Wie das Rheinische Revier zur Modellregion für Bioökonomie wird
Frau Krüger, was ist Bioökonomie eigentlich?
Bisher wirtschaften wir überwiegend linear: Wir stellen Produkte aus Erdöl her, nutzen sie und werfen sie weg, wenn sie ausgedient haben. In der Bioökonomie denken wir dagegen von Anfang an in Kreisläufen. Schon bei der Herstellung eines Produkts fragen wir: Lassen sich dafür biogene Roh- und Reststoffe und Prozesse einsetzen? Wie lässt sich das Produkt später weiternutzen, wenn es nicht mehr gebraucht wird? Damit ist die Bioökonomie zentral für eine Wirtschaft, die Ressourcen schont.
Warum eignet sich gerade das Rheinische Revier für dieses Vorhaben?
Die Region bietet starke Voraussetzungen: eine traditionsreiche Land- und Ernährungswirtschaft mit bedeutendem Anbau von Zuckerrüben und Getreide sowie ausgeprägte Industrien in den Branchen Papier, Textil, Maschinenbau und Chemie mit Kunststoff, Pharma und Biotech, vor allem entlang der Rheinschiene. Diese Branchen stehen vor einer notwendigen Transformation. Zugleich verfügt die Region über eine hohe Dichte an bioökonomischer Forschung mit 19 Universitäts- und FH-Standorten, darunter die RWTH Aachen, die Unis in Bonn und Düsseldorf, die durch außeruniversitäre Einrichtungen wie das Forschungszentrum Jülich ergänzt werden. Im Bioeconomy Science Center (BioSC), einer strategischen Landesinitiative von NRW, arbeiten die genannten seit über zehn Jahren eng zusammen. Damit bestehen beste Voraussetzungen für den Aufbau einer Bioökonomieregion, angestoßen durch den Strukturwandel infolge des Braunkohleausstiegs.
Gemeinsam gestalten: Vernetzung von Unternehmen, Forschung und Landwirtschaft
Das ganze Wirtschaftsmodell einer großen Region umzustellen, ist sicher kein Kinderspiel. Wie geht man so etwas an?
Das Wichtigste war und ist, miteinander zu reden. Es geht vor allem um Vernetzungsarbeit für neue Wertschöpfungsketten, Innovation und neue Geschäftsmodelle. In der Fossilwirtschaft gibt es feste Branchen, die nebeneinander existieren. Die Bioökonomie möchte diese Struktur aufbrechen und unterschiedliche Branchen zusammenbringen. Es geht darum, dass eine systemische Struktur entwickelt wird, die integrierbar ist. Dabei hilft uns, dass wir aus der Region kommen und unser Team sehr unterschiedliche Hintergründe mitbringt: von der Wirtschaftsingenieurin über Fachleute für Agrar, Textil, Ernährung, Biotechnologie und Bildung bis zum Regionalmanager. Gerade zu Beginn haben unsere Transformationsmanager gezielt das Gespräch mit Unternehmen gesucht, für die unsere Ideen interessant sein können. Im Mittelpunkt stand, ihre Probleme zu verstehen und gemeinsam zu überlegen, wo sich eine Lösung finden lässt.
Haben Sie ein Beispiel?
Ein Unternehmen stellt Schmierstoffe aus Erdöl her und suchte dafür eine nachhaltigere Alternative. Wir haben geprüft, welche biogenen Ausgangsstoffe infrage kommen. Das waren Pflanzenöle. Dann haben wir gefragt, ob sich solche Öle hier in der Region anbauen lassen. Gelandet sind wir bei der Färberdistel: Sie wächst auf heimischen Böden und liefert ein Öl, das sich als Ausgangsverbindung für umweltfreundliches Schmiermittel eignet. Auch für die Kosmetikindustrie ist das Öl interessant. Darüber hinaus eignen sich die Fasern der Pflanze als Rohstoff für Papier, Verpackungen oder als Faserverbundstoffe. Das Beispiel zeigt gut, worauf es ankommt: Für die Bioökonomie müssen wir Branchen und Partner zusammenbringen, die bisher nichts miteinander zu tun hatten – hier ein Industrieunternehmen und dort Landwirte, die bereit sein müssen, eine neue Kultur auszuprobieren. Gerade für den Mittelstand eröffnet sich so die Chance, das eigene Geschäftsmodell zu verändern. Und wir brauchen Forschungsinstitute, die das wissenschaftlich begleiten. Und weil Vernetzung so wichtig ist, organisieren wir regelmäßig Veranstaltungen, die es den unterschiedlichen Branchen ermöglichen, sich gegenseitig zu entdecken und neue Netzwerke zu knüpfen.
Potenziale nutzen: Bioökonomie als Motor für neue Geschäftsmodelle
Eine neue Kultur auszuprobieren ist für Landwirte auch ein Risiko. Wie überzeugen Sie sie, bei solchen Projekten mitzumachen?
Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden und verstehe Landwirte daher ganz gut. Die Landwirtschaft steht unter hohem Transformationsdruck und muss sich zukunftsfähig aufstellen. Es geht um Klimaresilienz, um eine veränderte Verteilung von Wasser und Sonne und um den internationalen Wettbewerb. Außerdem soll der Betrieb für die nachfolgende Generation erhalten bleiben. Interessant wird es, wenn man Kulturen ins Spiel bringt, die eine höhere Wertschöpfung versprechen. Der Landwirt fragt immer, ob es einen besseren Preis gibt, wenn er seine Fruchtfolge um ein neues Nahrungsmittel oder einen Rohstoff ergänzt. Auch ein Absatzmarkt, der nicht von schwankenden Preisen am Weltmarkt abhängt, ist wichtig. Beim Anbau spielt eine Rolle, ob man weniger Pflanzenschutz benötigt oder mit vorhandenen Maschinen arbeiten kann, was die Investitionen niedrig hält. Am Ende muss es sich rechnen. Dafür braucht es viel Ausprobieren und Querdenken. Wir arbeiten jetzt seit sechseinhalb Jahren an diesen Themen. Mittlerweile sehen die Landwirte, dass es sich für sie lohnen kann. Auch die Landwirtschaftskammern greifen das auf.
In der Region sieht man inzwischen viele Agri-PV-Anlagen. Passt das auch zur Bioökonomie?
Ja. Hierbei handelt es sich um ein innovatives Agrar- und Landnutzungssystem, das Fläche effizient nutzt, indem auf derselben Fläche neben der Landwirtschaft gleichzeitig Strom erzeugt wird. Wir haben dazu eine große Forschungs- und Demonstrationsanlage entwickelt, wo verschiedene Möglichkeiten erprobt werden und die Menschen sich das ansehen können. Denn nicht jede Variante ist sinnvoll.
Diese Anlage, auf der auch neue Feldfrüchte wachsen und Agrar-Robotik getestet wird, steht auf dem Agri-Food-Energy Park nahe Bürgewald, einem Dorf, das eigentlich dem Braunkohletagebau weichen sollte. Wegen des vorzeitigen Ausstiegs bleibt es jetzt erhalten. Daraus soll nun in enger Zusammenarbeit mit der Kommune ein „Profilort“ der Bioöokonomie werden, an dem Verarbeitungs- und Veredelungstechnologien von landwirtschaftlichen Roh – und Reststoffen gebündelt werden. So können neue Ansätze und Technologie-Konzepte erprobt und in unmittelbarer Nähe der landwirtschaftlichen Praxis demonstriert werden. In der Region entstehen weitere Orte mit Bioökonomie-Schwerpunkten, die sich auf die jeweils örtlichen Stärken beziehen, etwa die Modellfabrik Papier in Düren oder der Food-Campus in Elsdorf auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik.
Ressourcen schonen, Werte schaffen
Wie groß ist die Unterstützung aus der Politik?
Sehr groß. Die Politik hat gleich ein großes Interesse an dem Thema. Es geht um die Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaftsform und dann konkret um den Strukturwandel in unserer Region. Die EU hat im Dezember 2025 ihre Bioökonomiestrategie als zentralen Hebel für Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und strukturellen Wandel veröffentlicht. Deutschland hat ebenfalls eine Bioökonomiestrategie, und NRW hat soeben im Juni eine eigene Landesstrategie als wesentliches Element der industriellen Erneuerung herausgegeben. Das sind nur einige Beispiele, wie Bioökonomie auf vielen politischen Ebenen vorangetrieben wird. Aktuell entwickelt BioökonomieReviert gemeinsam mit der Zukunftsagentur Rheinisches Revier und den Akteuren vor Ort eine übergreifende Bioökonomie-Strategie für das Rheinische Revier. Damit ist die Region Vorreiter in NRW, Deutschland und Europa.
Ist Bioökonomie per se nachhaltig?
Nein, das muss man von A bis Z durchdenken. Das Thema biobasierte Kunststoffe zeigt dies sehr anschaulich: Wenn ich etwa einen Kunststoff auf Basis von Kartoffelschalen produziere, stellt sich die Frage: Ist das Produkt am Ende abbaubar - oder genauso problematisch wie Kunststoffe auf Basis von Erdöl? Wie hoch ist der Energiebedarf in der Herstellung? Es geht um die Gesamtbilanz.
Wie viel haben Sie schon erreicht? Gibt es Unternehmen der Bioökonomie, die hier groß geworden sind?
Eine Bioökonomie aufzubauen braucht einen langen Atem. Ein Beispiel ist das Biotechnologie-Unternehmen SenseUp Biosciences, dessen Technologie am Forschungszentrum Jülich und im Rahmen von BioSC-Projekten erforscht und dann in einem Innovationslabor von BiökonomieRevier weiterentwickelt wurde. Es produziert aus Maisstärke und Wasser RNA-basierte Wirkstoffe für biologische Pflanzenschutzmittel, die nachhaltig und wirtschaftlich sind. SenseUp hat kürzlich drei Millionen Euro Seed-Kapital für die Skalierung erhalten und kann nun weiter wachsen.
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