Herausforderungen für Hersteller

Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Ausgangslage. Unternehmen mit modularen Produkten und standardisierten Ersatzteilen können die Anforderungen vergleichsweise leicht erfüllen und Reparierbarkeit als Wettbewerbsvorteil nutzen. Andere müssen Produktentwicklung, Beschaffung und Ersatzteillogistik teils grundlegend anpassen.

Folgende drei Herausforderungen sind dabei zentral: Erstens müssen Ersatzteile und Reparatur-Know-how langfristig verfügbar sein. Zweitens wird die Preisgestaltung entscheidend: Reparaturen müssen wirtschaftlich tragfähig, aber attraktiv gegenüber einem Neukauf bleiben. Drittens verändert sich das Geschäftsmodell: Reparatur, Refurbishment und Wiederverkauf entwickeln sich zu eigenständigen Wertschöpfungsquellen. Unternehmen, die zirkuläre Modelle früh erprobt haben, sind hier im Vorteil.

Reparierbarkeit als Gradmesser für Kreislaufwirtschaft

Das Right to Repair verschiebt den Fokus von Recycling auf die tatsächliche Lebensdauer von Produkten. Reparierbarkeit wird damit zu einem messbaren Indikator für glaubwürdige Kreislaufwirtschaftsstrategien. Zudem dürften Investor:innen und Ratingagenturen entsprechende Informationen stärker berücksichtigen.

Längere Produktlebensdauern bringen zudem klare ökologische Vorteile. Generalüberholte Smartphones senken im Vergleich zu Neugeräten den Rohstoffbedarf im Durchschnitt um 91 Prozent und den CO2-Fußabdruck um 87 Prozent.

Was das für Nachhaltigkeitsmanager:innen bedeutet

Kreislaufwirtschaft einschließlich Reparatur und Refurbishment wird künftig nicht mehr nur als Umwelt- oder Reportingthema betrachtet, sondern als unternehmerische Priorität mit Wachstumspotenzial. Damit wächst auch die Bedeutung von Nachhaltigkeitsmanager:innen. Sie müssen Geschäfts- und Berichtsbereiche stärker zusammenführen und eine ganzheitliche Umsetzung vorantreiben.

Was kommt als nächstes?

Die Richtlinie ist ein wichtiger Fortschritt, reicht aber allein nicht aus. Für Reparaturbetriebe und Refurbisher bestehen weiterhin Hürden. In den Jahren 2026 und 2027 stehen weitere wichtige EU-Vorhaben an, etwa zu Ökodesign, Produktkonformität, Circular Economy Act und die grüne Mehrwertsteuer. Bislang sind diese Initiativen jedoch nicht ambitioniert genug, um Reparatur und Refurbishment voll zu stärken.

Dabei leisten beide Bereiche einen wichtigen Beitrag zu Wirtschafts- und Umweltzielen: Sie schaffen Arbeitsplätze, gewinnen wirtschaftlichen Mehrwert aus ausgelagerten Lieferketten für neue Produkte zurück, senken Emissionen und Rohstoffverbrauch und helfen, die Kaufkraft zu erhalten. Umso wichtiger sind starke Stimmen, auch aus Deutschland, die sich auf europäischer Ebene für diese Zukunftsindustrien einsetzen.

 

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